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LIVESTREAM UND WEBCAST

Der Ikea-Effekt

Der Europäische Radiologenkongress (ECR) in Wien verzeichnet 2017 einen Teilnehmerrekord. Und das, obwohl sämtliche Inhalte live im Internet übertragen werden. Oder gerade weil?

26.829 Teilnehmer, davon rund 5.700 reine Online- Gäste, beim Europäischen Radiologenkongress (ECR) von 1. bis 5. März 2017 im Austria Center Vienna bedeuten für die veranstaltende European Society of Radiology (ESR) einen Rekord. „2017 war der erfolgreichste Kongress, den wir je hatten“, sagt Konrad Friedrich, Head of Department Conference Management & Marketing der ESR. Friedrich kümmert sich mit einem dreiköpfigen Team um die Durchführung des Kongresses. „Wir sind die Ansprechpartner hinsichtlich Organisation und Koordination, in Wirklichkeit sind aber mehr als 100 Personen beteiligt.“

Der Kongress ist nicht nur aus Teilnehmersicht ein Erfolg. Für 2017 wurden insgesamt 6.757 Abstracts eingereicht, das entspricht einem Plus von knapp 23% gegenüber 2016. Neben der Konzentration auf eine hohe Qualität der wissenschaftlichen Inhalte liegt der Hauptfokus des 29. ECR aber auf dem steigenden Besucheranteil aus der Generation Y. Das Durchschnittsalter der Besucher liegt inzwischen bei 41,5 Jahren. „Dieser Erfolg basiert auf dem ,Invest in the Youth‘-Programm, das wir Anfang der 2000er Jahre ins Leben gerufen haben“, erklärt Friedrich. Das Programm ermöglicht 1.000 jungen Radiologen und Radiologietechnologen in Ausbildung nach Einreichung eines Abstracts eine kostenlose Teilnahme am Kongress inklusive Übernachtungskosten. „Im Schnitt ist das Teilnehmeralter seit 2010 um acht Jahre gesunken.“



Das erfreut den Präsidenten des ECR 2017, Prof. Paul M. Parizel: „Der ECR 2017 hatte im Vergleich zu früheren Kongressen ein Alleinstellungsmerkmal, weil unser Meeting ausdrücklich Jugend als Schwerpunkt hatte. Als Motto für den ECR 2017 habe ich ,The Flower Gardens of Radiology‘ gewählt. Die Strahlenforschung ist wie ein wunderschöner, duftender Blumengarten. Das war genau die Botschaft, die ich unserem Nachwuchs mitteilen wollte“, sagt er. „Ich bin extrem glücklich und stolz, dass diese neue Generation der Strahlenforschung diesem Ruf gefolgt ist. Der ECR 2017 war geprägt von Energie, Innovationskraft und Enthusiasmus.“

Auf die Bedürfnisse jüngerer Teilnehmer reagiert die ESR mit interaktiven Präsentationsformen und unterschiedlichen Networking-Aktivitäten. „Aber natürlich spielt auch ein leistungsstarkes WLAN eine wichtige Rolle“, sagt Konrad Friedrich.

Beachtlich ist der Frauenanteil des Kongresses von fast 50 Prozent „Vielfalt wird bei uns in allen Gremien gelebt und entsprechend gefördert, daher ist diese Tatsache natürlich besonders erfreulich für uns. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass der weibliche Anteil in der Radiologie ohnehin höher ist als in anderen medizinischen Fachrichtungen“, so Friedrich. Ein wesentlicher Teil des Gesamtkonzepts des Kongresses ist der Fokus auf Fort- und Weiterbildung. Das 
gesamte Kongressprogramm
ist daher kostenfrei im Internet zu verfolgen.



