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AIPC ANNUAL CONFERENCE

The Lost Art of Thinking

Die diesjährige AIPC-Konferenz verlangt ihren Besuchern vollen Einsatz ab. Nach umfassendem Input am ersten Konferenztag wird am zweiten Tag gearbeitet. Die Aufgabenstellung ist komplex und veranlasst die Delegierten, ihre Komfortzone zu verlassen.

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s ist still im Flanders Meeting and Convention Centre Antwerp (FMCCA). Außergewöhnlich still für eine Konferenz. Die 188 Delegierten der AIPC (International Association of Convention Centres) Annual Conference vom 23. bis 26. Juni in Antwerpen gehen von Knowledge Station zu Knowledge Station, lesen vom Innovation Programme von der Beratungsfirma Ernst & Young, lernen, worin sich die Herangehensweise beim Wachstum von Microsoft und Amazon unterscheiden, erfahren, dass BMW und Toyota bei Entwicklungen schon mal zusammenarbeiten und machen sich Gedanken über Go-to-Market-Strategien, Lean Management und die eigenen Geschäftsfelder. An den verschiedenen Stationen sind Fragen zur Reflexion angebracht, flimmern Statistiken über Bildschirme, und es werden Business-Modelle präsentiert. Die Teilnehmer sollen sich für zunächst zwei Stunden nicht austauschen, sondern lesen, nachdenken und reflektieren. „The Lost Art of Thinking“ ist der Name des Workshops, den Oscar Cerezales von der Veranstaltungsagentur MCI Group mitgebracht hat und der die Leiter der internationalen Kongresszentren Teilnehmer der Konferenz fordert: „Ihre Aufgabe im Management ist es, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wie oft denken Sie im Alltag noch konzentriert darüber nach?“ An dieser Fähigkeit wird im Folgenden gearbeitet.
              

Steht der Sonntag noch im Zeichen des Networking, einer Stadtführung und dem Welcome Dinner mit Diamant im Sektglas, kündigt AIPC-Präsident Aloysius Arlando am ersten Konferenztag Montag an, dass sich die diesjährige Konferenz von vorherigen Ausgaben unterscheiden wird: „Wir verpassen Ihnen heute eine große Menge Input. Wir starten mit einem Blick auf das große Ganze aus einer globalen geopolitischen Perspektive, lassen Key Clients über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse sprechen, und runden das Ganze mit Fachsessions ab. Und morgen dann ist Workshopping angesagt. Nicht Shopping”, fügt er lachend hinzu.

Anja Stas, Chief Commercial Officer des FMCCA, die als Gastgeberin entscheidend bei der Konzeption der Konferenz mitgewirkt hat, verspricht: „Diese Konferenz wird sich von vorherigen Ausgaben unterscheiden: Sie werden neue Formate erleben, neue Konzepte kennenlernen und den Input dieser kommenden Tage in Ihren eigenen Zentren und Veranstaltungen einbringen können.“

Den Anfang macht Dr Linda Yueh, Adjunct Professor of Economics an der London Business School. Die Keynote der Wirtschaftswissenschaftlerin dreht sich um aktuelle geopolitische Turbulenzen, gibt wirtschaftliche Ausblicke für verschiedene Regionen, erklärt, wie sich weltweit die Mittelklasse entwickelt, reüssiert über mögliche Szenarien in der EU nach dem Brexit, ordnet Handelsstreitigkeiten zwischen China und den USA ein und gibt zu: „Alles was ich sage, ist nur gültig bis zum nächsten Tweet von US-Präsident Donald Trump.“
             
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Zu Beginn ist kein Austausch gefragt, sondern konzentriertes Denken.
FOTO: AIPC

