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MILLENNIALS

Und ihr so?

Wer wirklich wissen will, was seine zukünftigen Teilnehmer von Kongressen und Messen beschäftigt, der höre auf, die „Alten“ über die „Jungen“ sprechen zu lassen, sondern spreche mit diesen und trage sich die TINCON, die Teenageinternetwork Convention, ein.

P
hilipp Kalweit ist 17
. Wenn der Gymnasiast nicht zur Schule geht, hackt er Software und IT-Systeme, mal in seiner Freizeit, mal in seiner Firma. Kalweit ITS beschäftigt sich mit der „Überprüfung bereits existenter Software in Anbetracht sicherheitsrelevanter Aspekte“ oder kurz gesagt Auftragshacking. Philipps Abteilungsleiter zählen so viele Jahre Berufserfahrung wie der 17-Jährige Lebensjahre. Im Herbst wird der Schüler endlich volljährig und voll geschäftsfähig. Heute, am Sonntag, hält er die Keynote auf der 
TINCON
, Teenageinternetwork Convention, zu „live:hacking – Warum unsere Gesellschaft irreparabel und verloren ist“.

Als Hacker versetzt Philipp sich in die Denkweise eines Angreifers. Banken bitten ihn, sich in ihre Softwarelösung einzudenken. Eine Kostprobe gibt er beim Live-Hacking. Zwei Freiwillige lassen ihre EC-Karte mit NFC-Standard von ihm per App scannen, die übrigens jeder herunterladen kann. Die Karten sind im Klartext lesbar, das Ablaufdatum ist schnell gefunden. Philipp: „Und, braucht ihr was von Amazon?“ Die jungen Kartenbesitzer schlucken. Passwörter und Fingerabdrücke können geklaut werden, warnt er, und neue Technologien seien nicht nur gut. „Heult nicht, werdet damit fertig: 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht“, schließt Philipp.

Seine Success-Story ist auf dem Festival für digitale Jugendkultur so besonders nicht. Im Panel „Klopf! Klopf! Die Digitalisierung ist da!“ präsentieren sich drei Gründerinnen. Programmiererin Aya Jaff, 22 Jahre, will mit ihrer Firma CoDesign-Factory die Digitalisierung in Deutschland vorantreiben. Nur wenige wüssten, wie sie die neuen Möglichkeiten nutzten. Jeder sei selbst gefragt, das zu lernen. Das machen die 920 Jugendlichen zwischen 13 und 21 Jahren im Columbia Theater Berlin auf ihre Weise: Sie bauen Roboter und lassen diese gegeneinander antreten, malen mit einer VR-Brille auf der Nase und einem unsichtbaren Pinsel in der Hand virtuelle Bilder und spielen Tischtennis gegen Computer.


Draußen im Garten tauschen sie sich im „Bällebad“ und auf Bänken aus, beispielsweise zu „Mental Health“. Das geschieht untereinander und mit Youtube- Stars wie „coldmirror“. Kathrin Fricke hat über eine Millionen Abonnenten und erzählt nicht nur in ihrem Talk sehr offen, wie ihr Fandom Harry Potter sie aus der Depression rettete. „Ein Ort der Begegnungen, des Diskutierens, des Zusammenseins. Ein Ort, an dem wir gemeinsam mit euch eure Themen besprochen haben“, fasst der U21-Beirat das Konferenzgeschehen vom 8. bis 10. Juni 2018 zusammen. Die zwölf Jugendlichen gestalten die Inhalte mit. Linda Dudacy, 26, kuratiert das 100-stündige Programm mit 110 Speakers.

Veranstalter sind Tanja und Johnny Haeusler, Mitgründer der re:publica. „Mit der TINCON möchten wir Jugendliche ermutigen und unterstützen, sich an öffentlichen Debatten zu beteiligen, um sich der dominanten älteren Generation ins Gedächtnis zu rufen“, erläutert Tanja Haeusler.

Dafür bietet sie Rednern der TINCON eine Bühne auf der re:publica. Charles Bahr ist so einer. Der 15-jährige Schüler leitet seine Marketingagentur und lästert über Lehrer, die im Fach Informatik von ihm lernen – nicht umgekehrt. Er weiß, in welchen Netzwerken Jugendliche wie er unterwegs sind. Das übersetzt er in seinem Vortrag „Generation Z: Wie Medien & Marketing im Zeitalter der Social Natives funktionieren“ in die „Marketingsprache der alten Menschen“. Dass Digital Natives, die eine Welt ohne Internet nicht mehr kennen, hier besser bestehen, zeigt Eurostat in der 
Studie „Digitale Bildung VI – Digitaler Bildungsstand“
. Während 37% aller Befragten in Deutschland sagen, sie hätten höhere als grundlegende digitale Kenntnisse, sind es unter den 16- bis 19-Jährigen 61%.

