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KONGRESSHÄUSER

Gelingende Begegnungen

Kunden fragen immer weniger nach Frontalvortrag mit Reihenbestuhlung und immer mehr nach interaktiven Formaten und flexiblen Raumkonzepten. Kongresszentren entwickeln sich vom Vermieter zum Berater. Oder gar zum Revolutionär?

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as passiert, wenn Teilnehmer von Veranstaltungen ihr Meeting in einer Art Karussell für Erwachsene in fünf Meter Höhe abhalten? Die „Fahrgäste“ des „C2 Sky Lab“ auf der IMEX Frankfurt haben es erfahren: Sie kommen in der ungewöhnlichen Situation anders ins Gespräch. Das Erlebnis zeigt, worum es dem 
Melbourne Convention and Exhibition Centre (MCEC)
 und C2 International in ihrer neuen Zusammenarbeit geht. Diese Partnerschaft ist insofern bemerkenswert, als MCEC-Geschäftsführer Peter King dabei an die Disruption von Business Events denkt. „Zusammen mit C2 werden wir daran arbeiten, unsere Branche zu verwandeln und die Rolle der Venues bei der Erstellung von Veranstaltungen, die positive Verbindungen und sinnvolle Erfahrungen generieren, neu erfinden.“


C2, gegründet von Cirque du Soleil und Sid Lee, ist laut Harvard Business Review „The conference that’s reinventing how we network“. Die internationale Konferenz für Kreativität und Kommerz bietet immersive und interaktive Erlebnisse und bewegt Teilnehmer zum Umdenken und Ausschöpfen ihrer Kreativität. Durch die Partnerschaft bekommt das MCEC Zugriff auf die experimentelle Tool-Box von C2 und vom 17. bis 19. Oktober 2018 die C2 Melbourne ins Haus, ein Ableger des Flaggschiff-Events C2 Montréal. „C2 Melbourne wird dem MCEC mit immersiven Workshops, Deep-Dive-Masterclasses, Signature ‚Labs‘, künstlerischen Darbietungen und kuratierten ‚Braindates‘ neues Leben einhauchen“, verheißt Martin Enault, CEO Asia Pacific bei C2 International. Hausherr King kann es kaum erwarten, sich mit aktuellen und neuen Kunden zusammenzusetzen, um zu erforschen, „wie wir ihre Ereignisse gemeinsam neu erfinden können“.

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Reihenbestuhlung im Erwin Schrödinger-Saal im Congress Centrum Alpbach (CCA)? Es geht auch anders.
FOTO: CONGRESS CENTRUM ALPBACH, PHILIPP NADERER

Einer, der die Ambitionen vom anderen Ende der Kongresswelt aus genau verfolgt, ist der Österreicher Gerhard Stübe. „Ich finde C2 eine gelungene Mischung aus inszenierter Dramaturgie, Kunst und Kommerz, Arbeit und Party, teilnehmen und teilgeben, explorieren und ausprobieren, Wohnzimmer-Charakter und Konzertsaal, digital und analog organisiertem Freiraum für gute Begegnungen und einem ordentlichem Schuss unverkrampften Geschäftssinns.“ Stübe ist Geschäftsführer der Kongresskultur Bregenz GmbH. Die Firmierung seines Festspiel- und Kongresshauses verrät: Es geht ihm um die Kultur, nicht die Kapazitäten. Für die höchste Kundenzufriedenheit erhielten die Bregenzer just im Juli den AIPC Award 2018.

„Unser Projekt micelab:Bodensee ist ein Anliegen, die Kultur zu verändern, die Kultur zu verbessern gegenüber dem Gast oder dem Teilnehmer von einem Kongress“, erklärt Stübe. Er ist der Spiritus Rector hinter dem länderübergreifenden Projekt, ermöglicht durch das Interreg V-Programm Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein mit Fördermitteln der Europäischen Union und der Schweiz. „Wir forschen, wie es in Zukunft gelingt, eine gute Begegnungskultur herzustellen. Das ist für Veranstalter enorm wichtig. Wir konzentrieren uns auf die Erfahrung und die Erkenntnisse, was es dazu braucht, wirklich so eine Kultur ermöglichen zu können.“ Für ihn geht es nicht um die Form einer Veranstaltung, sondern vielmehr die Haltung, darum „dass wir nicht nur Raumanbieter sind, sondern die Kunden beraten in der Dramaturgie und der Inszenierung ihrer Veranstaltung.“


