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GESCHICHTE EINER FLUCHT

Der Bürgerkriegshölle entkommen

Der 35-jährige Moustapha Sanogo ist vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat Elfenbeinküste geflohen und hat dort wie auf dem Weg nach Deutschland unfassbares Leid erlebt. Heute arbeitet er im Hannover Congress Centrum in der Setup-Crew. Moustapha Sanogo ist ein Beispiel für das Ankommen in unserer Branche.

"K
rise der Elfenbeinküste: 
Vom Musterland zum Horrorstaat
“, ist ein Bericht aus Spiegel Online vom 29. März 2011 überschrieben, der mit dem Satz beginnt: „Einst war die Elfenbeinküste ein Musterstaat im Westen Afrikas.“ Doch nun tobt „ein blutiger Machtkampf, der täglich brutaler wird – und immer mehr Menschen zur Flucht zwingt“.

Einer von ihnen ist Moustapha Sanogo. Der 35 Jahre alte Ivorer, Bürger der Elfenbeinküste, blinzelt an diesem Wintermorgen in Hannover in die Sonne, die das Büro von Lutz Wohlers mit Licht durchflutet. Der Leiter Gebäudemanagement im Hannover Congress Centrum ist als erster Ansprechpartner eine Art väterlicher Mentor im Unternehmen für den geflüchteten jungen Mann geworden, zugleich aber auch sein Vorgesetzter.

Denn Moustapha Sanogo hat geschafft, wovon viele hier in Deutschland angekommene Menschen aus Krisengebieten nur träumen können: Er ist in Lohn und Brot gekommen in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Und er hat unfassbares Leid hinter sich gelassen. Sanogo kümmert sich seit 2016 in Festanstellung um Bestuhlung und Equipment, alles eben, was beim Auf- und Abbau zu Veranstaltungen so anfällt unter der historischen Kuppel des HCC.

Die Gewalt in seiner afrikanischen Heimat hat Narben hinterlassen – sichtbare auf seiner Haut einerseits. Sanogo deutet auf eine längliche wulstige Spur am Kopf, dann zieht er die Socken herunter, wo eine vernarbte Brandwunde an der Wade zum Vorschein kommt. Doch die unsichtbaren Einschläge in der Seele sind es, die schlimmer schmerzen als es alle Wunden je könnten, die ihm die Soldaten der so genannten Rebellen im Bürgerkrieg in seiner Heimat geschlagen haben.

Seine Geschichte beginnt so: Moustapha Sanogo lebt ein ruhiges Leben mit Freundin und siebenjährigem Sohn in Abijan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, als die Rebellen aus dem Norden in seiner Nachbarschaft einfallen. 2010 ist das, als die Elfenbeinküste in eine erneute schwere kriegerische Krise gerät. Damals studiert Sanogo Wirtschaft. Er ist als Sohn relativ wohlhabender Eltern in der Elfenbeinküste geboren, besucht einen privaten Kindergarten, dann sechs Jahre lang eine Grundschule, lernt als erste Fremdsprache Französisch. Geboren ist der heute 35-Jährige in Daloa, einer Stadt in der Mitte der Elfenbeinküste mit rund 320.000 Einwohnern. Nördlich der Elfenbeinküste liegt Mali, östlich davon Ghana. Sanogos Muttersprache ist Bambara, gesprochen von 2,8 Mio. Menschen hauptsächlich in Mali, Burkina Faso und der Elfenbeinküste.



An einem Abend nach einem langen Tag an der Universität 2010 ahnt Moustapha Sanogo nichts Böses, als es an der Türe klingelt. Als er öffnet, blickt er in die Mündung eines Gewehrs, ein Uniformierter baut sich drohend vor ihm auf und lockt: „Komm mit, wir sind die Rebellen.“ Als Sanogo ablehnt, wird der ungebetene Besuch handgreiflich, drängt den Hausherrn zur Seite, stürmt in die Wohnung und schlägt dort Sanogos Freundin. Moustapha Sanogo selbst findet sich Stunden später in einem Fracht- Container wieder, der sein Gefängnis werden soll für die nächsten Stunden, Tage, Wochen.

