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INTERVIEW

„Ganzheitlich denken“

Christian Woronka, seit einem Jahr Leiter des Vienna Convention Bureau, über den Ansatz hinter Wiens „Visitor Economy Strategie 2025“, Veranstaltungen als Hebel für den Standort und die Arbeit im Team.

tw: Unter dem Motto „Shaping Vienna“ hat Wien eine „Visitor Economy Strategie“ mit Experten zu Stadtentwicklung, Technologie und – spannend – Events erarbeitet. Warum diese Bereiche?
Christian Woronka: Es ist unser grundsätzlicher Ansatz, Projekte, Pläne und Strategien ganzheitlich zu denken und zu entwickeln. „Shaping Vienna“ ist partizipativ in einem breiten Dialog mit einer Vielzahl an Akteuren entstanden. Wir haben die Reisebranche genauso einbezogen wie die Wiener Bevölkerung und renommierte Experten aus den verschiedensten Themenbereichen. Unter anderem orientiert sich dieser Ansatz an der Initiative Smart City Wien, weswegen die Bereiche Stadtentwicklung und Technologie auf der Hand liegen. Übergeordnet wollen wir das gesamte Ökosystem der Tourismusbranche stärken und Konferenzen sind dabei einer der wichtigsten Hebel für die Entwicklung des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts Wien – sowohl in Bezug auf die internationale Sichtbarkeit als auch auf die Wettbewerbsfähigkeit. Der Denkansatz hinter der Visitor Economy bedeutet, Gäste weiterhin mit Top-Angeboten und Services zufriedenzustellen, dabei aber gleichberechtigt auch auf Mehrwert des Tourismus für die gesamte Stadt, die Zufriedenheit der Einwohner und die Wertschöpfung für Unternehmen abzuzielen. Die zentrale Frage für die kommenden Jahre lautet daher nicht, was unsere Stadt für den Tourismus tun kann, sondern darauf zu fokussieren, was Tourismus für unsere Stadt tun kann. Ganzheitlich.

Sie sprechen von Veranstaltungen als Hebel. Gibt es konkrete Pläne?
Ja, als eines von drei zentralen strategischen Handlungsfeldern haben wir die „Meeting Destination Vienna“ definiert. Wiens Meetingindustrie ist Vorzeigesegment der Visitor Economy. Bereits heute sorgt sie für jede achte Übernachtung in der Stadt, Kongressbesucher geben mit rund 540 Euro pro Tag sogar doppelt so viel aus wie der durchschnittliche Gast. Neben einer strategischen Fokussierung im Rahmen der neuen Standortstrategie „Wien 2030 – Wirtschaft und Innovation“ soll eine tiefgehende Potenzialanalyse des Tagungssegments zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten schaffen. Ein gemeinsamer Fokus auf Wiener Spitzenthemen mit USP-Potenzial trägt zur Umsetzung der Standortstrategie bei. Wir treten damit international auf und sehen darin auch eine Möglichkeit für unsere Kunden, sich wirksam zu positionieren und mit ihren Themen zugleich auch mehr Präsenz in der Destination zu zeigen. Als Convention Bureau arbeiten wir beständig an der Optimierung von Services – und wir werden verstärkt gefragt, wie beispielsweise das Thema eines Kongresses in der Destination, bei der lokalen Bevölkerung bzw. der breiten Öffentlichkeit verankert werden kann. Hier möchte Wien seinen Kunden künftig noch mehr bieten. Wir planen zudem Services zur Unterstützung internationaler Firmenveranstalter und Verbände etwa bei der Bewältigung von Auflagen oder Schnittstellen zur lokalen Wirtschaft und Wissenschaft. Darüber hinaus kommt es auch auf die Hardware an, auch hier entwickelt sich die Stadt weiter. Aus dem Anspruch eines kontinuierlichen Qualitätsupgrades kommt dem Austria Center Vienna und dem Standort Messe Wien strategische Bedeutung zu.
                      
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FOTO: MARTINA SIEBENHANDL

ZUR PERSON

Christian Woronka leitet im WienTourismus die Abteilungen Convention Bureau und Marktmanagement und ist damit für die Vernetzung mit der weltweiten Reisebranche sowie den Ausbau von Tagungen und Kongressen, Corporate Meetings und Incentives zuständig. Zusammen mit seinem Team entwickelt er die Marke Wien im Meetingindustrie-Bereich weiter. www.vienna.convention.at

Gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung wurde die Standortstrategie „Wien 2030 – Wirtschaft und Innovation“ initiiert. Für sechs Schlüssel-Branchen sollen neue Konferenzen etabliert werden. Welche sind das?
Die Branchen, beziehungsweise Themenfelder sind smarte Lösungen für den städtischen Lebensraum, Gesundheit, Digitalisierung, smarte Produktion in der Großstadt, internationale Begegnung sowie Kultur und Kreativität. Damit bauen wir auf den Stärken unseres Standorts auf und nutzen das vorhandene Potential um Antworten auf die großen Herausforderungen der kommenden Jahre – vom Klimawandel bis zur Digitalisierung – zu geben. Mit den Wiener Spitzenfeldern wollen wir im internationalen Wettbewerb der Metropolen ganz oben mitspielen und besonders kraftvolle Innovationen entwickeln – „Wiener Lösungen“ also.

