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DEUTSCHLAND DIGITAL

Ein Bedürfnis

Der Einsatz von Technologien wird ein immer wichtigerer Faktor für die Teilnehmerzufriedenheit, die Digitalisierung ist ein Muss. Doch wie digital ist der Veranstaltungsstandort Deutschland?

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as German Convention Bureau (GCB) ist in der zweiten Phase des Forschungsprojekts „Future Meeting Space“ der Frage nachgegangen, wie sich Veranstaltungen erfolgreich durchführen lassen. Im Kern ist das Ergebnis, dass Veranstaltungen den Fokus auf Wissensvermittlung sowie überraschende oder disruptive Elemente richten müssen. Empfohlen werden dazu der Einsatz innovativer Formate, neuartiger Technologien sowie Visualisierungshilfen und der Fokus auf den Teilnehmer. Um dessen Bedürfnisse zufrieden zu stellen, müssen Veranstalter, Planer, Veranstaltungshäuser und Dienstleister ganz unterschiedliche Ansätze verfolgen, in der Regel jedoch mit der Unterstützung digitaler Elemente. Doch wie digital ist der Veranstaltungsstandort Deutschland?

Für Jutta Heinrich sind vor allem Veranstaltungen wie die Digital Excellence Konferenz, die im November 2018 in Frankfurt stattfand, „sehr wichtig, um branchenübergreifend das Thema Digitalisierung voranzutreiben. Wir brauchen noch viel mehr Austausch und Aufklärung“. Viele hätten noch Angst vor dem Thema der Digitalisierung, sagt die Geschäftsbereichsleiterin des Frankfurt Convention Bureau. „Da das Thema nicht fassbar ist, ist Transparenz wichtig.“ Sie glaubt, dass sich der Veranstaltungsstandort noch viel mehr mit dem Thema befassen muss: „Das GCB geht da Schritte voraus und nimmt diejenigen, die noch unsicher sind, an die Hand. Die Branche verändert sich.“ Frankfurt selbst hat sich eine besondere Stellung als Telekommunikationsknoten und europäisches Zentrum für Internetverkehr und -dienstleistungen erarbeitet. Laut Tele-Geography belegt Frankfurt Platz zwei auf der Rangliste der wichtigsten Hubs auf dem internationalen Datenhighway. In Europa ist Frankfurt der Standort mit der zweithöchsten Rechenzentrumsdichte und der DE-CIX, der bedeutendste deutsche Internetaustauschknoten und weltweit größte Datenumschlagplatz ist hier beheimatet.


Zudem wächst Frankfurt als Startup-Hub. Zentrale Anlaufstelle für für FinTechs und die Startup-Community ist das TechQuartier (TQ) mit namhaften Partnern wie Deutsche Bank, Commerzbank, KPMG oder PwC. Derzeit zählen 90 Startups, gut die Hälfte aus dem Finanzsektor, zu den Mitgliedern. Viele der dort ansässigen Mitarbeiter sind auf der von Jutta Heinrich erwähnten Digital Excellence Konferenz anzutreffen, einem Format, das sich mit den gesellschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und ethischen Aspekten der digitalen Transformation beschäftigt. Zu den Sessions zählen #StartUpCulture – In der Enge der Silberrücken-Gesellschaft, #NewOffice-Routines – Arbeitswelt wird Lebenswelt, #NewMobility – Ein Blick in die Zukunft der Mobilität oder #You-Robot – KI und Mensch.

Dieses Thema ist deswegen so wichtig, weil Frankfurt zu einem führenden Standort für Künstliche Intelligenz (KI) werden soll, so der Wunsch der hessischen Landesregierung. „Wir haben alle Voraussetzungen, um Frankfurt zu einem internationalen KI-Hotspot zu entwickeln: Der größte Internetknoten der Welt, modernste Rechenzentren, führende IT-Sicherheitsforschung“, sagt Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir. „Wir werden daher einen KI-Hub in Frankfurt aufbauen, der Technologieunternehmen, Hochschulen und öffentliche Institutionen zusammenbringen und als Sprungbrett dienen soll, um neue Produkte und Dienstleistungen in die kommerzielle Anwendung zu bringen“.