Weil der Container von innen luftdicht abschließt, haben die Milizen Löcher in die Außenwände geschossen, durch die der Wind pfeift. Es gibt kein Essen, kein Wasser. Die Eingesperrten beginnen ihren eigenen Urin zu trinken. „Wir mussten knien, wir mussten die Hände hinter dem Kopf falten.“ Es sind Rituale der Erniedrigung, die an Erschießungen denken lassen und so Todesangst bei den Opfern auslösen. Als sie den Container kurz verlassen dürfen und einen Moment lang unbeobachtet bleiben, rennen sie einfach los. Sanogos Freund wird im Laufen hinterrücks von einer Kugel getroffen, abgefeuert von den Wachposten. Er bleibt sterbend liegen, während Moustapha Sanogo die Flucht gelingt.

Traumatisiert findet Sanogo einen Job in Abijan als Tankwart, bis die Rebellen auch diesen Teil der Stadt überfallen. Wieder muss Sanogo aus nächster Nähe mit ansehen, wie die Uniformierten morden, sie übergießen einen Kollegen in der Tankstelle mit Benzin und zünden ihn an, er verbrennt bei lebendigem Leib. Das Grauen ist der letzte Anstoß für Moustapha Sanogo, aus dieser Bürgerkriegshölle zu fliehen. Im Nachrichtendeutsch von Spiegel Online liest sich die damalige Lage im Land so: „Seit der Präsidentschaftswahl 2010 kam es zwischen Anhängern beider Lager zu einer Regierungskrise mit gewaltsamen Auseinandersetzungen und Todesopfern. Auch ein Blauhelm-Konvoi wurde angegriffen. Dabei wurden schwere Waffen gegen Zivilisten eingesetzt.“

Die Angst und Sorge, wieder den Rebellen in die Hände zu fallen, sitzt Moustapha Sanogo auf der Flucht ins nördliche Nachbarland Mali im Nacken. Er geht zu Fuß. Auch in Mali herrscht kein geordnetes staatliches Leben. Menschen in Uniformen geben sich als Polizisten aus, immer wieder säumen Kindersoldaten die Straße. Ein kleines Barvermögen, das verschlossene Türen und Schlagbäume öffnen kann, verhilft Sanogo schließlich zu einem Flug nach Istanbul und zur Einreise in die Türkei. Nur weit weg aus Afrika, lautet der Plan. Am Rande der Bosporus- Metropole findet er in der Ruine eines Hauses Unterschlupf, zusammen mit Flüchtlingen aus dem Iran und Syrien.

Handlangertätigkeiten am Bau verhelfen immer wieder zu etwas Ess- und Trinkbarem. Doch eine längerfristige Perspektive gibt es nicht. Als Schwarzer steht Moustapha Sanogo in der Hackordnung der türkischen Gesellschaft ganz unten. Die in der Türkei bestenfalls geduldeten Menschen beschließen, in Richtung Westen weiterzuziehen.

INTEGRATION: VPLT- UND EVVC-UMFRAGE

Wie können Geflüchtete in Veranstaltungszentren integriert werden, welche Rahmenbedingungen müssen dafür erfüllt sein?
Diese zentrale Frage stellen der Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik (VPLT) und der Europäische Verband der Veranstaltungs- Centren (EVVC) in einer Umfrage unter dem Titel „Event Industry (EI) Integration“. Diese ist Teil eines gleichnamigen Projekts, das von der Europäischen Union drei Jahre lang im Rahmen des Programms ERASMUS+ gefördert wird. Beteiligt als Partner sind zudem die ÖSB Consulting GmbH (Österreich), die IT-University Copenhagen (Dänemark) und Global Partners Online Communication Services Trust reg. (Liechtenstein). Die Koordination übernimmt der VPLT. Ziel ist es dabei, geflüchtete Menschen als Hilfskräfte in Catering, Logistik und Technik einzusetzen. Es handelt sich um einfache Arbeiten unter Anleitung, mit einem gewissen Grad an Selbstständigkeit. Die Teilnehmer benötigen dafür ein grundlegendes Faktenwissen in einem Arbeits- oder Lernbereich, das ihnen mit Unterstützung digitaler Kommunikationstechnik und neuesten Erkenntnissen aus dem Bereich des Diversity Management und dem Supported Employment vermittelt werden soll. Die Umfrage wird im zweiten Halbjahr 2017 durchgeführt.