Den Szenarien der Ökonomin fügen anschließend „Key Clients“ wie Isabel Bardinet, CEO der European Society of Cardiology (ESC), oder Kai Hattendorf, CEO des Messeverbands ufi - Global Association of the Exhibition Industry, branchenspezifische Perspektiven hinzu. „Zur jetzigen Zeit mit den enormen geopolitischen Umwälzungen und den damit verbundenen Unsicherheiten sind Zusammenkünfte und Austausch wichtiger als je zuvor“, sagt Isabel Bardinet. “Je mehr Probleme es gibt, desto größer die Notwendigkeit sich zu treffen." Das gelte stellvertretend für alle Branchen und für ihren Kardiologen-Verband, der jährlich rund 65.000 Delegierte auf Konferenzen weltweit zusammenbringt, verspricht sie: „Wir werden uns weiterhin treffen, das ist gewiss.“

Kai Hattendorf berichtet, wie sehr sich das Messegeschäft in den letzten Jahren verändert hat: „Wir sprechen hier von fundamentalen Umwälzungen. An diese Veränderungen müssen wir uns anpassen. Dass es Services statt Quadratmeter heißt, wissen wir schon lange. Doch inzwischen müssen wir uns noch stärker als Partner etablieren, nicht mehr nur als Supplier.“

Der zweite Tag ist dann der ominöse Workshop-Tag. Nach zwei Stunden konzentrierter Arbeit und Reflexion wird schließlich in Gruppen gearbeitet. Die Herangehensweise ist komplex und fordernd. Die Führungskräfte der Kongresshäuser müssen die für sich gewonnenen Erkenntnisse aus branchenfremden Beispielen wie eben Microsoft, Amazon oder BMW auf das eigene Geschäft übertragen. Und zwar unter einer vorgegebenen Prämisse wie beispielsweise „Talent“, „Scale-up“ oder „Focus“. Keine weiteren Erklärungen.
          
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Ein Workshop nahm den größten Teil des zweiten Tags in Anspruch.
FOTO: AIPC

„Da ist erhebliches out-of-the-box-Denken gefordert“, sagt Heike Mahmoud, COO des CCH Congress Center Hamburg. Dass man seine Ergebnisse – also ausgearbeitete Strategien und konkrete Handlungsempfehlungen – auch noch präsentieren und teilen muss, sei nicht unbedingt angenehm. „Das erfordert von uns allen, unsere Komfortzone zu verlassen. Das steht außer Frage. Die Aufgabe war, sich selbst Management-Fragen zu beantworten und für sich selbst die Ergebnisse zu erarbeiten, und dies auch unter Zeitdruck, einer vorgegebenen Zeit. Das war schon ein anderes Arbeiten, wie man es gewohnt ist und somit auch anstrengend“, gibt Mahmoud zu.

Sie unterstützt den Workshop als eine der „Gruppenleiterinnen“, die den Delegierten bei der Umsetzung Hilfestellung geben. Sofern notwendig und möglich. „Ja, diese Session ist fordernd und ja, diese Session ist auch komplex. Aber die Herangehensweise der AIPC ist hier genau richtig“, sagt Mahmoud. „Es ist nämlich für uns alle nicht nur wichtig, die verschiedenen neuen Formate und gewisse Abläufe zu kennen. Wir müssen uns auch einmal ein bisschen hilflos fühlen, um nachempfinden zu können, wie sich Delegierte in unseren Häusern fühlen, wenn sie ihre Komfortzone verlassen. Ich halte den Perspektivwechsel für absolut notwendig.“ Das Konzept geht auf. Für manch einen ist die Präsentation vor den Kollegen zwar doch ein wenig unbequem, ein paar Gesichter fehlen beim Vortragen der Ergebnisse gar sehr spontan, doch die Gruppenarbeiten fruchten, die Ergebnisse sind tiefgründig und fundiert.

„Wir wollen, dass sich die Delegierten ein bisschen anstrengen müssen, um dann aber gut gerüstet in ihre Häuser zurückkehren und hoffentlich einiges an neuen Perspektiven und wertvolle Anregungen für sich mitnehmen“, so Arlando im Laufe der drei Tage. Das ist gelungen. Denn als der Workshop beendet ist, ist es im Kongresszentrum überhaupt nicht mehr ruhig. Im Gegenteil: Der Bedarf, sich weiter auszutauschen, scheint sogar erheblich gestiegen.
CHRISTIAN FUNK
  
www.aipc.org




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