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SCHIFFE

Vielen noch unbekannt: Schwimmende Locations

Alleine in diesem Jahr drängen 16 neue Kreuzfahrtschiffe auf den Weltmarkt. Die haben auch beachtliche Meeting-Kapazitäten. Warum tagen auf hoher See beeindruckend sein kann? Ein Marktüberblick.

E
s gibt Vertriebsmitarbeiter, die haben schon fast alles. Eine ordentliche Bezahlung oder ein schönes Firmenfahrzeug. Wer solche Leute hat, der muss sich etwas Besonderes einfallen lassen. Vor diesem Problem stand Dirk Auer. Der Supervisor beim Kosmetikkonzern Mary Kay wollte seine Top- Direktorinnen – so heißen diese offiziell – belohnen und auch schulen. Deswegen lud er die 40 Damen für eine Woche auf die MS Europa II ein, die für die meisten Kreuzfahrt-Kenner das luxuriöseste Kreuzfahrtschiff der Welt ist. „Die Tour mit der MS Europa II hat zusammen geschweißt, hat ungemein motiviert und informiert“, sagt Auer. Auf seiner Visitenkarte steht Supervisor Sales Force Events bei seinem Arbeitgeber Mary Kay, einem weltweit agierenden Unternehmen, das auch in Deutschland im Strukturvertrieb Kosmetika verkauft. Wer gut verkauft, wird belohnt. Damit dieser Anreiz immer bleibt, dafür ist Dirk Auer im Führungskreis von Mary Kay da. Tagen auf hoher See – das klappte den Worten Auers zufolge auch deswegen gut, weil die Kosmetik-Profis tagsüber den Theatersaal nutzen durften, der nach der nächtlichen Show für alle Urlaubsreisenden wieder umgebaut wurde: parlamentarische Bestuhlung, halboffen, eigene Bühne für die „Power Speeches“. Die Landausflüge entlang der griechischen Küste mit Limousinen-Service waren selbstverständlich auch nur vom Allerfeinsten.

Während andere versuchen, die Massen zu begeistern, setzt Karl Pojer, Chef von Hapag-Lloyd- Cruises, auf ein klares Profil: Kreuzfahrten auf höchstem Niveau und anspruchsvolle Expeditionsreisen. Zur Reederei gehören die Luxus-Liner „Europa“ und „Europa 2“ von Hapag-Lloyd Cruises. Pojer hat jahrzehntelang Erfahrung mit der Luxus- Klientel. Bevor Pojer Hapg Lloyd den Superluxus verordnete und nur noch Suiten an Bord seiner Schiffe zuließ, leitete Pojer die Hotelsparte bei TUI und machte davor die Clubmarke Robinson zum Ertragsjuwel in dem Hannoveraner Konzern. Kongresse, Meetings, Incentives, Events, Charter oder Gruppenreisen können ab zehn bis 500 Personen organisiert werden. Beliebt sei ein Mix aus Business und Leisure, so Hapag-Lloyd-Cruise-Pressereferentin Jana Blümel. Ein Multimedia-Konferenzraum und eine riesige LED-Leinwand sollen zu erfolgreichen Meetings verhelfen. Nur der frühe Wurm fängt den Wurm auf den Luxus-Linern. Blümel: „Daher planen wir generell mit einem Vorlauf von etwa zwei Jahren.

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Incentives auf See: Für die Besten der Besten darf es schon mal die MS Europa II sein.
FOTO: HAPAG-LLOYD CRUISES, MS EUROPA 2

Das hat freilich seinen Preis. Die guten Raten, die Mary-Kay-Manager zur Markteinführung der MS Europa 2 bekam, sind nicht mehr verfügbar. Zu viele Urlauber füllen die Wartelisten, die gerne den vollen Preis berappen. „Mit dem Superluxus der MS Europa haben wir uns ein bisschen ein Eigentor geschossen“, sagt Kosmetik-Manager Auer. „Jetzt ist es für uns zu teuer. Und jedes Kreuzfahrtschiff, mit dem wir jetzt Verträge abschlössen, enttäuschte nur unsere Top-Direktorinnen.“ Deswegen geht es in diesem Jahr auf dem Land weiter – in gute Hotels in Venedig und Sardinien. Im nächsten Jahr will Mary Cay vielleicht die Direktorinnen einladen, Kosmetik- Spezialistinnen unter dem Level der „Top-Direktorinnen“. Die sollen sich dann dem Vernehmen nach mit einem Aida-Schiff oder einem von TUI-Cruises zufrieden geben.

