Editorial

Hausaufgaben nicht nur für Führungskräfte

E
s gibt Sätze, die gehen mir nicht aus dem Kopf. „97 Prozent halten sich selbst für eine gute Führungskraft“, ist so einer. Diese Einschätzung im Gallup Engagement Index Deutschland von befragten Vorgesetzten leitet den neuen Kinofilm zum Kulturwandel in der Arbeitswelt ein: „Die Stille Revolution“. Im Preview reagiert das Publikum im Saal mit Lachen. Ich auch. Doch schnell komme ich ins Nachdenken. Denke an meine Vorgesetzten und an mich. Ich frage mich als Führungskraft: Mache ich einen guten Job? Und was muss ich dafür tun in einer (Arbeits-)Welt von VUKA, von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität?

Das „Digital Age“, die vierte industrielle Revolution, bringt den seit der ersten industriellen Revolution größten Wandel der Arbeitswelt mit sich: Es bilden sich Netzwerke, verbunden durch Kollaboration, interdisziplinäre Teams und neue Denkmuster. Der Umbau zur Wissensgesellschaft stellt unsere Konzepte von Arbeit auf den Kopf und fordert Führungskräfte auf, sich auf Augenhöhe mit ihren Mitarbeitern zu begeben. Am besten schnell, so das Diktat der Digitalisierung. Aber genau hier, so scheint es mir, sollten wir uns Zeit nehmen. Neben Menschen- und Sachverstand brauchen wir allem voran die Offenheit für Veränderungen. Wir müssen uns für andere und ihre Ansichten öffnen, aber vorher für uns selbst – erst recht wenn wir führen wollen. Der Benediktinermönch Anselm Grün erlebt in seinen Seminaren, dass sich viele Führungskräfte selbst nicht gut kennen. Sie haben nur Instrumente des Führens kennengelernt. Pater Anselm ist überzeugt: „Führen kann nur, wer der eigenen Seele begegnet.“

Diese Begegnung hat Bodo Janssen im Kloster gesucht, als er mit seinem BWL-Wissen an Grenzen stößt. Der Geschäftsführer von Upstalsboom Hotels stellt seither seine Mitarbeiter vor die Zahlen und meint: „Wenn ich mich für den Menschen einsetze, kommen die Zahlen von alleine.“ Daraus leitet er neue Glaubenssätze ab wie „Entscheide du und steh’ dazu.“ Sein Arbeitsmodell hat einen Namen: „New Work“ rückt die Kreativität und Persönlichkeit des Mitarbeiters in den Vordergrund. Bekannte Konzepte von Arbeit, Zeit, Raum und Organisation werden neu gedacht. Angewendet auf den Arbeitsalltag heißt das: „Die da oben“ geben Herrschaftswissen ab und Kontrolle auf, „die da unten“ folgen nicht mehr nur, sie übernehmen Verantwortung und denken selbstständig mit. Mag sein, dass dafür die Stellenbeschreibungen beider Seiten zu überarbeiten sind und für beide Hausaufgaben anfallen. Aber sind wir nicht gute Führungskräfte?
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KERSTIN WÜNSCH
Chefredakteurin
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FOTO: DFV MEDIENGRUPPE
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