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CONVENTION BUREAUS

Über den Tellerrand

Convention Bureaus müssen ganzheitlich denken, um im Wettbewerb bestehen zu können. Während Wien seine „Visitor Economy Strategie 2025“ fährt, setzt Kanada auf Cluster, London auf Technologie und Berlin auf Nachhaltigkeit.

„D
as Leitziel unserer Strategie lautet: Visitor Economy soll Mehrwert schaffen. Für die Unternehmen des Ökosystems – wir sprechen hier von ‚business added value‘ – wie für die Stadt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner, also ‚city added value‘“, sagt Norbert Kettner über die neue „Visitor Economy Strategie 2025“ Wiens. Kettner ist Tourismusdirektor der Stadt Wien. Während sich manchem „Meeting Professional“ beim Wort Tourismus die Fußnägel aufrollen, sagen die Wiener leise Servus zum Nischendenken und streben ein ganzheitliches Konzept an. Unter dem Motto „Shaping Vienna“ verfolgen die Österreicher eine Tourismusstrategie, bei der die „Meeting Destination Vienna“ eines von drei zentralen Handlungsfeldern (neben „Place Making & Place Marketing“ und „Smart Solutions“) darstellt. Das Ziel: Bis 2025 sollen unter anderem der Beitrag der Visitor Economy zum Wiener BIP von 4 auf 6 Mrd. Euro und der Umsatz durch Übernachtungen von 900 Mio. auf 1,5 Mrd. Euro steigen.

„Es ist unser grundsätzlicher Ansatz, Projekte, Pläne und Strategien ganzheitlich zu denken und zu entwickeln“, sagt Christian Woronka, Leiter des Vienna Convention Bureau. „Shaping Vienna“ sei partizipativ in einem breiten Dialog mit einer Vielzahl an Akteuren entstanden. Unternehmen der Reisebranche waren genauso einbezogen wie die Wiener Bevölkerung sowie Experten zu Stadtentwicklung, Technologie und Events. Die Einflüsse von außen erleichtern den Blick über den Tellerrand. „Übergeordnet wollen wir das gesamte Ökosystem der Tourismusbranche stärken und Konferenzen sind dabei einer der wichtigsten Hebel für die Entwicklung des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts Wien – sowohl in Bezug auf die internationale Sichtbarkeit als auch auf die Wettbewerbsfähigkeit“, erklärt Christian Woronka, der seine Aufgabe als Leiter des Convention Bureaus vor rund einem Jahr angetreten hat.
          

Im Rahmen einer Allianz mit Wiener Standortpolitik und Wirtschaftsförderung werden erstmals die strategische Verknüpfung der Wiener Meetingindustrie mit spezifischen Schlüsselbranchen des Standorts Wien definiert und in der neuen Standortstrategie „Wien 2030 – Wirtschaft und Innovation“ festgeschrieben. In weiterer Folge sollen Schlüsselevents in gemeinsam definierten Branchen identifiziert und akquiriert bzw. eigenständig neue Events mit hoher Sichtbarkeit in Wien etabliert werden. „Internationale Kongresse werden auch künftig das Rückgrat der Meeting Destination bilden und ergänzend dazu werden wir den Bereich Corporate Events verstärkt im Fokus haben“, so Woronka weiter, der sich schon über eine neuartige Großveranstaltung rund um das Thema Startups freuen darf, die „Vienna UP’20“. „Das Format läuft eine Woche und soll bis zu 20.000 Besucher anziehen.“

Im Zuge der Implementierung der „Meeting Destination Vienna“ als Marke erstellt das Convention Bureau eine Tool-Box für ein einheitliches Storytelling, die künftig von den verschiedenen Stakeholdern der Wiener Tagungsindustrie eingesetzt werden und somit der gesamten Destination neue Strahlkraft verleihen soll. „Wir verstehen uns als Brückenbauer und werden in Zukunft den Dialog mit den verschiedenen Playern der gesamten Visitor Economy noch weiter intensivieren. Es ist unser gemeinsames Ziel, die Angebote der Destination und unsere Services für Veranstalter laufend zu optimieren und uns gemeinsam den Trends und Herausforderungen der Zukunft zu stellen“, fasst Woronka den Ansatz zusammen.
              
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Für den Standort Berlin spielt Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. Das führt zur Plattform „Sustainable Meetings Berlin“.
FOTO: VISIT BERLIN

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt „Destination Canada“, die Marketing-Organisation des nordamerikanischen Landes. Während ihres 19th Annual Public Meeting am 20. November 2019 erläutert David Robinson, Vice President of Strategy and Stakeholder Relations, das Konzept „Unlocking the Potential of Canada's Visitor Economy“. Eine zentrale Rolle im kanadischen Standortmarketing spielen Geschäftsveranstaltungen. Destination Canada hat ganz konkret Veranstaltungsplaner im Visier, die mit den Kernkompetenzen einzelner Städte vertraut gemacht werden sollen. Das angeschlossene Convention Bureau „Business Events Canada“ hat zu diesem Zweck eine Cluster-Strategie entwickelt. Vor allem in den naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen. Die Organisation hat sieben Schlüsselsektoren definiert: Luft- und Raumfahrttechnologien, Landwirtschaft und landwirtschaftliche Lebensmittelherstellung, saubere Technologien, Produktionstechnologie, Biowissenschaften, Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) und Ressourcenmanagement.

