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AUSWÄRTIGES AMT BERLIN

Future Affairs

Wie beeinflusst die Digitalisierung die geopolitischen Kräfteverhältnisse und die globalen Sicherheitsstrukturen? Auf der Suche nach Antworten holt sich das Auswärtige Amt nicht den Digitalrat der Bundesregierung ins Haus, sondern die Digitalkonferenz re:publica. Gemeinsam laden sie zur Konferenz „Future Affairs“ ein. 800 geladene Gäste kommen.

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rei Tage nach Schließung der Wahllokale ist es die Europawahl, die Außenminister Heiko Maas die Steilvorlage liefert für seine eröffnenden Worte zur „Future Affairs – Digital Revolution: Resetting global power politics?“ Anders als erwartet, so Maas, haben das „Beben im Netz, die Welle der Mobilisierung vor allen Dingen bei Erstwählern“ nicht Tweets von Rechtspopulisten oder russischen Bots ausgelöst, sondern 80 YouTuber. Sie erreichen Millionen von Menschen und machen die meinungsbildende Macht digitaler Medien deutlich. Maas: „Unter den Vorzeichen der Digitalisierung müssen wir neue Formen erlernen, Politik zu machen und Politik zu kommunizieren.“

Diese neuen Formen lassen sich von jenen erlernen, die sich seit einem Jahrzehnt mit der digitalen Gesellschaft beschäftigen: Die Macher der Digitalkonferenz re:publica. „Wir leben in digitaler Gesellschaft – und das geht nicht mehr weg“, bekräftigt Mitgründer und Geschäftsführer Andreas Gebhard. „Mit Veranstaltungen wie der Future Affairs schaffen wir gemeinsam mit starken Partnern wie dem Auswärtigen Amt Orte, an denen Austausch auf Augenhöhe stattfinden kann. Auf diese Weise entwickeln wir den Dialog für die Gestaltung der Politik von morgen.“ Für Gebhard gehören die Einflüsse der Digitalisierung auf das weltweite Zusammenleben mehr denn je global diskutiert. Für Maas auch. „Die digitale Revolution verändert die geopolitischen Kräfteverhältnisse weltweit und hat direkten Einfluss auf die Stabilität von Staaten. Die Außenpolitik muss sich dem Wandel anpassen und dabei neue Wege gehen.“
                       

Außenminister Maas glaubt an die Chancen der Digitalisierung, sieht aber auch Gefahren für die Demokratie. „Freie, offene Gesellschaften brauchen freies, offenes Internet“, sagt er und bekommt viel Applaus. Doch brauche Freiheit Regeln. Maas: „Um Regeln zu setzen, um sie durchzusetzen, muss man auch Einfluss haben, vor allem in der internationalen Politik.“ Einfluss, den kein Land allein ausüben kann. Die digitale Revolution ist für ihn das beste Beispiel, warum Multilateralismus die Lösung sei. Partnerregionen der ersten Future Affairs sind Lateinamerika und die Karibik. Carlos Alvarado Quesada, Präsident der Republik Costa Rica, spricht nach Maas und vor Gebhard.

So unterschiedlich wie die drei Eröffnungsredner sind die 800 geladenen Gäste aus Politik, Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft, die der Einladung des Auswärtigen Amtes und der re:publica am 29. Mai 2019 nach Berlin gefolgt sind. Im vollbesetzten Weltsaal verfolgen Anzugträger wie T-Shirt-Träger* innen die vier Panels „Digital Revolution“, „Disruptive Technologies“, „Democracy & Digitisation“ und „New Philosophies“.
               
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Außenminister Heiko Maas auf der Future Affairs: „Freie, offene Gesellschaften brauchen freies, offenes Internet.“
FOTO: RE:PUBLICA, GREGOR FISCHER (CC BY-SA 2.0)

Im ersten Panel „Digital Revolution: Resetting Global Power Politics?“ sticht Nanjala Nyabola aus Kenia hervor. Die politische Analystin will nicht über Afrika sprechen, habe der Kontinent doch 54 Länder und die Unterschiede seien zu groß. Während 70 Prozent der Afrikaner keinen Zugang zum Internet hätten, haben in Kenia 78 Prozent ebendiesen. Sie betont: „Afrika ist ein Subjekt und kein Objekt der Außenpolitik. Es geht um das Gespräch mit Afrika, nicht über Afrika.“ Nach ihr berichtet Oliver della Costa Stuenkel, Professor für internationale Beziehungen in Sao Paolo, von Brasilien als „technologisch geteiltem Land“. „China und die USA üben Druck auf Lateinamerika aus.“ Diese Entwicklung sieht auch Außenminister Maas in seiner Eröffnungsrede, indem er von einer Welt spricht, in der Deutschland und Europa bald nur noch die Wahl bleibe zwischen einer amerikanischen und einer chinesischen Tech-Sphäre; einer, die jede Regulierung als Eingriff in die Freiheit ablehne oder einer, die Technologie als Mittel zum Machterhalt sehe.

