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TINCON

„#diesejungenleute sind laut, stark und weltoffen“

Die TINCON ist das Festival für digitale Jugendkultur, die Gesellschaftskonferenz für Jugendliche zwischen 13 und 21 Jahren. Ein Doppelinterview mit Veranstalterin Tanja Haeusler (51), Mitgründerin der re:publica, und Linda Dudacy (26), Programmleitung und U21-Projektleitung, über eine Konferenz, die Erwachsene auslädt, YouTuber*innen wie coldmirror und KostasKind, die Generation Z und das * in der Ansprache.

tw: Linda, aus Sicht des U21-Beirat in einem Tweet: Wie war die #tincon18?
Linda Dudacy:
Die #TINCON war wie ein #bällebad – Perfekt zum Abtauchen (in neue Themen), Lachen (mit neuen Freunden) & Chillen. #diesejungenleute sind laut, stark und weltoffen.

Und aus Sicht der Veranstalterin, Tanja?
Tanja Haeusler:
Man sagt ja, dass sich im dritten Jahr zeigt, ob eine Idee etwas taugt. Nach der dritten Ausgabe (in Berlin) bin ich sehr zuversichtlich, dass sich die TINCON nachhaltig etablieren und weiter wachsen wird.

Welchen Aha-Moment habt ihr mitgenommen?
Tanja Haeusler:
Mein größtes Aha war, zu sehen, dass die jugendlichen Speaker inzwischen eine eigene Fangemeinde um sich scharen, ihre Talks durchweg gut besucht waren und in der Umfrage absolut mit der Beliebtheit der prominenten RednerInnen mithalten können. Das war in den ersten Jahren noch anders und freut mich immens.

Linda Dudacy: Ziemlich beeindruckt war ich von den zahlreichen Begegnungen zwischen den eingeladenen Stars der Jugendkultur und den Jugendlichen selbst. Die Annäherung war zugleich vorsichtig und respektvoll, auf Augenhöhe und vor allem total euphorisch. Die Diskussionen und das persönliche Kennenlernen nach den Vorträgen waren von so viel Interesse und Herzlichkeit umrahmt, dass ich wirklich ganz gerührt war.

Linda, du kuratierst das Programm bestehend aus 110 Speakern. Bitte beschreibe den U21-Beirat und wie ihr auf die Inhalte und Redner kommt.
Linda Dudacy:
Das TINCON-U21-Team besteht aus zwölf Jugendlichen, die ein halbes Jahr lang mit unserem Team in den Gewerken Organisation, Kommunikation und Programm das Festival mitgestalten. Wir schreiben gemeinsam an Tech Ridern, gestalten Instagram Stories auf unserem Kanal und laden Speaker ein. Das Programm ergibt sich vor allem aus unserem Programmworkshop im Januar. Hier haben 30 Jugendliche zwei Tage lang diskutiert, welche Themen wir ansprechen müssen und welche Speaker eingeladen werden sollten. Ich gehe mit ca. 500 Themenvorschlägen nach Hause und könnte daraus ein Jahr lang TINCON kuratieren. Ein aktuelleres Abbild der Jugendkultur könnten wir so wohl kaum bekommen.


Welche zwei Themen haben die Teilnehmer im Juni am meisten beschäftigt?
Linda Dudacy:
In erster Linie haben wir uns mit den Jugendlichen die Frage gestellt: „Schule, und dann?!“. Angefangen von einem Panel zum Thema „Auslandsjahr“ mit dem Team von plan&los, unserem Format „Berufe, die kein Schwein kennt“, in dem sich ganz unterschiedliche Branchen und Jobtitel erklären konnten, bis hin zu einem Workshop zur „Digitalen Bewerbung“ haben wir ein buntes Angebot an Möglichkeiten zusammengestellt. Ich denke, hier konnten alle ein wenig Zukunftsangst ablegen. Außerdem war das Thema „Mental Health“ sehr wichtig und präsent. Das Panel zu „Eskapismus – Kann Fiktion und Kreativität selbstheilend sein?“ mit den YouTuber*innen coldmirror, KostasKind und Liberiarium war randvoll. Wir haben gemerkt, dass junge Leute einen Raum brauchen, um offen und selbstbestimmt über Probleme reden zu können – das geschieht auf Social-Media-Plattformen schon nach und nach, braucht aber den analogen Raum.