„Es ist eine komplexe Geschichte“, erläutert Thomas Berghausen, Director Sales bei Meta-Fusion. Das Kölner Unternehmen ist durch die ESR damit beauftragt, beim Kongress über fünf Tage parallel aus bis zu 25 Räumen sämtliche Vorträge, Symposien oder Round Table Discussions live ins Internet zu übertragen. Insgesamt mehr als 1.500 Sessions klingen bereits „komplex“ für ein zwölfköpfiges Team – so viele Personen waren vor Ort an der Übertragung beteiligt. Was die Aufgabe aber ungleich komplizierter macht, ist die digitale Aufbereitung der Inhalte.

Bereits eine Stunde nach dem jeweiligen Livestream ist der Vortrag als Webcast mit kompletter Foliennavigation – durch die Folien des Referenten – und Volltextsuche verfügbar. Das funktioniert folgendermaßen: Möchte ein Nutzer zum Beispiel mehr über „Selective Internal Radiation Therapy (SIRT)“ erfahren, sucht er nach diesen Stichworten und gelangt dann in der Aufzeichnung zu der Passage eines Vortrags, in dem der Referent erklärt, wie radioaktive Substanzen gegen bösartige Tumore eingesetzt werden. „Insgesamt haben wir über 100.000 Einzelfolien indiziert und ausgelesen“, erklärt Berghausen. „Dadurch erreichen wir eine ungeheure Datentiefe. Die Kölner verfolgen den Ansatz der Nachhaltigkeit im Sinne der Wissensvermittlung. „Auch wenn ich den Begriff nicht mehr hören kann, ist dieser Prozess die tatsächliche digitale ,Transformation‘ des Kongresses“, so Berghausen.

Von der Gesamtteilnehmerzahl von 26.829 verfolgen fast 5.700 die Inhalte live rein online, haben also kein Ticket, weitere 4.500 Personen nutzen die digital verfügbaren Vorträge während des Kongresses, obwohl sie in Wien vor Ort sind. „Die Teilnehmer sind ja heute selbst schon fast hybrid – das zeigt diese Nutzungsweise.“ Berghausen erklärt noch eine dritte Variante, wie die Aufzeichnungen eingesetzt werden: „Es gibt ebenso den Fall, dass diejenigen, die vor Ort waren, unsere Webcasts nutzen, um die Kollegen zuhause über neue Erkenntnisse aufzuklären. Das ist ein komplett nachhaltiger Wissenstransfer“, sagt Berghausen. Neben den rund 10.000 Nutzern während des Kongresses greifen über das ganze Jahr verteilt weitere 4.000 Nutzer auf die Inhalte des Kongresses zu.


Berghausen sieht nicht nur die Weiterverwertung des Wissens als Vorteil, seiner Meinung nach steigert ein derartiger Service auch die Reputation der Fachgesellschaft und erweitert Möglichkeiten. Zum Beispiel haben sowohl die Bayer AG als auch GE Healthcare die Übertragungen genutzt und eigene im Corporate Design gebrandete Webseiten zum Kongress mit den Inhalten des ECR gefüllt, um eigene Lösungen im Radiologie-Bereich vorstellen zu können. Die „intelligenten Webcasts“ eigneten sich laut Berghausen zudem zu einer zielgruppengenauen Auswertung: Welche Art Teilnehmer welche Vorträge verfolgt hat. Allerdings macht der Radiologenkongress – wie Konferenzmanager Konrad Friedrich erklärt – von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch.

Ohnehin stehe bei der Durchführung des ECR als hybrider Kongress nicht der Vermarktungsgedanke im Vordergrund. „Die Förderung von Fort- und Weiterbildung ist in unseren Verbandsstatuten fest verankert“, erklärt Friedrich. „Der Aufwand, das ganze Vortragsprogramm live zu streamen und später auch on-demand zur Verfügung zu stellen, kostet mehr, als es uns einbringt. Wir verfolgen dabei also tatsächlich eher einen sozialen Gedanken.“