Auch sicherlich keine schlechte Wahl – nicht umsonst sind Aida und TUI Cruises unter den deutschen Kreuzfahrtschiffen, die MICE anbieten, Marktführer. Beide bieten ein beachtliches Service-Angebot, schöne Kabinen und viel Platz für Konferenzen. „Unsere Schiffe können komplett oder als Teilcharter gebucht werden für Veranstaltungen von zwei Tagen aufwärts“, sagt Sandra Jochemsen, als Senior Manager Direct Sales für MICE beim Marktführer Aida verantwortlich. Aida hat es sicherlich geschafft, aus der einstmals steifen Kreuzfahrt ein Club-Produkt zu machen, dass sich der großen Kapazitäten wegen auch für Tagungen eignet – zwölf Kreuzfahrtschiffen mit 590 bis 1.647 Kabinen. Aida Cruises ist eine Marke des britisch-amerikanischen Kreuzfahrtkonzerns Carnival für den deutschsprachigen Markt; den Aida-Kussmund als Logo kennt jedes Kind.

Obwohl die Kreuzfahrtbranche seit Jahren stetiges Wachstum verzeichnet, ist „das Kreuzfahrtschiff“ als Tagungs- und Incentive Location für viele Veranstalter und Teilnehmer noch unbekannt, sagt Aida-Managerin Jochemsen. „Gegenüber klassischen Tagungshotels hat das Produkt Kreuzfahrt demnach noch eine hohe emotionale Strahlkraft.“ Das gelte besonders für sehr große Tagungen. „Grundsätzlich gibt es nur wenige Hotels, die eine Kapazität von mehr als 3.000 Betten aufweisen. Dadurch entstehen für Veranstalter Kostenvorteile. Und eine Zeitersparnis bei der Organisation“, die etwa ein Jahr vor dem geplanten Event beginnen sollte. Dieser Vorlauf war für ein Unternehmen aus der Automobilbranche auch nötig, das im Frühjahr 2017 die AIDA Prima komplett für fünf Tage und 6.000 Gäste charterte. Die Reise führte von Hamburg aus mit einem Seetag nach Southampton und Le Havre zurück in die Hansestadt.

FÄHREN: EINE GUTE, PREISWERTE ALTERNATIVE

Wer für eine Firmenveranstaltung schöne Kabinen, hochwertige Speisen und ein feines Unterhaltungsprogramm sucht, der wird auf einem Kreuzfahrtschiff fündig, meint Peter Cramer. Der Mann, der das Tagungsformat „MICE Boat“ erfunden hat, muss es wissen. „Aber wenn Du Wissen vermitteln willst, dann verhandele mit dem MICE-Team einer Ostsee- Fähre“, empfiehlt er. Fährgesellschaften auf der Ostsee wie Tallink Silja seien es gewohnt, Heerscharen von Geschäftsreisenden zu befördern, die alle an Bord konferenzierten. Aus diesem Grund seien auch die Räumlichkeiten inklusive Besprechungszimmern und mitunter einer „MICE-Sauna“ weitaus besser als auf den touristischen Kreuzfahrtschiffen. Der Kabinen- und Betten-Komfort sei an Bord einer Fähre nicht so hoch; „Dafür komm ich als Planer dort mit einem kleineren Budget zurecht.“ 
www.miceboard.com/events

Ein ebenso perfektes Tagungsprodukt bietet TUI Cruises. Für das Joint Venture der TUI AG und Royal Caribbean „nimmt das MICE-Geschäft stark an Bedeutung zu, sagt Stephanie Bayer, Head of Group Sales, Charter & Incentives, TUI Cruises. „Wir bieten heute auf allen Schiffen und allen Routen Tagungen oder Meetings an. Bei den Gruppengrößen sind wir flexibel: Tagesveranstaltungen an so genannten „Wechseltagen“ im Hafen können mit bis zu 1.000 Personen gebucht werden, Reisen von dem Meeting im kleinen Kreis bis zum Vollcharter mit 2.500 Personen.“ Stets für Veranstalter mit an Bord: Ein vierköpfigen MICE-Team als Ansprechpartner. Was ist das Alleinstellungsmerkmal? Bayer: Unser Premium Alles Inklusive-Konzept, in dem auch alle Getränke (außer Champagner) im Preis inkludiert ist. Auch die Technik reiste mit: Im kleinen Stil mit Mikrofonen, TV-Geräten und DVD-Playern oder im großen Stil mit aufwendiger Lichtanlage in den Theatern und an Deck der Schiffe. Die Beiersdorf AG hat zum 100. Geburtstag ihrer Marke ein TUI Mein Schiff gechartert, mit aufwendigen Aufbauten samt Konzert eines Weltstars, berichtet Bayer, ebenso Vodafone oder die Lufthansa City Center Reisebüros.