Tanja, habt ihr ein Auge auf das Programm – oder darf der U21-Beirat alles?
Tanja Haeusler:
Zunächst hat ja auch das U21-Programm- Team einen groben inhaltlichen Rahmen, dem es gerecht werden muss, indem zum Beispiel alle Kategorien berücksichtigt werden müssen. Wo es mangelt, helfen wir dann nach. Außerdem kennen wir Speaker und Themen, die den Jugendlichen vielleicht nichts sagen, von denen wir aber überzeugt sind, dass sie toll ins Programm passen. Das ergänzt sich prima.

Über die Generation Y (1980 bis 2000 Geborene) haben wir schon viel gehört, doch nicht die Generation Z. Linda, unterscheidet sich Y von Z?
Linda Dudacy:
Ich stelle fest, dass sich die TINCONTeilnehmer* innen sehr reflektierte Gedanken darüber machen, wie sie in Zukunft leben und arbeiten wollen. Ich habe selten zuvor einen solch toleranten und weltoffenen Blick auf die Gesellschaft erfahren dürfen. Wir haben zahlreiche Beiträge zum Thema „Outing, Queerness und Selbstliebe“. Jeder ist Mensch und Schubladen passen schon lange nicht mehr. Das beeindruckt mich sehr. Zudem werden Arbeitsmodelle in Frage gestellt, Work-Life-Balance spielt eine große Rolle und Social Entrepreneurship liegt hoch im Kurs. Vielleicht blickt die Generation Z ein bisschen entspannter nach vorn.

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Auf Augenhöhe: Linda Dudacy (26) und Tanja Haeusler (51).
FOTO: TINCON, ALICE PLATI

Wieso braucht es eine Jugendkonferenz wie die TINCON, Linda?
Linda Dudacy:
Bei welcher politischen Talkshow oder Diskussionsrunde, bei welcher Fachtagung oder in welchem Gremium haben Sie zuletzt Jugendliche gesehen? Junge Leute sind kaum sichtbar. Klar, mit 13 bis 21 Jahren fehlt es an Erfahrung – das bedeutet in meinen Augen jedoch nicht, dass Meinungen und Ideen weniger wert sind. Die TINCON hat einen Ort geschaffen, an dem Jugendliche sich getrauen laut zu werden, für ihre Vorstellungen einzustehen und sich endlich ernst genommen fühlen. Hier kann man seine Meinung nicht nur äußern, sondern auch im Stillen bilden. Ohne Erwachsene und den „erhobenen Zeigefinger“ füllt sich ein Freiraum aus Fragen, Anregungen und ganz konkreten Projektideen – das ist wirklich unglaublich inspirierend.

Auf Konferenzen sprechen die Erwachsenen sehr oft über Digitalisierung und Digital Natives, aber sehr selten mit ihnen. Tanja, wie kommt das?
Tanja Haeusler:
In zivilgesellschaftlichen Debatten frage ich mich das auch, auf Konferenzen ist es, denke ich, tatsächlich nicht ganz einfach, Jugendliche zu finden, die sich auf Bühnen präsentieren können oder wollen. Das behauptet man aber auch immer, wenn es um weibliche Beteiligung geht. Mit der TINCON möchten wir Jugendliche ermutigen und unterstützen, sich an öffentlichen Debatten zu beteiligen, um sich der dominanten älteren Generation ins Gedächtnis zu rufen. Ich finde, dass wir da in den letzten Jahren schon sehr viel erreicht haben und der Input junger Menschen im Grunde sehr gewünscht ist. Die Talks unserer U21-Speaker auf der diesjährigen re:publica waren überfüllt und auch die Begegnungen der Generationen auf dem Netzfest, wo 17-Jährige Workshops für 70-Jährige gegeben haben, haben gezeigt, dass der Generation-Gap nicht naturgegeben ist und sich beide Seiten etwas zu geben haben.

Können Veranstaltungsplaner, die das Thema Millennials betrachten wollen, bei euch Speakers anfragen?
Tanja Haeusler:
Sehr gerne, ja, das passiert auch schon.

Linda, die Leser der tw tagungswirtschaft führen viele Konferenzen und Events durch. Was sollten diese tun, wenn sie wollen, dass junge Menschen kommen?
Linda Dudacy:
Ich glaube, es ist ein guter Ansatz, wenn man sich anschaut, wie die Themen der Veranstaltung auf den Plattformen der jungen Leute besprochen und verarbeitet werden. Welche Creators tun sich hier für die junge Zielgruppe hervor? Doch nicht nur Vorbilder wirken, sondern auch junge Macher*innen selbst. Die Erfahrung zeigt, dass junge Projekte teilweise schwerer auffindbar sind, doch die Recherche lohnt sich sehr. Mehr junge Stimmen auf Bühnen, in Workshops und letztlich in den Zuschauer* innenreihen – die Mischung sollte doch das Ziel sein.