In einer Gruppe mit 15 Menschen gelangt Moustapha Sanogo nach Bulgarien, landet dort allerdings im Gefängnis. Von einem geordneten rechtsstaatlichen Vorgehen, wie in einem EU-Mitgliedsland eigentlich zu erwarten, sieht Sanogo nichts. Als ein bulgarischer Bürgerrechtsanwalt sich für die ohne Begründung inhaftierten Flüchtlinge einsetzt, wird der völlig demoralisierte und auch körperlich geschwächte junge Mann in einer Gruppe von sieben Häftlingen vor die Türe des Gefängnisses gesetzt.

Dort herrscht das Recht des Stärkeren, Rassismus ist weit verbreitet. Aggressive Teenager machen sich einen Sport daraus, wehrlose Flüchtlinge, die als Obdachlose mal hier, mal dort hausieren, zu jagen, zu schlagen und zu demütigen. Nachbarn beobachten die Gewalttätigkeiten von ihren Balkonen aus, feuern die Täter sogar an, erzählt Moustapha Sanogo bedrückt. „Der Rassismus hat etwas mit mir gemacht“, meint er. „Ich wollte nur noch Ruhe, ich wollte nur noch weg.“ Er hat zu diesem Zeitpunkt keine Ausweispapiere mehr, die in den Wirren der Flucht auf der Strecke geblieben sind, aber den unbändigen Willen, woanders ein besseres Leben zu beginnen.

Er schließt sich 2014 einem Flüchtlingstreck gen Westen an. In großen Gruppen machen sich damals Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Iran auf den Weg in den Westen. Am 1. Mai 2014 betritt der Muslim in Bayern deutschen Boden. Die Bundespolizei registriert Moustapha Sanogo, über Karlsruhe und Braunschweig gelangt er schließlich nach Hannover in ein Aufnahmelager. Dort beschäftigt sich eine Betreuerin mit ihm und seiner Flucht. Moustapha Sanogo zeigt alle Anzeichen schwer traumatisierter Menschen. Seine Geschichte verfolgt ihn wie ein Film, der in seinem Kopf in Endlosschleife abläuft. „Du musst etwas machen“, befindet seine Betreuerin. Sanogo erholt sich im Krankenhaus und erhält danach dauerhafte therapeutische Hilfe bei einem deutschen Psychologen. Was er sich von der Seele redet, wird aus dem Französischen übersetzt. So geht es allmählich aufwärts, Deutschkurse wechseln sich ab mit einer Schulung zur Logistikfachkraft samt Gabelstapler-Führerschein. Ans Hannover Congress Centrum wird er schließlich als Aushilfe vermittelt. Arbeitsbeginn ist ab nun mal um 5, mal um 6 Uhr morgens. „Manchmal muss man auch um 2 Uhr nachts abbauen“, bemerkt Lutz Wohlers, der als Leiter Gebäudemanagement auch Sanogos Vorgesetzter ist.
Hinter Wohlers und seinem Schützling hängt eine Skizze des Jugendstil-Kuppelbaus an der Wand. Das HCC bedeutet den Beginn eines besseren Lebens für Moustapha Sanogo in Deutschland. Als er fest eingestellt wird auf 450-Euro-Basis, fängt er an, bei den Korbjägern Hannover Basketball zu spielen. „Die Leute sind nett“, sagt der junge Mann im schwarzen Poloshirt mit dem roten HCC-Logo auf der Brust und lächelt still in sich hinein, er freundet sich mit Kollegen an.

Unter der Trennung von Frau und Kind, zu denen er telefonischen Kontakt hält, leidet er. Doch ist eine Rückkehr für ihn unvorstellbar. Dafür schmerzen die Narben zu sehr, die sich für immer in Haut und Seele eingebrannt haben. „Ich habe so viel verloren. Ich will für den Rest meines Lebens nur ein bisschen glücklich sein.“  FRANK WEWODA
 

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„Ich habe so viel verloren. Ich will für den Rest meines Lebens nur ein bisschen glücklich sein.“
Moustapha Sanogo

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Lutz Wohlers, Leiter Gebäudemanagement im HCC, kann als Vorgesetzter nur Gutes berichten vom Geflüchteten.

FOTO: TW, FRANK WEWODA
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