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Das Nürnberg Digital Festival will das Thema Digitalisierung in die Gesellschaft tragen.
FOTO: FLICKR, NICOLE AY

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KI war auch das übergeordnete Thema des Digital- Gipfels der Bundesregierung, der am 3. und 4. Dezember 2018 mit rund 1.100 hochrangigen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Nürnberg stattfand. Dabei stellt die Regierung ihre Digitalstrategie vor. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: „Mit der Querschnittstechnologie KI können wir unser Leben massiv verbessern, sei es bei der Früherkennung von Krankheiten, der Unterstützung bei der Pflege oder beim autonomen Fahren.“ Durch KI seien allein im produzierenden Gewerbe rund 32 Mrd. Euro an zusätzlicher Wertschöpfung in den nächsten fünf Jahren möglich. „Für uns war der Digital-Gipfel eine Leuchtturm-Veranstaltung“, beschreibt Geoffrey Glaser, der Pressesprecher von Nürnberg Convention. Sozusagen der krönende Abschluss eines Jahres, das eine Vielzahl an Initiativen und Veranstaltungen rund um Digitalisierung und IT mit sich brachte. „Das kommt nicht von ungefähr“, erklärt Glaser, „Nürnberg hat sich in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Veranstaltungs-Hub des Themas Digitalisierung entwickelt.“ Er erwähnt unter anderem die „it-sa“, mit über 14.000 Besuchern und knapp 700 Ausstellern im letzten Oktober eine der weltweit bedeutendsten Fachmessen für IT-Sicherheit, die „Embedded World“, die nun von 26. bis 28. Februar 2019 wieder rund 32.000 Gäste erwartet und als Leitmesse auf dem Gebiet eingebetteter Systeme gilt, oder die „SPS – Smart Production Solutions“, mit 65.700 Besuchern letzten November eine der größten Fachmessen für elektrische Automatisierungstechnik.

„Dazu kommt das stetig wachsende Nürnberg Digital Festival, das das Thema mit Workshops, Konferenzen und Aktionen in die Gesellschaft trägt“, so Glaser. 2018 lockten 200 Events über die gesamte Metropolregion verteilt 12.000 Besucher zu dem von der NUE digital GmbH veranstalteten Festival. „Das Festival bildet wunderbar die digitale Transformation ab und dient den Menschen in der Region dazu, sich zu vernetzen und auszutauschen“, so Glaser. Dass das Interesse in Nürnberg groß ist, liegt daran, dass die Metropolregion mit rund 100.000 Beschäftigten in der IT-Branche einer der größten IT-Standorte Europas ist. „Daher braucht es solche Veranstaltungen unbedingt“, ist Glaser überzeugt, „denn wir stellen das, was sich im digitalen Weltgeschehen abspielt, hier bei uns ins Schaufenster“.


Wie es gelingen kann, gezielt auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Teilnehmertypen einzugehen – der Future Meeting Space lässt grüßen – zeigte im Januar die BOE International in Dortmund. Die Messe sieht in der Zukunft große Chancen darin, nicht einfach nur Fläche zu verkaufen, sondern Leads. Bei der Ausgabe am 16. und 17. Januar 2019 ist die BOE mit der Teilnehmermanagement-Software „doo“ und den Registrierungs-Spezialisten „Fastlane“ das Thema Personalisierung angegangen, mit Hilfe intelligenter Datenauswertung. Das Prinzip der Personalisierung ist einfach: Der Teilnehmer entscheidet bei der Anmeldung, welche Themenschwerpunkte ihn zur Messe bringen. Daraufhin verknüpft doo diese Daten mit der Ausstellerdatenbank und generiert personalisierte E-Mail Bestätigungen und Erinnerungen. In der Teilnehmer-Kommunikation werden also die jeweiligen Aussteller aus dem Besucherschwerpunkt gezielt positioniert. Der Teilnehmer erhält somit eine auf ihn persönlich zugeschnittene Kommunikation. Im Ergebnis konnte mit dem Aussteller-Matchmaking auf der BOE die No-Show-Rate in der Vergleichsgruppe um mehr als 30% reduziert und mit 10.900 Fachbesuchern ein neuer Rekord aufgestellt werden. „Gerade die Verknüpfung von Ausstellerdaten und Fachbesucher-Angaben über den Anmelde- und Einladungsprozess mit der Plattform doo geben uns neue Möglichkeiten, Mehrwerte für Aussteller und Teilnehmer gleichermaßen anzubieten”, beschreibt Henrik Bollmann, Projektleiter der BOE International die Hintergründe.