Dieses Versprechen geben die 13 Partner, darunter das Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen, die neue Inselallee in Lindau und das neue Bodenseeforum in Konstanz. Seit der Eröffnung 2016 tritt das Team am Ufer des Seerheins nicht nur als Raumvermieter an, sondern als Berater und Inspirator für Veranstaltungsformate. Das Beraterteam des Bodenseeforums sucht mit dem Kunden nach passenden Formaten, sei es Pecha Kucha, Open Space, TED oder Lego Serious Play, damit Tagung oder Kongress zu einem Erlebnis werden und die Frontalbeschallung mit Reihenbestuhlung und Powerpoint-Endlosschleife ein Ende finden.

Das Netzwerk am Bodensee ist Georg Hechenblaikner, Geschäftsführer des Congress Centrum Alpbach, bekannt. Sein Leistungsangebot reicht längst über die Vermietung hinaus. „Wir zeigen den Kunden, welche Geschichten, Personen, Plätze, Programmpunkte in der Natur und Ruheorte im Dorf die jeweilige Veranstaltung am besten befruchten könnten“, beschreibt Hechenblaikner sein Angebot. „Darüber hinaus übernehmen wir klassische Leistungen, wie die Buchung der Zimmer, die Organisation der Transfers und Rahmenprogramme etc.“ Wie weit die Zusammenarbeit mit einer Veranstaltung gehen kann, zeigt das Europäische Forum Alpbach. Unter dem Generalthema „Diversität und Resilienz“ geht es vom 15. bis 31. August 2018 in die 73. Runde.


„DEN (DENK-)RAUM OFFEN HALTEN“

Gerhard Stübe spricht über Begegnungskultur.FOTO: LISA MATHIS
Gerhard Stübe spricht über Begegnungskultur.
FOTO: LISA MATHIS
Gerhard Stübe, Geschäftsführer der Kongresskultur Bregenz GmbH
tw: Was macht eine gute Begegnung und eine gute Begegnungskultur aus?
Gerhard Stübe:
Gute Begegnungskultur hält den (Denk-)Raum für alle an der Begegnung Beteiligten offen und respektiert gleichzeitig persönliche Grenzen. Sie lässt Vertrauen entstehen, welches Partner brauchen, um Beziehungen reifen zu lassen. Kundenbindung wird durch Kundenbeziehung ersetzt.

Sie forschen, wie es in Zukunft gelingt, eine gute Begegnungskultur herzustellen. Mangelt es uns denn an dieser auf Konferenzen und in Kongresszentren?
Ja, immer noch. Aus mehreren Gründen. Zum einen, weil das Programm der allermeisten Kongresse immer noch auf „senden“ gestellt ist. Der Wissensaustausch verläuft (noch) zu einseitig. Da helfen oftmals auch keine Best-Practice-Beispiele, weil nie die Zeit bleibt heraus zu finden, wie ich diese nunmehr auf meine Situation anwenden kann. Ich komme zwar inspiriert nach Hause, ein mögliches „Wie“ auf meine Arbeit bezogen wird nur selten auf einem Kongress abgebildet. Zum anderen, weil viele von uns verlernt oder noch gar nicht gelernt haben, wie gutes Zuhören gelingt und was es heißt, auf der Meinung anderer Menschen aufzubauen, also in Resonanz zu gehen.
 KERSTIN WÜNSCH

„Wir kümmern uns hier vor allem um Basisaufgaben, wie das Facility Management und die Buchung der Zimmer für einen Großteil der 5.700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer“, so Hechenblaikner. Die Erweiterung seines Hauses zahlt durch flexible Raumgestaltung auf interaktive Formate ein. Hechenblaikner: „Die Veranstalter des Europäischen Forums Alpbach sind überaus kreativ, wenn es um die Einbindung von interaktiven Veranstaltungsformaten geht.“ Bei den „Alpbach Debates“ zum Beispiel prallen zwei konträre Positionen aufeinander. Wie beim Oxford Union Diskussionsformat gelten die Spielregeln eines Duells. Durch die Wahl der Tür beim Verlassen des Saales signalisiert jeder Teilnehmer, welche Seite mehr überzeugen konnte.


