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INTERVIEW

„Ich habe den Fokus auf das Verbindende gelegt“

Karin Ruppert übernimmt kurzfristig die Projektleitung des ersten International Festival of Brand Experience (BrandEx). Im Interview spricht sie über Führung in einem kollaborativen Prozess, Vielfalt auf der Bühne und einen Wunsch.

tw: Das International Festival of Brand Experience liegt sechs Wochen zurück. Welchen Moment haben Sie lebhaft in Erinnerung?
Karin Ruppert: Ein besonders spannungsgeladener Moment war für mich kurz bevor die ersten Gäste die Halle betreten haben. Da habe ich mein Auge über die gesamte Szenerie schweifen lassen. Das war sehr erfüllend und ich dachte mir: Alles ist an seinem Platz. Was für eine unfassbare Gemeinschaftsleistung. Wenn sich jetzt der Teamspirit auf die Gäste überträgt, dann kann nichts mehr schief gehen!

Hinter dem BrandEx-Festival stecken viele: die Teams der vier Initiatoren, ein Kuratorium, zahlreiche Arbeitsgruppen und die 89 Sponsoren. Wie haben Sie alle auf Linie gebracht?
Die größte Herausforderung einer solch komplexen Projektstruktur ist die Kommunikation mit den unterschiedlichen Gruppen und Akteuren. Hier gilt es, Ziele und Orientierung in einem straffen Zeitplan zu geben, aber auch Raum für die Entfaltung von Ideen zu lassen. Es ist wichtig, neben den inhaltlichen Entwicklungen den Gruppenprozess im Blick zu behalten. Führung in einem kollaborativen Prozess hat die Aufgabe Potenziale des Einzelnen zu erkennen, zu fördern und alles im Sinne des Ganzen zusammenzuführen. Das hat wenig mit Hierarchie zu tun, sondern mit Empowerment. Deshalb waren mir Vertrauen, Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Reflektion sehr wichtig. Soziale Interaktion bedeutet sich einzulassen, sich zu positionieren, sich abzugrenzen, um sich immer wieder neu zu verbinden. Ich habe den Fokus auf das Verbindende gelegt, da steckt sehr viel Kraft drin. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile und setzt ungeahnte Potenziale frei. Für eine Veranstaltung, die den Anspruch hat, aus der Branche heraus entwickelt zu werden, ist das eine essentielle Erkenntnis und große Chance.

Erst im August, fünf Monate vorher, übernahmen Sie die Projektleitung. Hatten Sie Angst, dass es schief geht?
Nein. Angst ist kein guter Begleiter. Ich bin mit Vertrauen unterwegs. Die Aufgabe kam zu mir, und ich habe sie angenommen. Viele Jahre habe ich Großprojekte gesteuert und wusste, worauf ich mich einlasse. Mich reizt es, wenn die Herausforderung groß ist, und manch einer schon das Scheitern prophezeit… Dann laufe ich zur Hochform auf! Meine systemische Zusatzausbildung war beim Balancieren der gruppendynamischen Prozesse sehr hilfreich.

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FOTO: PHOCUS BRAND CONTACT
  

ZUR PERSON

Karin Ruppert ist Gesamtprojektleiterin BrandEx und Leiterin der Verbandskommunikation beim Kommunikationsverband Famab, Fachverband für Messebauunternehmen, Marketing-/Eventagenturen, Messearchitekten und -designagenturen, Eventcatering-Unternehmen sowie jeweils deren Zulieferer. https://brand-ex.org, https://famab.de

Die Veranstalter von BrandEx treten für Vielfalt und Inklusion ein. Wieso ist das wichtig?
Die Veranstaltungsbranche ist sehr heterogen. Diese Vielfalt ist ihr großer Schatz. Wie wir Bühnen bauen und bespielen hat eine große Strahlkraft in viele Bevölkerungsschichten hinein. Genau hier entsteht die gesellschaftspolitische Verantwortung, die als Haltung für das Festival formuliert wurde. In einer Welt, in der Vieles auseinanderdriftet und sich viele Menschen aus Angst zurückziehen, ist es wichtig ein Zeichen zu setzen und Gäste jedweder Couleur einzuladen an unseren Veranstaltungen teilzuhaben. Dabei sollte das, was sich auf und vor unseren Bühnen zeigt, auch immer ein Spiegel der Gesellschaft sein. Wir haben von Anfang auf ein vielfältiges Programm geachtet und Barrierefreiheit. Eine Anmerkung noch zu unseren großartigen Gebärdensprachdolmetschern: Sichtbarkeit schafft Bewusstsein, und Bewusstsein hat die Kraft Dinge nachhaltig zu verändern! Wir freuen uns sehr, dass a.mao unsere Veranstaltung unterstützt hat!