TINCON

Die TINCON, Teenageinternetwork Convention, ist das Festival für digitale Jugendkultur. Das Forum für Jugendliche zwischen 13 und 21 dreht sich um die Themen Kultur, Technik & Games, Bildung & Science, YouTube-Kultur, Code, Musik & Lifestyle, Politik & Gesellschaft. In verschiedenen Formaten wie Talks, Workshops, Q&As, DIY-Formaten und in Gaming Areas nehmen sich Akteure der jugendkulturellen Szene ebenso diesen Themen an, wie die Jugendlichen selber. Erwachsene haben nur am dritten Konferenztag Zutritt. Mit einer Fördermitgliedschaft kann jeder die Arbeit des Vereins TINCON e.V. unterstützen. Die nächste TINCON findet am 19. September 2018 in Hamburg statt und am 8. März 2019 erstmals in Düsseldorf. https://tincon.org

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Der U21-Beirat der TINCON.
 Hintere Reihe, v.l.: Erik Leichter (Moderator), Jans (17), Mariella (18), Pascal (18), Loic (16), Luise (16). Mittlere Reihe, v.l.: Sharmila Sharma (Programmassistenz), Linda Dudacy (Programmleitung), Yannick (17), Noah (15), Christoph Boecken (Web & IT). Vordere Reihe, v.l.: Verena Kriz (Finanzen und Vereinsleitung), Phil Sachse (Produktionsleiter), Sheherazade Becker (Projektleitung), Tanja Haeusler (Gründerin). Vorne: Johnny Haeusler (Gründer).
FOTO: TINCON, GREGOR FISCHER

Tanja, am dritten Konferenztag öffnet sich die TINCON bewusst für Eltern und Ältere. Wie hoch war ihr Anteil unter den 950 Teilnehmern? Und wieso tut ihr das?
Tanja Haeusler:
Zunächst scheint es ja widersprüchlich, dass wir auf der einen Seite Jugendlichen zu mehr Sichtbarkeit in der Gesellschaft verhelfen möchten, zum anderen aber Erwachsene ausladen. Dass die jungen Gäste erst einmal unter sich sind, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sie ohne erwachsene Kritik Stellung beziehen und den Mut entwickeln können, sich auf die Bühne zu stellen oder einfach nur mitzudiskutieren. Erwachsenen einen Einblick zu gönnen, ist aber wichtig, um zu zeigen, was wir tun. Auch für uns als Verein, der ja auf erwachsene Unterstützung angewiesen ist. Im Juni in Berlin waren am Sonntag knapp 30 Erwachsene dabei, die haben also kaum gestört. ;-)

Die TINCON gibt es in Berlin und Hamburg und bald auch in Düsseldorf. Müsste es die Digitalkonferenz für Jugendliche nicht in viel mehr Städte geben?
Tanja Haeusler:
Erstaunlicherweise sind nur knapp die Hälfte der jugendlichen Gäste Berliner, es reisen also schon auch viele an. In Berlin macht es uns der Heimvorteil in vielen organisatorischen Bereichen leichter als außerhalb. Hamburg ist durch die wunderbare Kooperation mit dem LI Hamburg und der SchülerInnenkammer toll, das hilft enorm. Wir sind nur ein kleines Team, deshalb überlegen wir gut, was wir schaffen können und veranstalten nur dann außerhalb von Berlin, wenn wir, wie in Hamburg und Düsseldorf, ausdrücklich erwünscht sind. Aber grundsätzlich wäre es natürlich sinnvoll, dass die TINCON insbesondere an Orten stattfindet, die weniger reich gesegnet mit Kultur und Events für junge Menschen sind.

Linda, ihr schreibt zum Abschied: „Wir haben uns über jede*n Einzelne*n von euch gefreut“. Wozu die Sternchen?
Linda Dudacy:
Wir legen großen Wert darauf, in unserer Sprache und Kommunikation richtig zu gendern. Es gibt schließlich noch mehr, als die zwei Kategorien „männlich“ und „weiblich“. Das finden wir super, und wollen durch das * einfach alle ansprechen, egal welchen Geschlechts.  KERSTIN WÜNSCH
 
„Bei welcher Fachtagung oder in welchem Gremium haben Sie zuletzt Jugendliche gesehen?“
Linda Dudacy (26)
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