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BRANDEX-FESTIVAL

Raum im Raum

Wie andere Premieren auch ist das International Festival of Brand Experience (BrandEx) ambitioniert: Auf 15 Bühnen laufen 100 Vorträge und dank Open-Space-Architektur und „Silent Stages“ überall Gespräche. Während zum Kongress etliche Plätze frei bleiben, füllt sich die Halle 3B der Westfalenhallen Dortmund zur Award-Verleihung.

„I
ch würde nicht sagen, dass ich die Jugend verstehe“, schränkt Charles Bahr ein. Zwar zähle er mit seinen 16 Jahren dazu, doch es gebe täglich neue Trends. Noch schwieriger sei das für Ältere. Charles und ein Kumpel gründen ergo vor zwei Jahren die Agentur „Tubeconnect Media“. Seither ist der Schüler auch ein gefragter Speaker. Beim International Festival of Brand Experience (BrandEx) am 15. Januar 2019 redet der Teenager über die „Generation Z als Konsument“ und deren Ansprache. „Keine Generation hat die Kommunikation so stark beeinflusst“, erklärt Charles und erzählt von Lisa und Lena, die „TwinFluencers“ mit 25 Mio. Followern. 12- bis 17-Jährige seien auf TikTok, Twitch und Twitter unterwegs. Facebook haben die Jungen längst verlassen, da sind ihre Mütter. Unbegreiflich ist für ihn, dass Firmen viel Geld in Facebook stecken, um die Generation Z zu erreichen. „Wie Ihr Kampagnen messt, ist absurd. Ein Like ist 2019 kein KPI mehr“, kritisiert Charles. Es gehe um Interaktion und um „coolen Content“. Sein Fazit: „Bevor Ihr Euch überlegt, was die Zielgruppe Z will: Fragt sie!“

Genau deshalb haben mehrere Hundert Personen am Morgen vor der Hauptbühne Platz genommen. Viele der mehr als 1.000 Sitze bleiben frei, als das BrandEx-Festival mit dem Motto „01: die Begegnung“ beginnt. 1.000 Tickets haben die Veranstalter an Frau und Mann gebracht; 800 davon für 700 Euro verkauft. Die Initiatoren, der Kommunikationsverband Famab, die Westfalenhallen Dortmund, das Studieninstitut für Kommunikation und der BlachReport wollen „einen Ort schaffen, wo sich die Branche trifft“, sagt Famab-Geschäftsführer Jan Kalbfleisch. Unter Branche versteht er die Bereiche Messe, Architektur und Live-Kommunikation. Das Festival soll eine Gemeinschaftsleistung eben dieser sein. Neben den Veranstaltern wirken zahlreiche Arbeitsgruppen mit und 89 Sponsoren.


Wie viele andere Premieren auch ist das erste BrandEx-Festival ambitioniert: 100 Vorträge laufen auf 15 Bühnen; der Hauptbühne, in den beiden Keynote Lounges und den sechs Themen-Areas Future, Fresh, 70s, Industrial, Nature und Urban. Auf Charles Bahr folgt der Vortrag „Support the Girls – in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft“ von Dr. Steffi Burkhart, Human Capital Evangelist. Beiden zur Seite übersetzt ein Gebärdensprachdolmetscher für Schwerhörige und Gehörlose. Die drei stehen für Vielfalt und Inklusion. Diese Haltung ist den Veranstaltern wichtig:

„Das International Festival of Brand Experience hat sich zum Ziel gesetzt, Vielfalt auf der Bühne sichtbar zu machen. Wir möchten ein möglichst breites inhaltliches Spektrum für unser Publikum anbieten, das die Branche und die Gesellschaft gut widerspiegelt.“

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FOTO: BRANDEX, RONNY BARTHEL

Die Location, die Halle 3b der Westfallen Dortmund ist folglich barrierefrei und nicht wiederzuerkennen: In der Mitte hat Late Night Concepts die Hauptbühne aufgebaut sowie die zwei Keynote Lounges und Aventem die Technik mit einer eindrücklichen LED-Wand, die mit den Maßen 26x4m über die gesamte Bühne reicht. Um die Bühne herum gruppieren sich die kreativ wie offen gestalteten Themen-Areas, um deren technische Ausstattung sich satis&fy kümmert. Dank der Technik von Neumann & Müller folgen die Teilnehmer den „Silent Talks“ mit Headsets über Drahtlos-Empfänger oder führen ohne diese ihre Gespräche. Ruhige Rückzugsmöglichkeiten gibt es genug wie an den Food Stations der Cateringmanufaktur aus Dortmund. Beliebt ist der Tisch „Kindergeburtstag“, auf dem sich Süßigkeiten türmen. Lutscher, Lakritzschnecken und ihre Kindheitserinnerungen bringen die Teilnehmer ins Gespräch.