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MEETINGS + MILLENNIALS NETWORK

Meetings + Millennials
 is a cross-cultural, cross-organisational network for young professionals active across the full spectrum of the Business Events Industry. The network aims to connect young professionals and provide them with advice, support and community in a peer-to-peer environment, foster active learning among young professionals and be the voice of the younger generation in the Business Events industry. Members of the Meetings + Millennials Council are:
• Anne Berrevoets, Events Coordinator at EAIE
• Gráinne Ni Ghiollagain, Business Development Manager at Croke Park Meetings & Events
• Inés Arias, Policy & Projects Officer at Euroheat & Power
• Weini Tan, Business Development Manager at the Sarawak Convention Bureau
• Aoife McCrum, Social Media & Digital Marketing Manager at SoolNua
• Juraj Holub, Marketing Manager and Meetings Designer at Slido

„Wer wissen will, was Jugendliche bewegt, welchen Trends sie folgen und wer mit ihnen ins Gespräch kommen will, für den ist das YOU Summer Festival ein jährlicher Pflichttermin vor den Sommerferien“, wirbt Daniel Barkowski. Er ist Projektleiter bei der Messe Berlin für Europas größte Jugendmesse, der YOU. Ihren 20. Geburtstag vom 22. bis 24. Juni 2018 feiert sie als YOU Summer Festival. Der Dreiteiler aus Festival, Karriere und Markenplattform für Lifestyle, Sport und Fashion lockt 42.000 junge Leute an. Sie feiern und informieren sich bei 200 Ausstellern wie JAM FM, RTL II, Fujifilm Instax zu Lifestyle, Musik und Sport und bei ADAC, Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Bauindustrie zu Bildung und Beruf.

„Jugendliche können bei uns die Trends aus Sport und Lifestyle erleben und sich gleichzeitig auch über Gesundheit, Gesellschaft, Politik, Umwelt und Wirtschaft informieren“, erklärt Projektleiter Barkowski und ergänzt: „Bei der YOU steht das Markenerlebnis der jungen Besucher ganz weit vorne sowie die persönlichen Erlebnisse und Treffen mit den Stars, die sie sonst nur aus YouTube oder Instagram kennen.“ Das „YOU Squad“, ein Team aus fünf Influencern wie KekseTV und Mone@Supergirl, berichtet live und liefert sich Challenges mit den Anwesenden. „Das neue Festivalkonzept ist bei Ausstellern und Besuchern sehr gut angekommen“, so Barkowski. „Wir verzeichneten ein volles Gelände, begeisterte Besucher sowie zufriedene Aussteller.“

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Veranstalter von Messen und Kongressen beobachten das genau. „Schon immer war es Grundlage des Erfolgs der Messe Frankfurt, den unterschiedlichen Zielgruppen zuzuhören und deren Bedürfnisse mit der jeweiligen Branche in Einklang zu bringen“, behauptet Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt, und handelt. Mit fünf Studenten der EBS Universität für Wirtschaft und Recht hat sein Team untersucht, 
was Millennials als Teilnehmer der Zukunft erwarten. Das Ergebnis: Messen sollten sich noch stärker zu (emotionaleren) Events entwickeln
, die man unter keinen Umständen verpassen will, oder im Fachjargon: „FOMO“ (Fear of Missing Out). „Veranstalter sollten sich das ,FOMO-Prinzip‘, also die Angst, etwas zu verpassen, zunutze machen und Messen so gestalten, dass Besucher und Aussteller unbedingt Teil dieser Gemeinschaft sein möchten – und das bestenfalls vor, während und nach der Messe“, schlussfolgert Prof. Dr. Diane Isabelle Robers von der EBS. Hochkarätige Redner und der Einsatz von Virtual sowie Augmented Reality seien Programmpunkte, die Millennials sich auf Messen wünschten.