„GO DIGITAL OR GO HOME“.

FOTO: GCB, MICHAEL PASTERNACK
FOTO: GCB, MICHAEL PASTERNACK
„How to become a Digital Hero“? Das erlebte ich mit etwa 100 weiteren „Eventhelden“ am 5.Dezember 2018 beim „Digiday“ des German Convention Bureau (GCB) in Frankfurt. War ich 2017 noch im Auftrag der Studentengruppe SocialSix auf dem Digiday unterwegs und auf Facebook, Twitter & Co. beschäftigt, konnte ich die Veranstaltung jetzt als Gast besuchen und lernen, wie man zum Superhelden wird. Eine Heldenanleitung gab es am Beginn in Form eines liebevoll gestalteten Heftchens, das mich durch meine Heldenreise auf der Veranstaltung in den Design Offices Frankfurt begleitete. Hier konnte ich meine Learnings aus den einzelnen Sessions festhalten und meinen eigenen Digital Hero gestalten. Anschließend eröffnete GCB-Geschäftsführer Matthias Schultze mit den Worten „Go digital or go home“ den ersten interaktiven Programmpunkt. Mit vorbereiteten Fragen – „Was wird sich in der Eventbranche bis 2030 ändern?“ oder „Was bedeutet neue Arbeitskultur für dich?“ liefen wir durch den Raum und versuchten möglichst viele Antworten von den anderen Teilnehmern zu sammeln. Im Anschluss wurden diese in Kleingruppen analysiert, mit der großen Gruppe diskutiert. Weiter ging die Heldenreise mit einer Keynote von Beraterin Christiane Brandes-Visbeck, die den Menschen in den Mittelpunkt einer digitalen Welt stellte. Meine Erkenntnis: Ein Superheld muss nicht perfekt sein. Wer Neues wagt, macht Fehler und die sollten erlaubt sein. Nach einer Yoga-Session standen die Workshops Mindset, Toolset und Skillset auf dem Programm. Dabei erfuhren wir unter anderem, welche Werte uns persönlich im New Work am wichtigsten sind, dass technische Kenntnisse nicht unbedingt entscheidend sind und erlernten spielerisch mit Lego, im Team kreativ und erfolgreich zu sein. Leider musste ich meine Heldenreise auf dem Digi- Day18 ein wenig früher beenden und verpasste eine spannende Schneeballschlacht. Meine Superheldenfähigkeiten wurden nämlich noch auf der Weihnachtsfeier der tw tagungswirtschaft gebraucht.
RONJA HEISE 



Wie wichtig die Digitalisierung für die Player der Veranstaltungsbranche ist, zeigt derzeit eine Fülle von Beispielen: Die Hamburg Messe und Congress GmbH (HMC) wird ab 2020 die Hamburg Open – eine Mischung aus Messe und Branchentreff für die deutsche Broadcast- und Medientechnikbranche – in ihren Messehallen veranstalten. „Die Hamburg Messe und Congress ist ein Partner, der nicht nur unsere Vision teilt, sondern auch über die nötigen Ressourcen verfügt, um die Hamburg Open zum führenden Innovations- und Networking-Event für Technik- und Kreativschaffende in der Broadcast- und Medientechnikbranche in Deutschland auszubauen“, so Maximilian Below, Geschäftsführer der Studio Hamburg MCI GmbH, die die Hamburg Open 2009 als Hausmesse ins Leben gerufen und seitdem jährlich in den Ateliers von Studio Hamburg veranstaltet hat. 2020 wird dann auch das neue Congress Center Hamburg (CCH) fertiggestellt sein. Bis dahin wird das CCH digital erlebbar gemacht: In einem exklusiven Showroom, der mit Visualisierungen – von ersten Architekturskizzen, über detaillierte 3D-Renderings bis hin zum kompletten Hologramm – den kompletten Entstehungsprozess des neuen Kongresszentrums nachempfindet.