Die Formate sind vielseitig, etwa der Talk „Life is live – Influencer brauchen Events“, das Fireside Camp „Digitale Zeiten brauchen analoge Räume“ auf dem Urban Stage, die Konzeptvorstellung „Campus Germany – der Deutsche Pavillon auf der EXPO 2020 in Dubai“ oder der Impulsvortrag „Eventarchitektur und ihre Funktion als konstruierter Begegnungsraum“ auf dem Industrial Stage. Nicht selten kommen die Teilnehmer selbst ins Tun wie beim Workshop „Wert einer kraftvollen und gesunden Stimme für Führungskräfte“ mit Sängerin und Vocal Coach Alexandra Pengler. Das Finden der eigenen, ausdrucksstarken Stimme führt sie mit Freiwilligen wie Silke Schulte vor. Die ESG-Geschäftsführerin erstaunt das Ergebnis der einfachen Übung mit einem Strohhalm. „Die einfachen Übungen zur Optimierung der Stimme sind ideal für Speaker, Geschäftsführung oder Abteilungsleitung, die ihre Teams und Verkaufsabteilungen fördern und inspirieren wollen.“

„PERFEKT SZENOGRAFISCH ENTWICKELTER EVENTSCHAUPLATZ“

Im Bereich „Fresh“ folgt Christian Walk (3.v.r.) einem Vortrag über das Berufsbild Event und nimmt an einem Workshop für Szenografie teil.FOTO: BRANDEX, RONNY BARTHEL
Im Bereich „Fresh“ folgt Christian Walk (3.v.r.) einem Vortrag über das Berufsbild Event und nimmt an einem Workshop für Szenografie teil.
FOTO: BRANDEX, RONNY BARTHEL
Christian Walk ist Master-Student im Studiengang Erlebniskommunikation an der SRH hdpk – Hochschule der populären Künste. Er hat sich auf den Weg von Berlin nach Dortmund zum International Festival of Brand Experience (BrandEx) gemacht. Sein Erfahrungsbericht.

Mein Tag beginnt um 8:50 Uhr auf dem Parkplatz der Dortmund Westfalenhallen. Mitarbeiter leiten mich um eine Baustelle herum zur Messehalle 3B. Der Ort des ersten BrandEx-Festivals liegt für den Besucher unerwartet im Verborgenen und macht eine sich fortentwickelnde Metamorphose durch: vom Baustellen- Setting zu einem perfekt szenografisch entwickelten Eventschauplatz. Von der Akkreditierung bis zur Mantelabgabe funktioniert alles reibungslos. Die Mitarbeiter sind sehr freundlich. Der Zugang zur Halle erfolgt über einen roten Teppich durch einen weißen Tunnel, von unten ausgestrahlt. Dieser Übergang ergreift mich in ästhetischer Hinsicht. In der Mitte der Halle steht die Hauptbühne, auf der ab 9 Uhr der Eröffnungs- Act durch die futuristisch anmutende Show RAYY läuft. Danach beginnt der Vortrag von Charles Bahr (16). Der Influencer und Gründer von Tubeconnect Media spricht über die Generation Z und deren Ansprache über Social Media. Bei der Ansprache der Zielgruppe von 8 bis 23 Jahren kommt es bei sozialen Medieninhalten auf authentischen Content an, nicht auf Werbung.

Nach Charles Vortrag mache ich einen Rundgang, um mir einen Überblick über die sechs Areas der BrandEx zu verschaffen: Urban, Nature, Industrial, 70’s, Future und Fresh. Jeder Bereich hat eine kleine Bühne und einen Interactive-Bereich für Vorträge, die man sich über ein Headset anhören kann. Neben der Hauptbühne gibt es zudem zwei Keynote-Lounges. In jedem Bereich sind Food-Stations aufgebaut. Im Future- Bereich stoße ich auf die Catering-Firma Mikrokosmos Berlin mit Essenshäppchen aus Insekten – die nachhaltige Proteinquelle der Zukunft. Da die meisten Europäer bei Insekten als Nahrungsmittel Ekel empfinden, erfordert das Essen Überwindung und wird für mich zu einem emotionalen Ereignis.

Als Besucher hat man die Qual der Wahl, sich zwischen den vielen parallelen Vorträgen zu entscheiden. Zwischen 11:15 Uhr und 16:15 Uhr höre ich im Urban- Bereich einen Vortrag über den Erfolgsfaktor Teilnehmer-Experience für Veranstaltungen, esse noch mehr Insekten-Häppchen, folge im Bereich Fresh einem Vortrag über das Berufsbild Event, nehme an einem Workshop für Szenografie teil und gehe in die 70’s-Area für drei weitere Vorträge. Dazwischen ergibt sich die Gelegenheit an den Food-Stations etwas zu probieren – nachhaltige Erlebnisse entstehen auch über den Geschmackssinn. Ein Highlight ist für mich um 16:30 Uhr auf der Hauptbühne der Vortrag „The Burning Man“ von Prof. Stefan Hofmann. Nach seiner Erzählung und den vielen Fotos will ich mit dem Wohnmobil in die Wüste von Nevada fahren, mich all den Menschen dort nahe fühlen und mit ihnen feiern. Nach dem Vortrag von Julius van der Laar über politische Wahlkampfkommunikation in den USA nutze ich die Gelegenheit zum Socializing und lasse den Abend bis 22:45 Uhr mit Aljoscha Höhns Moderation der Preisverleihung der BrandEx Awards ausklingen. Auf dem Weg zu meinem Airbnb bin ich von den Eindrücken des ersten BrandEx überwältigt.
CHRISTIAN WALK