„Konferenzen dienen als Katalysator für eine florierende Volkswirtschaft“, weiß Chantal Sturk-Nadeau, Executive Director von Business Events Canada. „Wir richten den Fokus für die Vermarktung von Geschäftsveranstaltungen neu aus, und rücken Kanadas Haupt-Wirtschaftstreiber und das intellektuelle Kapital von Destinationen in den Mittelpunkt.“ Genau das sollen Veranstaltungsplaner kennenlernen und für ihre Events nutzen. Für die sieben Schlüsselbranchen hat Business Events Canada wichtige Kennzahlen zusammengetragen, die Städte und „Hotspots“ identifiziert, in denen die Wissensdichte in den jeweiligen Bereichen am höchsten ist, Anlaufstellen wie Universitäten oder ansässige Unternehmen zusammengetragen und Praxisbeispiele und Erfolgsgeschichten gesammelt. „Wir müssen unseren Ansatz ändern, um Kanada auf der Weltkarte für Konferenzen hervorzuheben“, so Sturk-Nadeau.
           
           

VERANSTALTUNGEN NEU DENKEN

Das MICE Forum im Rahmen der ITB Berlin, veranstaltet vom Verband der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO) wird international. Der thematische Fokus liegt auf Interaktion und partizipativen Veranstaltungsformaten.

Interaktive Foren, räumlich-verteilte Kongresse, selbstorganisierte Co-Working Konferenzen, analoge Treffen oder hybride Formate – mit einem starken Fokus auf den Teilnehmer werden sich die zukünftigen Veranstaltungsformate stark von den heutigen Standardformen unterscheiden. Wie können die Teilnehmer gezielt eingebunden werden, wie kann digitale und analoge Interaktion aussehen und welche Erfolgsfaktoren gilt es zu berücksichtigen? Antworten auf diese Fragen will das ITB MICE Forum am 4. und 5. März 2020 im Rahmen der ITB Berlin geben. Dabei lernen die Teilnehmer die wichtigsten Forschungsergebnisse aus dem Projekt „Future Meeting Space“, das neue Wege der Eventplanung aufzeigt, kennen. Unter anderem werden basierend auf den Forschungsergebnissen der Initiatoren German Convention Bureau und Fraunhofer IAO aktuelle und zukünftige Meeting Szenarien, Erfolgsfaktoren und verschiedene Teilnehmertypen vorgestellt. Darüber hinaus wird vermittelt, wie sich die Nutzung diverser methodischer und technologischer Elemente bei Veranstaltungen auf Wissensvermittlung, Lernerfolg, Netzwerken und Erlebniswert bei diesen Teilnehmertypen auswirken. Auch die Themen agiles Event Management oder Krisenmanagement werden behandelt.

Erstmals wird es am 6. März einen internationalen Tag geben, bei dem die Inhalte zu New Work, Influencer Marketing oder „Micro Moments“ von englischsprachigen Experten vermittelt werden. Im Rahmen des Meeting-relevanten Programms der ITB Berlin wird es am Abend des 5. März wieder die ITB MICE NIGHT. Gastgeber ist der fußläufig zur Messe entfernte International Club Berlin. In dieser Berliner Szenelocation treffen sich sonst Diplomaten, Wirtschaftsbosse und Künstler. Und am Gemeinschaftsstand des VDVO in der Halle 7.1a, Stand 200, präsentieren sich innovative Unternehmen der Meetingindustrie wie zum Beispiel Weframe, ein digitales Flipchart und Whiteboard in einem. Damit können Inhalte vom Smartphone, Tablet oder PC an den großen Touchscreen übertragen werden und Speaker oder Tagungsteilnehmer verarbeiten per Fingertippen die Informationen weiter. www.itb.vdvo.de, www.weframe.com
               
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Passgenaue Mülltrennung auf der Innovation Expo in Vancouver. „Business Events Canada“ hat eine Cluster-Strategie entwickelt zur Verknüpfung von Veranstaltungen mit den regionalen Wirtschaftstreibern.
FOTO: IMAGO, XINHUA

„Wir haben ein Jahr damit zugebracht, um sämtliche Kompetenzzentren in den jeweiligen Sektoren zu ermitteln“, sagt Virginie De Visscher, Senior Director of Business Development, Economic Sectors, die maßgeblich die Realisierung der Clusterstrategie vorangetrieben und mitgestaltet hat. Zu den ersten Erfolgen zählt „Collision“, das „Coachella“ für Technikfreaks, das dank Torontos Expertise im gesamten Technologiespektrum – von Fintech bis Medtech, von künstlicher Intelligenz (KI) bis zur drahtlosen Vernetzung – nach Kanada gezogen ist. Die am schnellsten wachsende Technologieveranstaltung Nordamerikas begrüßte im ersten Jahr ihres dreijährigen Engagements rund 30.000 Delegierte. Eine andere Konferenz, die Kanada seiner Strategie zu verdanken hat, ist der „World Summit AI“ in Montréal mit rund 6.000 Teilnehmern. Veranstalter Inspired Minds hat seine Konferenz rund um KI auf den nordamerikanischen Kontinent ausgedehnt, nachdem er von Kanadas Expertise in der KI während einer Präsentation von Destination Canada auf der London Tech Week erfuhr. „Unser Team hat zusammen mit dem kanadischen Hochkommissariat in London den Bid angebahnt, aber es war die Zusammenarbeit zwischen Tourisme Montréal und der KI-Gemeinde von Montréal, die die Konferenz eingetütet hat“, so Chantal Sturk-Nadeau.