Ohne die Unterstützung von Sponsorenseite sei das Livestreaming gar nicht möglich. „Wir wollen unseren Teilnehmern den bestmöglichen Service bieten“, so Friedrich. Daher greife man auch auf die Dienste von Meta-Fusion zurück, denn das Unternehmen böte die bestmögliche Lösung. Seit 2013 – damals noch in stark eingeschränkter Form – streamt der ECR Vorträge online. „In der Vorbereitung haben wir den Kongress der United European Gastroenterology, die UEG Week, besucht. Dort war Meta-Fusion ebenfalls für die hybride Umsetzung des Kongresses verantwortlich.“



Über das Vorurteil, Kongresse würden sich durch Livestreams selbst kannibalisieren, muss Thomas Berghausen schmunzeln. „Ich glaube, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Wir empfehlen unseren Kunden, das Material für Eigenmarketing zu nutzen. Sieht man die steigenden Teilnehmerzahlen wie hier bei den Radiologen, kann man nun wirklich nicht davon sprechen, dass Liveübertragung, beziehungsweise Webcasts, der Veranstaltung physische Teilnehmer abgreifen.“

Konferenzmanager Konrad Friedrich erklärt, dass viele Besucher den Livestream inzwischen sogar schon fast als Selbstverständlichkeit betrachten. „Man kann sagen, dass es erwartet wird. Allein mit der Tatsache, dass ein Kongress hybrid ist, kann man nicht mehr von einer Besonderheit sprechen. Man muss es daher besonders gut machen“, sagt Friedrich, bedauert allerdings, dass der Verband kaum Feedback erhält. „Unser Feedback sind eben die Nutzerzahlen: 14.000 User in 2016.“

Für den Service Geld zu verlangen, ist nicht geplant. „Wir hatten vor einiger Zeit einmal ein Bezahlmodell angedacht und zehn Euro für eine monatliche Nutzung verlangt. Dieser ,Pilot‘ verlief allerdings eher ernüchternd. Daher sehen wir auch künftig von einem reinen Online-Ticket ab“, sagt Friedrich.

ECR 2017

Der ECR (European Congress of Radiology) ist die Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Radiologie (European Society of Radiology/ESR), die weltweit über 63.000 Radiologen vertritt. Mit mehr als 20.000 Teilnehmern aus der ganzen Welt ist der ECR einer der größten medizinischen Kongresse weltweit; zusätzlich bietet er eine der größten Industrieausstellungen in Europa, bei der auf über 26.000 qm mehr als 300 internationale Firmen Produkte der Medizintechnik anbieten. Der nächste European Congress of Radiology, der ECR 2018, wird von 28. Februar bis 4. März 2018 in Wien stattfinden. Dann unter der Ägide des Kongresspräsidenten Prof. Bernd Hamm aus Berlin.
www.myesr.org

Friedrich hofft, dass schlicht die Qualität der Inhalte und der außergewöhnliche Service – „Meines Wissens sind wir in Europa der einzige medizinische Kongress, der konsequent alle Inhalte das ganze Jahr über zur Verfügung stellt, zumal in dieser Qualität“ – für sich sprechen und damit auch in Zukunft neue Teilnehmer gewonnen werden können.

„Ich nenne das den Ikea-Effekt. Wenn man die Teilnehmer von vorne herein an den hohen Qualitätsstandard – und den liefern wir zweifelsohne zum einen durch die Inhalte und zum anderen durch den Livestream – gewöhnt, dann, so unser Wunsch und unser Ziel, kommen sie im nächsten Jahr von sich aus wieder und empfehlen den Kongress auch weiter“, schließt Friedrich. Mit der Rekordteilnehmerzahl 2017 scheint diese Strategie zu fruchten.  CHRISTIAN FUNK
 

www.myesr.org/ecr-2017www.myesr.org
„Insgesamt haben wir über 100.000 Einzelfolien indiziert und ausgelesen.“
Thomas Berghausen
Director Sales Meta-Fusion

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Konrad Friedrich, Head of Department Conference Management & Marketing.

FOTO: ESR

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