Um die Aus- und Fortbildung, den Event-Beruf und -Nachwuchs geht es in der Fresh Area, in der sich bekannte Branchenköpfe einbringen. Colja Dams und Katharina Strupp von Vok Dams sprechen über „Event 4.0 – Arbeitswelten“, Mitarbeiter der marbet Marion & Bettina Würth GmbH & Co. KG unterstützen beim „Career Coaching“. Die Talkrunde „Karrierewege in der Eventindustrie“ bestreiten u.a. Prof. Dr. Cornelia Zanger der TU Chemnitz und Christian Poswa von insglück, den Fuck-Up Talk „Life is a rollercoaster: Eine ungewöhnliche Eventkarriere“ hält Tom Inden-Lohmar von Mampe Spirituosen. Durch den Tag führen die Nachwuchsmoderatoren vom 7. „NAWUMO“-Wettbewerb. „Der Branche ist es 2018 gut gegangen, doch wir haben große Probleme Nachwuchs zu finden“, begründet Jan Kalbfleisch das Engagement. Der Mangel an qualifizierten Fachkräften ist aus seiner Sicht das größte Hemmnis, mit dem die Branche zu kämpfen hat.

Dieser und anderen drängenden Fragen ungeachtet füllt sich die Halle erst gegen Abend zu den BrandEx-Awards, die den Famab Award, BEA Award, Famab New Talent Award und INA Award ablösen. Der neue Kreativwettbewerb für Livekommunikation hat fünf Kategorien „Event“, „Architecture“, „Crossmedia“, „Planning, Craft, Production“ und „Fresh“ mit insgesamt 18 Unterteilungen. In jeder gibt es Videos der Nominierten zu sehen und Prämierungen in Gold, Silber und Bronze. 54 Preisträger sind vielen zu viele, die Verleihung ist ihnen zu lang.


Selbst wenn ihr die Award-Verleihung zu lang gewesen ist, hat das BrandEx-Festival die Erwartungen von Christine Popp von Kassel Marketing erfüllt. „Spannende Vorträge, interessante Referenten, inspirierende Kontakte, einfach wirklich ,01| Die Begegnung‘ – ein toller Jahresauftakt für die Branche.“ Nachhaltig beeindruckt hat sie die Keynote von Charles Bahr. Raumkonzept und Programm kommen ihr etwas überdimensioniert vor, weisen aber „tolle Lösungen mit den Headsets, Meeting- Inseln und den Raum-in-Raum-Konzepten auf“. Ihr Fazit: „Kompliment an die Organisatoren für eine wirklich beeindruckende Festivalpremiere.“

„Als Mitinitiatoren verzeichneten wir am Vortag der BOE International eine großartige Premiere des BrandEx-Festivals. Sowohl das ambitionierte Kongress- und Workshop-Format als auch die Verschmelzung der bekannten Event-Awards zum BrandEx-Award wurden von den Besuchern begeistert angenommen.“
Michael Hosang, Geschäftsführer des Studieninstituts für Kommunikation

Wie weit ein Festival gehen kann, zeigt eindrücklich der Impulsvortrag „Burning Man“ von Prof. Stefan Hofmann. Der Head of Creative Direction von Lichtwerke hat sich mit 70.000 Menschen in die Wüste Nevadas aufgemacht, zu einer Gesellschaft fern des Alltags, der wirklichen Begegnungen. Die Anreise nach Blackrock City dauert 34 Stunden. „Du musst alles mitbringen“, sagt Hofmann: „Essen, Bier... Es gibt nichts, kein Strom, kein Wasser.“ Dafür einen Sandsturm bei Ankunft. Am Tag 30 Grad, in der Nacht minus 10 Grad, diese Bedingungen verlangten dem Einzelnen alles ab. „Es ist ein Fest von uns, für uns. Jeder tut jedem was Gutes“, so Hofmann. Burning Man sei viel mehr als eine kollektive Phantasie, jeder bringe sich ein. Hofmann will wieder dabei sein – aber dieses Mal mit einem Beitrag.

Genau das wünscht sich Jan Kalbfleisch von den Teilnehmern des BrandEx-Festivals und appelliert an diese: „Unsere Branche steht für Räume der Begegnung. Bringen Sie sich ein!“  KERSTIN WÜNSCH
 

www.brand-ex.org




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