Das ist genau nach Jan Jansens Geschmack. Der Geschäftsführer der Osnabrückhalle öffnet seinen Kunden neue Türen. Zum einen weil sein Team und er gerne neue Dinge ausprobieren, zum anderen „weil wir nicht Berlin sind und uns bemühen müssen“. Sein frisch renoviertes und modernisiertes Kongresshaus tritt immer öfter als Event-Agentur auf. „Beim Deutschen Stiftungstag 2017 haben wir die komplette technische Beratung gemacht – nicht nur in unserem Kongresshaus, sondern in den 60 Räumlichkeiten in der ganzen Stadt. Wir waren der Ansprechpartner für alle“, erzählt Jansen und ergänzt: „Die anderen merken, die können das ja und kommen auf uns zu. Das spornt uns an.“

Das hat ihm die Anfrage zu einem großen Firmenjubiläum mit 2.000 Mitarbeitern eingebracht. Der Kunde will etwas ganz Neues machen und fragt deshalb die Techniker der OsnabrückHalle: „Wovon träumen Sie, was wollten Sie immer schon einmal machen?“ Jansen: „Meine Leute dachten erst, sie würden auf den Arm genommen… Dann haben sie losgelegt. Dieser kreative Freiraum motiviert unheimlich.“ Schließlich kennen die Osnabrücker ihr Haus besser als alle anderen.

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Bochums Jahrhunderthalle belebt die Gaskraftzentrale eines ehemaligen Stahlwerks neu. Veranstaltungen auch.
FOTO: BOCHUMER VERANSTALTUNGS-GMBH

Auf ihre professionellen Teams in Veranstaltungstechnik und -management, Gastronomie und Marketing vertraut auch die Bochumer Veranstaltungs- GmbH (BoVG). Der Full-Service-Dienstleister für Events versteht sich selbst als „Ermöglicher“. „Die Bochumer Veranstaltungs-GmbH übernimmt eine Vielzahl von PCO-Leistungen, die gerade in den Bereichen der IT- und Gesundheitskongresse für Veranstalter interessant sind“, informiert Regina Scheffels, Bereichsleitung Strategie und Marketing. Das reicht vom Ausstellerservice über die technische und räumliche Planung, Messe-Dienstleistungen bis hin zu Marketingmaßnahmen, Grafikdesign und Pressekonferenzen.

Die BoVG betreibt die vier größten Venues Ruhr- Congress Bochum, Jahrhunderthalle Bochum, Stadthalle und Freilichtbühne Wattenscheid und bietet nicht nur Räume für Inhalte und Ideen, sondern Unterstützung bei deren Gestaltung und Umsetzung. Von Kreativität zeugen eigene Events wie die „Urbanatix“. Zur Kulturhauptstadt RUHR.2010 stellt die Bochumer Veranstaltungsagentur Dacapo eine Show auf die Beine, in der junge Streetart- Talente der Region und internationale Artisten gemeinsam auftreten. Spielort ist die Jahrhunderthalle Bochum, gelegen in der Gaskraftzentrale eines ehemaligen Stahlwerks. Der richtige Rahmen, um Veranstaltungen neu zu denken.  KERSTIN WÜNSCH
 

www.mcec.com.auwww.kongresskultur.comwww.micelab-bodensee.comwww.bodenseeforum-konstanz.dehttps://congressalpbach.comwww.osnabrueckhalle.dehttps://bochum-veranstaltungen.de
„Wir zeigen Kunden, welche Geschichten, Personen und Plätze ihre Veranstaltung befruchten könnten.“
Georg Hechenblaikner, Geschäftsführer Congress Centrum Alpbach
„Das Programm der allermeisten Kongresse ist immer noch auf ‚senden‘ gestellt.“
Gerhard Stübe, Kongresskultur Bregenz
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