Wenn die Mein Schiff 6 am 21. September 2018 im Hafen von New York ausgelaufen wird, dann werden darauf zahlreiche Ärzte über Schmerzen diskutieren. Das zahlt keinesfalls ein Pharmakonzern, sondern die Doctores zum normalen Preis selbst. Mondia Media, ein österreichisches Unternehmen, ist auf derlei Weiterbildungsreisen für Ärzte spezialisiert – besonders für solche aus Österreich. Denn eines der Büros von Mondia hat seinen Sitz im Eingangsbereich des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien – eines der größten Spitäler der Alpenrepublik. Dem Vernehmen nach dürfen die Ärzte ihre Partner auf TUI – Mein Schiff mitnehmen und bekommen für diese Pflicht-Weiterbildungen Zertifikate sowie eine großzügige Auslegung der Urlaubsordnung. Noch mehr Tagungsgäste soll die mein Schiff 7 aufnehmen können, die gerade in der finnischen Meyer Werft gebaut wird.



Wer wissen will, wie Tagungen auf hoher See laufen können, wenn Geld keine Rolle spielt, der muss sich mit Thorsten Wilhelm unterhalten. Er hat sich mit seiner Event-Agentur Tao auf chinesische Kunden spezialisiert. Tao organisiert Events für einen großen chinesischen Mischkonzern, der mit extrem viel Kapital auf weltweiter Shopping-Tour ist und der zu den 500 weltgrößten Unternehmen gehört. Was die MS-Europa-Schiffe im Kleinen sind, was Luxus auf hoher See angeht, sind Silversea – Silver Spirit und die Seven Seas Explorer im Großen. Auf Letzterem organisierte Wilhelm ein Führungskräfte-Event für 600 Manager. Dauer: Sage und schreibe 14 Tage.

Über die Kosten schweigt sich der Tao-Chef aus. Aber wer den Durchschnittspreis von 14.000 Euro pro Person für die All-Inclusive-Passage mit den 600 Passagieren multipliziert, der kommt schon auf 8,4 Millionen Euro. Das dürfte sich auf rund das Doppelte summieren, wer weiß, dass Wilhelm eine Ballettaufführung in St. Petersburg, eine Theater- Show im Tivoli in Dänemark und das Gala-Event in London im Hampton Court Palace inszenierte. Auch auf die Hierarchien zu achten, ging ins Geld: die 100 Hochrangigsten wurden an Land in Luxus-Limousinen chauffiert, das mittlere Management aus China in Kleinbussen. Die, die sonst noch die Ehre hatten, mitfahren zu dürfen, mussten in den Bus. An Bord und auf See wurde von 7 Uhr bis Mitternacht ernsthaft konferiert. Wenn sich der CEO zu Wort meldete, dann wurde das in elf Konferenzräumen live übertragen. Denn ein Schiff hat natürlich kein Amphitheater, in das alle Mitfahrer passen: ein enormer logistischer Aufwand, für den in Seecontainern alleine zehn Tonnen technischen Equipments mitgenommen wurde.

Für die Rederei Seven Seas Cruises (RSSC), die früher als Radisson Seven Seas Cruises über die Weltmeere schipperte und die heute von der Norwegian-Cruises-Verwaltung in Miami, Florida, gesteuert wird, sind derlei MICE-Aktivitäten sicherlich lohnend. Auch andere Kreuzfahrtschiffe wollen Meeting- Kunden gewinnen. Die Carnival-Marke Cunard, zu der so edle Schiffe wie Queen Mary 2, Queen Elizabeth oder Queen Victoria gehören, stellt zur Imex in Frankfurt ihr neues MICE-Geschäft vor. Dazu wurde als Marketing-Chef der Deutsche Lutz Waage gewonnen, der erst vor ein paar Wochen von der norwegischen Reederei Color Line zu Cunard wechselte. Überhaupt kommen nach Informationen des etablierten Fachmagazins „Seatrade Cruise News“ rund um den Globus alleine in diesem Jahr 16 neue Schiffe auf den Markt. Dazu gehört auch das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Die „Sypmphony of the Seas“ wird Platz für 6.900 Menschen haben. Sie alle werden Teile ihre Kapazitäten gerne Meeting Managern verkaufen.  THOMAS GRETHER
 
„Unsere Schiffe sind für Veranstaltungen von zwei Tagen aufwärts komplett oder als Teilcharter buchbar.“
Sandra Jochemsen, Senior Manager Direct Sales MICE bei Aida Cruises
„Wir bieten heute auf allen Schiffen und allen Routen Tagungen oder Meetings an.“
Stephanie Bayer,
Head of Group Sales, Charter & Incentives TUI Cruises
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