Drei von vier Millennials nennen Networking als einen entscheidenden Faktor, doch hat jeder zweite Befragte Hemmungen, ihm unbekannte Menschen auf Messen anzusprechen. Die Studie empfiehlt Networking-Events und -Apps. Die Empfehlung von TINCON-Veranstalterin Tanja Haeusler geht weiter, ans Eingemachte. „Klassische Messen haben vor allem das Ziel, Unternehmen Gelegenheit zu geben, sich und ihre Produkte in möglichst gutem Licht zu präsentieren. Das ist eine Einbahnstraßensituation, bei der die Chance verpasst wird, in direkten, beiderseitigen Austausch zu gehen. Sich für die Kritik von Konsumenten, Konkurrenten oder dem Blick fachferner Vertreter zu öffnen, wäre für alle Seiten bereichernd und würde echtes Leben sowohl in teuer inszenierte Bling-Bling-Plexiglasstände als auch in langweilige Rollup-Buden mit Gratis-Kulis bringen.“

Digital Natives beschäftigen die Branche über die Gewinnung von Besuchern hinaus: Es geht um die besten Talente – allerdings meist, ohne diese einzubinden. Ein aktuelles wie typisches Beispiel ist die Jahreskonferenz der AIPC (International Association of Convention Centres). Dem Thema „AIPC 2018 – Strategies for a Changing World!” stellen sich in vier Keynotes vier Männer, darunter Avinash Chandarana zu „The War for Talent“. Der Experte zu New Work und Leadership spricht über „eine neue Generation von Arbeitskräften mit sehr unterschiedlichen Interessen und Erwartungen, die viele von uns nicht gewohnt sind“, heißt es in der Ankündigung. Chandarana hat eine umfangreiche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Fortune-500-Unternehmen, internationalen Verbänden und Organisationen – und graue Haare.

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Im TINCON Talk „Ask me anything about Online Burn out“ stellen die Jugendlichen ihre Fragen.
FOTO: TINCON, GREGOR FISCHER

Eine Alternative hätte Gráinne Ní Ghiollagain sein können. Sie ist Business Development Manager bei Croke Park Meetings & Events in Dublin und sitzt im Council von „Meetings+Millennials – The Voice of Millennials in the Meetings Industry“. Das Netzwerk gründen drei Teilnehmer des ICCA Forums for Young Professionals (FYP) während der IBTM World 2015 in Barcelona. Nach dem FYP wollen sie unbedingt in Kontakt bleiben und ihre Ideen teilen. Allerdings finden sie in der Branche keinen Ort dafür, organisieren sich selbst und sind auf ihrer Website www.meetingsandmillennials. com aktiv. Dort bloggt Gráinne Ní Ghiollagain gerade, wie kleine und mittelständische Unternehmen in der Veranstaltungsindustrie Talente anziehen und halten und somit antreten können gegen multinationale Konzerne – die Googles und Facebooks.

„Für mich ist Flexibilität eines der wichtigsten Kriterien für Millennials – und ich bin nicht die Einzige“
, schreibt Ní Ghiollagain. Sie bezieht sich auf „PWC’s ‚NextGen: A Global Generational Study‘“: Millennials sehen Produktivität und Flexibilität anders. Diese Generation glaubt nicht, dass die Produktivität durch die Anzahl der Arbeitsstunden im Büro gemessen werden sollte, sondern durch die Leistung. Die Studie von „Flexjobs“ untermauert das. Ihr zufolge sagen 82% der Millennials, dass sie ihrem Arbeitgeber gegenüber loyaler sind, wenn sie flexibel arbeiten können.

„Setzt euch mit euren Managern zusammen und macht einen Plan, wie flexible Stunden in das Arbeitsleben integriert werden können. Habt eine Präsentation bereit, die zeigt, wie nicht nur ihr profitiert, sondern das Unternehmen“, rät Ní Ghiollagain: „Wenn du nicht fragst, wirst du es nicht bekommen.“  KERSTIN WÜNSCH 

https://tincon.orgwww.you.dewww.meetingsandmillennials.com
Den Millennials wird das Phänomen „FOMO“ („Fear of Missing Out“) zugeschrieben. Was sind Konferenzen oder Events, die du auf keinen Fall verpassen willst?
„Klar, die re:publica verpasse ich in keinem Fall. Ich freue mich aber auch auf die nächste Z2X, den Female Future Force Day und das Mit Vergnügen Podcast Fest. Um neue Eindrücke aus ganz anderen Branchen zu bekommen, haben A MAZE und die Retune einen festen Platz im Terminkalender. Und natürlich das Festival Fusion – Theater, Workshops, Performance, Musik und Tanz – mehr ‚über den Tellerrand blicken‘ geht wohl kaum.“
Linda Dudacy (26), Programmleitung und U21-Projektleitung bei der TINCON
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