Trotz Ihres „Mörderjobs“ haben Sie nebenbei ein Meetup für die neue Initiative “She Means Mentoring” auf die Beine gestellt. Wieso?
Die Initiative ist für mich eine Herzensangelegenheit. She Means Mentoring will für die Gleichbehandlung von Frauen in der Veranstaltungswirtschaft eintreten. Sie lädt Frauen ein, sich in einem Netzwerk zu verbinden und sich gegenseitig zu unterstützen. Ich selbst habe in der Veranstaltungsbranche als Alleinerziehende Karriere gemacht. Dabei habe ich viel über die Branche und die Rahmenbedingungen für Frauen in Unternehmen gelernt. Mütter, die eine Führungsposition anstreben, begegnen vielen Herausforderungen. Als Mit-Gründerin möchte ich zum einen meine Erfahrung an junge Frauen weitergeben und sie ermutigen, ihren beruflichen Weg zu verfolgen. Zum anderen möchte ich helfen, ein starkes Netzwerk aufzubauen, um den relevanten Themen eine größere Sichtbarkeit zu verleihen.

100 Vorträge, Talks oder Meetups verteilten sich auf die Hauptbühne, zwei Lounges und die Themen- Areas Future, Fresh, 70s, Industrial, Nature und Urban. Wieso diese sechs?
Es war das Ziel, verschiedene Themenwelten zu gestalten, die die Besucher in unterschiedliche räumliche Atmosphären entführen. In einer sehr frühen Konzeptphase wurden diese sechs Themen geboren, um einen möglichst breiten Erlebnisraum abzubilden.



Die Open-Space-Architektur bot eine Erlebnisreise – allerdings auch in leere Ecken. War die Halle 3B der Dortmund Westfalenhallen mit 10.000 qm zu groß gewählt?
Darüber kann man sich streiten. Bei einem Einraum-Konzept mit unterschiedlichen Nutzungsanforderungen – tagsüber Vorträge in vielen verschiedenen Welten, abends eine Award-Verleihung – ergeben sich besondere Herausforderungen. Vielleicht kann man diese künftig noch geschickter lösen. Es wird auf jeden Fall ein Teil der Weiterentwicklung sein, das Raumkonzept in einer Expertenrunde noch einmal kritisch zu hinterfragen und eventuelle Anpassungen vorzunehmen. Ich persönlich fand das Setting für die Auftaktveranstaltung gut.

Der Konferenzteil war neu, mutig und innovativ, die Award-Verleihung wie immer. Wie kam das?
Ich freue mich, dass der inhaltliche Aufbau des Tages positiv nachklingt. Es war das erklärte Ziel, die Inhalte und das Festivalprogramm stark in den Vordergrund zu rücken. Der BrandEx-Award am Abend wurde das erste Mal verliehen. Eine Arbeitsgruppe führte die bestehenden Award-Formate zusammen, überarbeitete die Kategorien und führte die Best-of-the-Best-Liste ein. Die Preisverleihung war für die Gewinner eine wertschätzend inszenierte Preisverleihung auf großer Bühne – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dessen ungeachtet strömten die Teilnehmer am Abend zu den BrandEx-Awards und der Aftershow-Party, während sie zu den Vorträgen am Tag nur langsam eintrudelten… Was haben Sie da gedacht?
Ein neues Format braucht Zeit, um sich zu etablieren. Das ist ganz normal. Es kam noch der Umstand hinzu, dass einige Flughäfen bestreikt wurden, aber so ist das eben manchmal. Wir haben einen guten Start hingelegt.

Der Termin für das zweite BrandEx-Festival steht bereits: 14. Januar 2020 in Dortmund und Sie haben einen Wunsch frei.
Ich wünsche mir für die Weiterentwicklung des Formates viele engagierte und mutige Gestalter, die Lust haben, gemeinsam etwas für die Branche zu bewegen.  KERSTIN WÜNSCH
 
„Ein neues Format braucht Zeit, um sich zu etablieren. Das ist ganz normal.“
Karin Ruppert, BrandEx
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