Die London Tech Week (LTW), hinter der unter anderem das als Teil von London & Partners operierende Convention Bureau der Stadt steckt, brachte 2019 58.000 Besucher bei über 300 Events zusammen und findet dieses Jahr wieder von 8. bis 12. Juni statt. Das groß konzertierte Event vereint Konferenzen, Trainings, Hackathons, Pub-Crawls und allerhand Veranstaltungen mit Festivalcharakter rund um sämtliche Belange des Technologiesektors. Startups treffen auf Investoren, Firmen auf Talente, Visionäre auf Wissenschaftler. Dass eine derart groß angelegte Veranstaltung in London funktioniert, hängt nicht zuletzt mit der Dichte an Tech- Unternehmen der Stadt zusammen. Hier gibt es laut LTW mehr als dreimal so viele KI-Startups wie in jeder anderen europäischen Stadt. 2018 haben 745 KI-Unternehmen ihren Sitz in London 2018. Eine große Konferenz mit Ausstellung, die TechXLR8, fand mit 17.000 Teilnehmern im ExCeL statt, dazu die Events „Future of Work“, „LeadersInTech“ oder „Founders4Schools“.
                
               
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Die London Technology Week vereint Konferenzen, Messen, Trainings, Hackathons und Pub-Crawls zu einem Festival rund um sämtliche Belange des Technologiesektors.
FOTO: LONDON TECH WEEK

Während für Meetings in der englischen Hauptstadt Technologie zunehmend wichtig wird, ist es im deutschen Pendant der Bereich Nachhaltigkeit. Visit Berlin hat als Service für Veranstaltungsplaner gar eine eigene eine Plattform gegründet: Sustainable Meetings Berlin. Das Tool bündelt nachhaltige Angebote von Berliner Hotels, Locations und Service- Dienstleistern sämtlicher Gewerke und bietet zudem Tipps für Eventorganisatoren, die ihre Veranstaltung klimaneutraler und umweltfreundlicher umsetzen möchten.

Für das Partnernetzwerk hat Visit Berlin einen anspruchsvollen Kriterienkatalog mit 62 Kriterien und passgenauen Kriterien-Sets für die verschiedenen Sparten der Branche erstellt. Die dafür eingerichtete Toolbox ist auf der Online-Plattform zugänglich. Eingesetzt zuletzt auf der Konferenz Q Berlin am 7. und 8. November 2019 mit 800 Teilnehmern und internationalen Top-Speakern über soziale und gesellschaftliche Verantwortung, Veränderungen am Arbeitsmarkt durch künstliche Intelligenz und nachhaltige Städteplanung, eine Veranstaltung der Berlin Tourismus & Kongress GmbH. Zur Konferenz in der Station Berlin gab es ein vegetarisches Catering geben – ausschließlich mit regionalen Produkten. Den Durst konnten die Gäste an Trinkstationen samt cooler Mehrwegflaschen löschen. Und damit auch alles maximal verwertet wurde, unterstützten Food Savers die Q. Zudem wurde die gesamte Konferenz einwegfrei und sozial nachhaltig geplant.

Luisa Mentz, Projektmanagerin im Convention Office von Visit Berlin, kümmert sich hauptsächlich um nachhaltige Veranstaltungen. Sie stellt eine steigende Nachfrage nach nachhaltigen Alternativen zu verschiedenen Komponenten der Veranstaltungen fest. „Es hängt natürlich vom Event ab, aber ein Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit ist eindeutig feststellbar.“ Visit Berlin setzt sich proaktiv für nachhaltige Events ein: „Bei Kunden, die nicht aktiv nachfragen, sehen wir es als unsere Aufgabe an, darauf hinzuweisen, dass es nachhaltige Anbieter gibt, dass es nachhaltige Alternativen gibt. Wir wollten diese Verantwortung übernehmen“, so Mentz. Auch ein Leitziel für eine Strategie.
CHRISTIAN FUNK
  
https://convention.visitberlin.dewww.vienna.convention.atwww.businesseventscanada.cahttps://londontechweek.comhttps://theaisummit.com
„Es hängt natürlich vom Event ab, aber ein Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit ist eindeutig feststellbar.“
Luisa Mentz,
Projektmanagerin im Convention Office von Visit Berlin
„Wir haben ein Jahr damit zugebracht, um sämtliche Kompetenzzentren zu ermitteln.“
Virginie De Visscher,
Business Events Canada
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