Das gleiche Prinzip macht sich die Stadthalle Karlsruhe zu Nutze. Da die Modernisierung teurer als geplant wird – 78 statt 60 Millionen Euro – und auch die Eröffnung erst 2021 statt 2020 erfolgen kann, stellt diese Tatsache Karlsruhe Messe und Kongress vor gewaltige Herausforderungen. Immerhin lässt sich die Halle bereits besichtigen und das durchaus beeindruckend. Mit einer Virtual Reality Tour durch die neue Stadthalle.


Als Standort für hybride Events hat sich die Filderhalle in Leinfelden-Echterdingen in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht. Im Frühjahr soll der neu entstehende Anbau der Filderhalle fertiggestellt sein. Während die Glasfassade den Anbau von außen abschließt, hat sich unter dem Estrich etwas versteckt. Um das Erscheinungsbild der Holzkonstruktion nicht zu stören, ist die gesamte technische Ausstattung im Boden und somit unter dem Estrich untergebracht. Vom Lüftungssystem über die Fußbodenheizung und die Elektrik bis zur modernen Medientechnik. All das befindet sich außerhalb, oder besser unterhalb des Blickfeldes der Besucher.

Auch die Leipziger Messe möchte die steigenden Kundenerwartungen an Eventservices zielgerichteter erfüllen. Dafür werden die Kompetenzen für digitale Prozesse in einem eigenen Bereich gebündelt und die technisch-infrastrukturellen Dienstleistungen gestärkt. „Mit den neuen Struktureinheiten entsprechen wir den wachsenden Erwartungen unserer Kunden an digitale und technisch-infrastrukturelle Services“, erläutert Geschäftsführer Markus Geisenberger den Schritt. Er führt weiter aus: „Durch einen eigenen Bereich für die digitalen Aufgabenfelder widmet die Leipziger Messe der digitalen Transformation noch mehr Aufmerksamkeit und stellt die erforderlichen Kompetenzen und Ressourcen zur Verfügung.“ Aus dem bisherigen Bereich für Technik/ Services gehen nun zwei Einheiten hervor. So führt seit dem 15. Januar Matthias Folk den Zentralbereich „Digitale Services/Systeme“. Er wird sich dem Ausbau digitaler Geschäftsmodelle bei der Leipziger Messe und der Steuerung bereichsübergreifender digitaler Prozesse widmen. Die Leitung des Zentralbereiches „Technische Services/Infrastruktur“ hat seit 1. November 2018 Björn Radu inne.



Zudem investiert die Leipziger Messe in den kommenden fünf Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag in die Weiterentwicklung der Unternehmensgruppe. Markus Geisenberger: „Die Investitionen umfassen drei Schwerpunkte: den aktiven Ausbau des Portfolios, die weitere Digitalisierung und Etablierung des Innovationsmanagements und die Modernisierung und Optimierung der Infrastruktur unseres Messegeländes. Das sind wichtige Investitionen in die Zukunft.“

Derartige Investitionen begrüßt das German Convention Bureau (GCB). Geschäftsführer Matthias Schultze misst Veranstaltungen wie der re:publica in Berlin oder dem Online Marketing Rockstars Festival in Hamburg „Leuchtturmcharakter“ und eine wichtige Rolle als Impulsgeber für den Digitalstandort Deutschland bei. Neben weiteren Beispielen wie dem Startup-Festival Bits & Pretzels in München oder dem Tech Open Air in Berlin weist Schultze auf speziell für dieTagungsbranche konzipierte Events wie Meeting Experts Conference (Mexcon) hin. „Diese Beispiele zeigen, wie aktiv und intensiv sich die Tagungsbranche in Deutschland mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzt“, so Schultze. Das GCB verstehe sich hier als Impulsgeber und Vorreiter. Wie im mit dem Fraunhofer IAO und dem EVVC initiierten Innovationsverbund „Future Meeting Space“, der aktuelle Entwicklungen untersucht und Handlungsempfehlungen ableitet. Zum Beispiel, worauf der inhaltliche Fokus von Veranstaltungen liegen sollte....  CHRISTIAN FUNK
 
„Da das Thema nicht fassbar ist, ist Transparenz wichtig.“
Jutta Heinrich, Frankfurt Convention Bureau
Die Leipziger Messe bündelt ihre Kompetenzen für digitale Prozesse künftig in eigenen Bereichen.
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