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NEUE FÜHRUNG

Ihre Frau stehen

Die Tagungswirtschaft ist weiblich, ihr Top-Management männlich. Doch Frauen übernehmen vermehrt Führungsaufgaben und fungieren als Vorbilder. Moderne Arbeitszeitund Home-Office-Modelle machen die Vereinbarkeit von Kind und Karriere möglich. Das kommt nicht zuletzt (jungen) Vätern zu Gute.

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er auf der Website des Österreichischen Parlaments auf „Parlament Live“ klickt, der landet in der Hofburg Vienna. Während der Sanierung des Parlamentsgebäudes finden die Plenarsitzungen bis 2021 im Redoutensaal statt. In allen anderen Festsälen geht der Betrieb des Kongresszentrums wie gewohnt weiter. Eine Herausforderung für Alexandra Kaszay, die seit 2014 die Geschäfte führt. Sie folgte auf Renate Danler, mit der die erste Hausherrin in die Hofburg Vienna eingezogen war. Eine Personalie, die damals – vor gut zehn Jahren – über Wien hinaus in vielen Kongressstädten Wellen schlug. „Vereinzelt gibt es weibliche Führungskräfte in der österreichischen Kongressindustrie“, sagt Kaszay heute. Dass es nicht mehr sind, läge auch daran, dass Frauen ihre Qualifikation mehr hinterfragten als Männer. Weibliche Führungskräfte müssten „in gewisser Weise ihren Mann stehen“.

Genau das stößt Anja Stas, Chief Commercial Officer im Flanders Meeting & Convention Center Antwerp, auf:


„In Vorstandsetagen herrschen männliche Maßstäbe. Frauen haben einen (begrenzten) Zugang, solange sie sich wie ein Mann verhalten.” Frauen müssten einen großen Teil ihrer Weiblichkeit aufgeben und ihre „männlichen“ Qualitäten kultivieren. Dabei sollten weibliche Qualitäten genauso geschätzt werden. Eigenschaften, die immer wichtiger werden: Empathie, Intuition, Kreativität, ganzheitliches Denken, Fürsorge und Liebe. „Unsere Gesellschaft benötigt diese dringend”, so Stas. Ihre Position erreichte sie, indem sie ständig lernte und sich fragte: „Wie kann ich das besser machen? Wie kann ich dienen? Was ist mein Ziel?“ Den Spagat ambitionierter Frauen zwischen Kind und Karriere kennt sie als Alleinerziehende bestens.

In der Hofburg Vienna arbeiten 46 Mitarbeiter, davon elf Prozent in Teilzeit. Selbst wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und damit einhergehende moderne Arbeitszeit- und Home-Office- Lösungen von der Position und Aufgabe abhingen, sind für Kaszay Kind und Karriere „immer ein guter Anlass im Unternehmen etwaige Anpassungen von Arbeitsprozessen vorzunehmen und über den Tellerrand zu blicken“. Dass sich Führungsaufgaben in Teilzeit ausführen lassen, zeigt Marketing & Sales- Leiterin Monika Scheinost, Mutter von zwei Kindern.

„Flexible Arbeitszeitmodelle haben sich in der Schweiz in den letzten Jahren durchaus etabliert“, berichtet Helena Videtic, Manager Germany/Austria bei Switzerland Convention & Incentive Bureau. „Das kann man in unserer Organisation sehen: Bei Schweiz Tourismus.“ Videtic verweist auf das neue Home-Office-Reglement und auf Barbra Steuri-Albrecht. Seit fast 20 Jahren leitet sie das Switzerland Convention & Incentive Bureau und sitzt seit 2016 mit in der Geschäftsleitung von Schweiz Tourismus – und das in einer 80- bis 90-Prozent-Anstellung.

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In der Hofburg Vienna regiert vorübergehend das österreichische Parlament – und permanent „Hausherrin“ Alexandra Kaszay.
FOTO: HOFBURG VIENNA

Während die Geschäftsführung des Congress Centers Rosengarten und der Agentur m:con bisher Männer innehaben, sind neun Frauen unter den Abteilungs- und Teamleitern. Da die Veranstaltungsindustrie weiblich ist, sind die Entscheider gefragt, eine familienfreundliche Unternehmenskultur zu schaffen, findet Geschäftsführer Bastian Fiedler. Dieser Herausforderung müsse sich die Branche stellen und sich unternehmensübergreifend austauschen. Die Mannheimer sind deshalb unter den neuen Mitgliedern der Unternehmensinitiative „Erfolgsfaktor Familie“ des Bundesministeriums für Familie, Frauen, Senioren und Jugend“. Dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in verantwortlichen Positionen für Frauen wie für Männer mehr zu fördern ist, denkt Fiedler nicht nur, weil der Führungsnachwuchs dies fordere: Er ist selbst betroffen. „Als Vater von zwei Söhnen im Alter von vier Jahren und fünf Monaten ist es mir sehr wichtig, meine Kinder auf ihrem Weg zu begleiten und mit ihnen Zeit zu verbringen. Die Doppelrolle vieler Mitarbeiterinnen ist mir also bekannt.“ Seine 115 Mitarbeiter, Mütter wie Väter, können ihren Job mit flexiblen Home-Office-Zeiten und Teilzeit-Angeboten an ihre familiäre Situation anpassen. Teilzeit und Führungsaufgaben schließen sich hierbei nicht aus. Als Best Practice nennt Fiedler Ingenieurin Alessa Forsthoff: Die Mutter zwei kleiner Söhnen ist unter anderem für den Brandschutz verantwortlich.