Technologische Entwicklungen werden – so die Expertenmeinung – die Welt in den nächsten zehn Jahren stärker verändern als in den letzten 50. Damit setzen sie das Thema im Panel „Disruptive Technologies“. Es sind Aussagen wie von Julia Kloiber, Founder of Superrr Lab und Partner von Ashoka Germany, die hängenbleiben: „Können wir unseren Geräten, unseren Telefonen, unseren Tablets vertrauen? Natürlich nicht!“ Die Unfähigkeit der Menschen, die Technologien um sie herum zu verstehen, führe zu Misstrauen. Kloiber: „Doch ist Vertrauen die Grundlage unserer Gesellschaft und Entwicklung“. Telefone und Programme gehören ihrer Ansicht nach überprüft: Funktionieren sie so, wie sie sollen? Leider bleiben nach den vier Präsentationen wie im ersten Panel nur wenige Minuten für die Diskussion und die Fragen aus dem Publikum.
     
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Vier Workshops, hier „Geopolitical – Ideation Labs“, laden zum Austausch ein.
FOTO: RE:PUBLICA, GREGOR FISCHER (CC BY-SA 2.0)

Der angestrebte offene und transdisziplinäre Dialog beschränkt sich wie zu anderen Konferenzen auf die Pausen und Workshops, hier „Geopolitical – Ideation Labs“. Etwa „How Can the Foreign Office Remain an Effective Foreign Policy Player in the Digital World of Tomorrow?“ mit Botschafter Hinrich Thoelken, Sonderbeauftragter für internationale Digitalisierungspolitik und digitale Transformation, oder „The Law and Norms of Cyberspace – Why Should We Trust That States Will Do What They Say at the UN?“ mit Dr. Thomas Fitschen, Sonderbeauftragter für Cyber-Außenpolitik und Cyber Security, beide Auswärtiges Amt. Dass das Auswärtige Amt sich öffnet und das Gespräch sucht, gefällt den Teilnehmern. Sie bringen sich ein.

Genau darum geht es Marian Schuegraf. Die Regionalbeauftragte für Lateinamerika und Karibik im Auswärtigen Amt weiß: „Zentrale Zukunftsthemen wie etwa Digitalisierung lassen sich nicht ohne die Expertise von Zivilgesellschaft, Unternehmen oder NGOs bewältigen.“ Aus diesem Grund wendet sie sich im Dezember mit einer Idee an Jeannine Koch, Direktorin re:publica: Ein Zukunftsforum der Latein-Amerika/Karibik-Initiative zum Thema „Digital Revolution“. In einem langen Vorgespräch entwickeln die beiden eine erste Skizze für die spätere Future Affairs.
    

Da die Vorbereitungen zur re:publica 2019 bereits laufen, bildet Koch ein Projektteam, das im Tandem mit dem re:publica-Kernteam arbeitet. Geleitet wird es von Franziska Eulitz. Programm und Format verantwortet Fernanda Parente. Sie stehen im ständigen Austausch mit dem Team der re:publica und des Auswärtigen Amtes und stimmen sich regelmäßig bei Jour-Fixes und vor Ort ab. „Ohne die vertrauensvolle und professionelle Zusammenarbeit aller, ist ein derartiges Format nicht zu stemmen“, betont Koch. „Speziell da im Auswärtigen Amt und mit einer derartig großen politischen Beteiligung erhöhte Sicherheitsanforderungen bestehen.“ Auch Partner wie die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützen das Projekt.

„Der re:publica kam sowohl bei der Planung als auch der Ausgestaltung der Konferenz eine wichtige Rolle zu“, fasst Schuegraf zusammen. „Die Zusammenarbeit mit der re:publica war für uns von großer Bedeutung, sowohl was die Auswahl der Speaker, als auch das Format oder die Bewerbung der Konferenz betraf.“ Die Regionalbeauftragte für Lateinamerika und Karibik weiß: „Die Digitale Revolution wird unser Leben drastisch verändern und dabei auch nicht vor der Außenpolitik halt machen. Außenpolitik wird sich dem anpassen müssen.“ Wie das gelingen kann, wurde auf der Konferenz diskutiert. „Dabei wurde von allen Teilnehmern versucht eine gemeinsame Haltung zu Zukunftsfragen und der Digitalen Revolution zu entwickeln – gerade auch mit Blick auf die Vorbereitung neuer internationaler Regularien“, resümiert Schuegraf. „Hieran will das Auswärtige Amt auch weiterhin in zahlreichen Gesprächen und Formaten anknüpfen.“

Das große Interesse der vielen internationalen Gäste und das „hervorragende Feedback zu den Inhalten und der Gestaltung der Future Affairs“ freuen allen voran re:publica-Geschäftsführer Andreas Gebhard. „Der große Erfolg der heutigen Konferenz zeigt uns, dass wir diese Aufgabe auch in Zukunft weiterführen wollen.“
KERSTIN WÜNSCH
 
www.future-affairs.de
„Wir brauchen Ihre Kreativität, Ihre Expertise und manchmal auch die Provokation, um den richtigen Weg zu finden in der digitalen Welt.“
Heiko Maas, Bundesaußenminister
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