Stehen dazu bereits erste Events im Kalender?
Auch wenn wir gerade erst mit der Umsetzung der Strategie begonnen haben, werden wir vom 11. bis zum 17. Mai 2020 eine neuartige Großveranstaltung rund um das Thema Startups bekommen, die „Vienna UP’20“. Das Format läuft eine Woche und soll bis zu 20.000 Besucher anziehen. Darüber hinaus wird 2020 ein starkes Jahr bei den medizinischen Kongressen. Zwölf Großveranstaltungen mit über 5.000 Teilnehmern stehen an.

Seit geraumer Zeit ist das Thema Nachhaltigkeit allgegenwärtig. Welche Rolle spielen denn Green Meetings für Wien?
Wien lebt Nachhaltigkeit schon jetzt auf hohem Level. Das Vienna Convention Bureau wurde kürzlich vom Österreichischen Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus erneut als Lizenznehmer für „Green Meetings und Green Events“ zertifiziert und ist somit weiterhin berechtigt, Tagungen in Wien als „Green Meetings“ auszuzeichnen. Auch der WienTourismus mit seinem Vienna Convention Bureau setzt als Organisation Zeichen: Seit 1. Januar 2020 werden sämtliche CO2-Emissionen von Dienstreisen per Flugzeug über Climate Austria kompensiert. Nachhaltigkeit ist außerdem in der Visitor Economy Strategie 2025 verankert, die auf eine nachhaltige Entwicklung Wiens als Tourismus- und Tagungsdestination in ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht abzielt.

Eine akute Änderung in der Struktur betrifft seit 2020 die Aufteilung der Marketingaktivitäten des Vienna Convention Bureau. Bisher geografisch nach Märkten sortiert, liegt der Fokus nun auf Segmenten. Warum dieser Schritt?
Manchmal muss man den Status quo einfach herausfordern, anders denken und neue Wege gehen. Die Änderung haben wir gemeinsam im Team beschlossen. Die neue Struktur bedeutet, dass wir uns in Zukunft noch besser und gezielter auf unsere Kunden einstellen können. Wir behalten zugleich unsere Flexibilität bei, sodass alle im Team auch zukünftig übergreifend arbeiten und handeln können.
              


Sie sind vor gut einem Jahr von Köln nach Wien gekommen und haben die Nachfolge von Christian Mutschlechner angetreten. Gab es Dinge, die Sie ändern wollten?
Jede Führungskraft hat ihre eigene Handschrift, und auch ich bin mit Visionen und konkreten Zielen in meinen neuen Job gegangen. Mein Vorgänger ein toll geführtes Convention Bureau übergeben, das meinen guten Start begünstigt hat. Mein Start fiel mitten in die Entwicklung der Wiener Visitor Economy Strategie 2025, eingebettet in weitere Strategien der Stadt Wien, weswegen hier ein Hinterfragen von Klassischem und Wechseln von Perspektiven quasi vorgegeben war. Ein gutes Jahr nach meinem Antritt kann ich sagen: Die Bedeutung von Wien als Meetingdestination wurde strategisch gestärkt und ich freue mich auf die weitere Umsetzung in der täglichen Arbeit. Dinge, die ich konkret angehen wollte, war Synergien im Marktmanagement zu nutzen und das gesamte Ökosystem stärker einzubeziehen. Dass wir hierbei gemeinsam im Team einige Strukturen aufbrechen und Prozesse neu denken wollten, gehört dazu. Als ich angefangen habe, wusste ich, dass neue Strategien entwickelt werden und ein Umbruch im gesamten Tourismusverband bevorsteht, der auch das Convention Bureau inkludiert. Dies mitgestalten zu dürfen ist zwar eine komplexe und herausfordernde, vor allem aber spannende und motivierende Aufgabe.

Wie sehen Ihre mittelfristigen Ziele für Wien als Meetingdestination aus?
Internationale Kongresse werden auch künftig das Rückgrat der Meeting Destination bilden. Ergänzend dazu werden wir den Bereich Corporate Events verstärkt im Fokus haben. Das bedeutet etwa, dass wir die Bedürfnisse der Veranstalter von Corporate Events neu bewerten und unsere Zielgruppenansprache in diesem Bereich schärfen werden. In der Kommunikation werden wir neue Angebote oder besondere Incentive-Erlebnisse nutzen, um die Neugier für den Gesamtstandort zu wecken. Außerdem wollen wir Wiens Position als Hauptstadt Zentraleuropas stärker betonen. Im Großen und Ganzen geht es uns um eine ganzheitliche Weiterentwicklung der Destination, mit dem Ziel Mehrwert für die Stadt und ihre Bewohner, aber zu gleichen Teilen auch für Veranstalter und Besucher zu schaffen.

Und worin sehen Sie hier die größten Herausforderungen?
Komplexität. Dinge werden immer unplanbarer, wir müssen schauen, wie wir Tradition fortführen, aber auch auf notwendige Anpassungen schnell reagieren können. Wir verfolgen ambitionierte Ziele und sind gerade dabei, die Umsetzung zu starten - gemeinsam als Team im WienTourismus.
CHRISTIAN FUNK
„Manchmal muss man den Status quo einfach herausfordern, anders denken und neue Wege gehen.“
Christian Woronka,
Vienna Convention Bureau
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