„Die Veranstaltungsbranche ist auf der Projektleiterebene von Frauen dominiert, nur spiegelt sich das nicht auf der Führungsebene wider“, bekräftigt Ilona Jarabek, Geschäftsführerin der Musik- und Kongresshalle Lübeck. Nach der unerwartet großen Resonanz auf die internationale Umfrage „Frauen in der Veranstaltungsindustrie 2017“ greift die Vize-Präsidentin des Europäischen Verbands der Veranstaltungs- Centren das Thema zur EVVC-Management- Fachtagung auf. „Die voll besetzte Session – übrigens nicht nur mit Frauen, sondern zwei Männern – und die sehr rege Diskussion zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie belegen den Bedarf“, resümiert Jarabek. Das will sie mitnehmen in ihr nächstes Amt. Auf der Mitgliederversammlung im Juni wird sie als erste EVVC-Präsidentin antreten.

Präsident Joachim König ist einer der beiden Männer aus dem Workshop. Für den Chef des Hannover Congress Centrums kommt es bei der Vereinbarkeit von Kind und Karriere auf die Person an. „Ich erlebe beides. Frauen, die einen genauen Plan machen, wie sie Beruf und Familie vereinbaren möchten. Das besprechen wir und finden eine Lösung“, so König. „Andere machen sich darüber wenig Gedanken, das ist der Karriere wenig förderlich.“

UMFRAGE „FRAUEN“

Die Beteiligung an der Umfrage „Frauen in der Veranstaltungsindustrie 2017“ von tw tagungswirtschaft, m+a report und der IMEX Gruppe war sehr hoch und ergab: Bei Gehalt und Karriereperspektiven fühlt sich jede zweite Frau nicht gleichbehandelt im Vergleich mit ihren männlichen Kollegen. 
https://bit.ly/2Hmvmyu

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Zum Weltfrauentag 2018 feiert das KLCC seine Mitarbeiterinnen.
FOTO: KLCC

Die 339 Häuser im EVVC kommen 2017 auf 93 Chefinnen, das sind 27 Prozent. Allerdings sinkt ihr Anteil mit der Betriebsgröße: Bis 1.200 Sitzplätze haben zu 35 Prozent Frauen die Leitung inne wie Ulrike Köppel im Congress Centrum Neue Weimarhalle, bis 4.000 Sitzplätze sind es noch 21 Prozent wie Kristina Wulf im Eurogress Aachen und über 4.000 Sitzplätze nur 16 Prozent wie Sabine Loos in den Westfalenhallen Dortmund. Diesen Prozentsatz erhöht seit März Heike Mahmoud als Chief Operating Officer des CCH – Congress Center Hamburg. Für ihr „Mixed Leadership“ erhielten die Hamburger 2015 den Helga-Stödter-Preis und verfolgen das Thema seither noch intensiver.

Mahmoud ist unter den neuen weiblichen Mitgliedern von Marianne de Raay, Generalsekretärin der Association of international Convention Centers (AIPC). Unter ihren 180 Mitgliedshäusern ist gut jedes vierte in weiblicher Hand. Sie zählt auf: Monica Lee- Müller, Managing Director des Hong Kong Convention and Exhibition Centre, Julianne Jammers, Managing Director des Swiss Tech Convention Centre in Lausanne, Güniz Atıs Azrak, CEO des Istanbul Lütfi Kirdar oder Nina Kressler, Präsidentin und CEO des Shaw Centre in Ottawa. Im siebenköpfigen AIPC-Vorstand sitzt nur eine Frau: Julie-May Ellingson, die das Cape Town International Convention Centre managt.

„Frauen sind eine starke Triebkraft in unserer Branche, und es gibt solide Beispiele, in denen Frauen aufgestiegen sind und Führungsaufgaben übernehmen”, so AIPC-Präsident Aloysius Arlando. Für ihn sind solche Frauen Vorbilder. „Sie zeigen, dass es mit harter Arbeit, Ausdauer und Selbstwertsteigerung keine Begrenzung für das Erreichen des eigenen Potenzials gibt.“ Gleichzeitig warnt der CEO des Singapore EXPO Convention and Exhibition Centre: „Wir hören oft die Forderung nach Gleichstellung der Geschlechter im Management oder in Gremien. Das kann zu einer suboptimalen Situation führen, wenn dies nicht auf Kompetenz und Chancengleichheit für alle Kandidaten basiert.“ Am Ende sollte die Leistung entscheiden und nicht irgendeine „Alibi-Politik“.

"LOOK OUTSIDE THE BOX"

FOTO: H-HOTELS.COM
FOTO: H-HOTELS.COM
Sarah Sigloch, Vice President Human Resources, H-Hotels.com

At H-Hotels.com, every fourth GM is a woman. Are you seeing an increase in female share?
We are in fact observing that the share of women in our leadership ranks is rising. At H-Hotels.com, we attach great importance to the development of leadership personnel, and for many years we've been investing in an array of educational and qualification activities and are promoting executive staff from within our own personnel pool. The important criteria are employee motivation and performance. A competent management executive must excel both in technical as well as personal skills: in addition to authority, it takes the ability to empathize in order to display good leadership style. Businesses need both rational reasoning and sound intuition.

Do you as VP HR have a tip for (young) women who are seeking to pursue a career in the hotel industry?
Do what you enjoy – Be willing to learn – Look outside the box – Look for new frontiers and be courageous – Focus on the solution, not on the problem – And always be considerate of your feelings and those of others as well!

Is it possible at H-Hotels.com to hold a managerial position also in parttime or is that not an option?
We have lots of options and numerous examples for female co-workers who can very well reconcile career and family. We as employer consider it important to provide individual arrangements and to make all effort to establish flexitime work models, which we are currently enhancing. Since April 1 of this year, we've had a new VP Human Resources Operations, Kati Kliemann, who will focus on this important issue. She is, by the way, a mother of three.  
KERSTIN WÜNSCH
 



Singapore EXPO beschäftigt nahezu gleich viele Männer wie Frauen. Arlando setzt auf Chancengleichheit und stellt sicher, dass Mitarbeiter nach ihren Interessen und den Bedürfnissen des Unternehmens Zugang zu Fortbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten haben. Das Vorankommen im Unternehmen bestimmt die Leistung. Derzeit zählt sein Management rund 30 Prozent Frauen und 70 Prozent Männer. Er versichert: „Es gibt keine Geschlechterdiskriminierung, wenn Gehalt und Leistungen betroffen sind.“

Im Kuala Lumpur Convention Centre (KLCC) sind 52 Prozent der Manager weiblich. „Unsere Unternehmenskultur ermutigt alle Teammitglieder, ihre Karriereziele zu verfolgen”, informiert Angeline van den Broecke, Director Sales & Marketing. „Derart binden wir talentierte Frauen an uns, die Mentoren und Motivation für jüngere Mitarbeiter sind.“ Ein Beispiel ist Natalie Ann Xavier. Als sie 2005 als Security Officer anfängt, ist sie eingeschüchtert von ihren erfahrenen, männlichen Kollegen. „Das übte viel Druck auf mich aus, härter zu arbeiten“, erinnert sie sich. 2010 wird sie zur ersten weiblichen Sicherheitsbeauftragten ernannt und 2014 zum Assistant Security Manager. Sie macht ihren Master in Executive Management und wird 2015 Security Manager.

Mentoring ist das Stichwort für Helena Videtic vom Switzerland Convention & Incentive Bureau. Nach ihrer Meinung sind alle Mitarbeiter für die Weitergabe von Wissen und Erfahrungen verantwortlich. Erfolgreiches Business-Mentoring erfolge schließlich auf Themenbasis und habe weder etwas mit der Hierarchieebene noch dem Geschlecht zu tun. Videtic: „Ich habe das Thema Mentoring dieses Jahr in unserer Organisation angestoßen und bin überzeugt, dass es ein Personalentwicklungsmodell ist, an dem wir in der Zukunft nicht vorbeikommen.“

Alexandra Kaszay denkt in der Hofburg Vienna Personalentwicklung und Kundengewinnung sogar bis in die nächste Generation. Sie freut sich über Kolleginnen mit Kleinkindern im Team. Demnächst feiert das Team erneut mit einer Kollegin den Beginn der Babypause. Kaszay: „Getreu dem Motto: Die nächste Generation ist jene, die hoffentlich bei uns tagen und veranstalten wird.“  KERSTIN WÜNSCH
 

www.hofburg.comwww.mcon-mannheim.de

„#HEFORSHE“

UN Women is committed to equality. The campaign "#HeForShe" calls on all to commit themselves as Agents of Change and engage with gaining 10x10x10 champions: ten corporations, ten universities and ten governments. Tupperware, Twitter and AccorHotels are some of the committed businesses. The French hotel operator will focus on implementation of gender equality in pay and promotion, i.e. to have 35 percent female hotel directors. At H-Hotels.com, every fourth General Manager is a woman.
„Es gibt keine Geschlechterdiskriminierung, wenn Gehalt und Leistungen betroffen sind.“
Aloysius Arlando, AIPC-Präsident und CEO Singapore EXPO
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