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DIGITALSTANDORT

Die Gedanken sind frei…

… wer kann sie erraten? Angeblich Künstliche Intelligenz. Ein Blick auf den Digitalstandort Deutschland und eine schöne neue Veranstaltungswelt – mit Gedankensteuerung von Objekten, fliegenden Taxen und fallenden Besuchern.

„E
ine Digitalnation muss auch international sichtbar sein. Messen bieten dafür einen perfekten Rahmen. Auf der IFA 2019 soll deshalb auch die Welt sehen, dass das Bekenntnis der Bundesregierung zur Digitalisierung ganz klar ist“, sagt die CSU-Politikerin Dorothee Bär und kündigt an, mit ihrem gesamten Büro für die Dauer der Messe umzuziehen und Ansprechpartnerin für Besucher, Aussteller und internationale Gäste zu sein. Diese Ankündigung der Staatsministerin bei Bundeskanzlerin Angela Merkel und Beauftragten der Bundesregierung für Digitalisierung mutet an wie ein Zeichen: Seht her, wir engagieren uns für den Digitalstandort Deutschland, soll das wohl signalisieren. Das ist nach dem Aus der Cebit nicht überraschend. Viele Technologie- Experten sehen am Beispiel der Messe in Hannover Parallelen zur Entwicklung der Digitalisierung in Deutschland: Nur Mittelmaß im internationalen Vergleich – Stichwort Mobilfunknetzabdeckung.

Die Bundesregierung ist gefordert und beruft einen Digitalrat. „Ein kleines, schlagkräftiges Gremium“, erklärt Bundeskanzlerin Merkel. Mit Frauen und Männern aus der Praxis, „die uns antreiben, die uns unbequeme Fragen stellen“. Im Digitalrat arbeiten unabhängige Experten aus den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zusammen. Mit ihrer Erfahrung decken sie das gesamte Spektrum der Digitalszene ab. Von Cyber Security über Med-Tech bis hin zu Big Data und Datenschutz.

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Die Künstliche Intelligenz (KI) Sophia beim „AI for Good Global Summit“. Die Bundesregierung widmet ihr Wissenschaftsjahr 2019 dem Thema KI.
FOTO: WIKIMEDIA COMMONS

Zudem steht für die Bundesregierung in diesem Jahr Künstliche Intelligenz (KI) auf der Agenda: Das Wissenschaftsjahr 2019 wird sich mit den Chancen und Herausforderungen dieser Technologie auseinandersetzen. Und die Regierung hat eine KI-Strategie auf den Weg gebracht. So soll die Forschungslandschaft in Deutschland mit Kompetenzzentren ausgebaut und auch mit Europa vernetzt werden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: „Künstliche Intelligenz ist nicht irgendeine Innovation – sie ist eine Basis-Innovation, die unsere Wirtschaft und unser Leben insgesamt verändern und verbessern wird. Deshalb wollen wir, dass Anwendungen von Künstlicher Intelligenz auch nicht irgendwo auf der Welt entwickelt und umgesetzt werden, sondern hier bei uns in Deutschland und Europa.“ Noch so ein Signal der Regierung an Unternehmen und Gründer, geht es doch darum, Forschungsergebnisse in Produkte und Dienstleistungen umzuwandeln. „Künstliche Intelligenz zu entwickeln und zu beherrschen – sei es beim autonomen Fahren, in der Krebsdiagnostik oder bei den Produktionsprozessen der Zukunft – ist eine Schlüsselfrage für Deutschland und Europa“, schließt Altmaier.

Ein aktuelles Bild über den Stand der Technik für Verbraucher können sich 2019 die Besucher der IFA in Berlin machen. Die Messe für Consumer und Home Electronics setzt 2019 Themen rund um Co-Innovation, Künstliche Intelligenz, Spracherkennung und smarte, vernetzte Produkte auf. 2018 kamen insgesamt 245.000 Besucher. 2019 findet die IFA vom 6. bis 11. September auf dem Berliner Messegelände (ExpoCenter City) statt. Möchte man darüber hinaus erfahren, was es an Neuigkeiten im Bereich der Digitalisierung gibt, so muss man sich künftig um Alternativen zur Cebit bemühen. In den vergangenen Jahren haben Veranstaltungen wie die CES in Las Vegas, der Mobile World Congress in Barcelona oder der Web Summit in Lissabon international Aufmerksamkeit erregt.


In Lissabon zeigte zuletzt vor allem der Nachwuchs beeindruckende Technik-Neuheiten: So forscht und arbeitet die erst 16-jährige Ananya Chadha daran, Gegenstände durch Gedanken zu bewegen und hat unter anderem mit Hilfe von Elektroenzephalographie (EEG)- oder Elektromyografie (EMG)-Sensoren ein durch das Gehirn gesteuertes Spielzeugauto oder einen MP3-Player entwickelt. Ben Nasham (18) nutzt Biosensoren, um Daten aus dem Körper zu medizinischen Zwecken zu gewinnen und der 15-jährige Sabarish Gnanamoorthy zeigt Visionen auf, wie Virtual und Augmented Reality künftig positive gesellschaftliche Einflüsse nehmen können. Gnamamoorthy hat das Unternehmen Waypoint AR gegründet, das Augmented-Reality-Applikationen für große Gebäude wie Flughäfen oder Universitäten anbietet. Eine der Lösungen wurde speziell für Events und Konferenzen entwickelt. Mit Hilfe einer App weisen „Waypoints“ Besuchern den Weg zu Sessions oder Vorträgen. Auf dem Web Summit stellte unter anderem auch die von Frank Thelen unterstütze Firma Lilium Aviation


ihre CO2-neutralen selbstfliegenden Taxen vor. Insgesamt 100 Mio. Euro hat der Investor in das Projekt gesteckt. Die Taxen – sollten sie denn in Zukunft zugelassen werden – sollen dann unter anderem in Ballungsgebieten oder zwischen Bahnhöfen und Flughäfen eingesetzt werden.


Auf der CES in Las Vegas stehen die Verbraucher im Mittelpunkt. Dort werden Neuigkeiten präsentiert wie ein zusammenrollbarer Fernseher, selbstfahrende Autos, medizinische Schuhe mit Sturz-Sensoren oder selbstreinigende Katzenklos. Darüber hinaus geht es um Quanten-Computing, Künstliche Intelligenz, Blockchain und vieles mehr. Die Bandbreite ist gewaltig. Das französische Startup Datakalab dürfte für Veranstalter besonders interessant sein. Die Franzosen haben eine auf KI basierende Gesichtserkennungs-Technologie entwickelt, die mit Kameras den Gesichtsausdruck von Veranstaltungsteilnehmern analysiert, um deren Reaktion auf Präsentationsinhalte zu bestimmen. Die Datakalab-Software arbeitet dabei mit neurowissenschaftlichen Datenpunkten. Kombiniert werden kann das Ganze mit sogenannten „Connected Bracelets“, die Herzfrequenzabweichungen und Körpertemperatur des Teilnehmers messen. Wer also den gläsernen Konferenzteilnehmer kennenlernen möchte...

„HERZ UND HIRN ÖFFNEN“

Ralf NeugebauerFOTO: RALF NEUGEBAUER
Ralf Neugebauer
FOTO: RALF NEUGEBAUER
„Unusual Thinker“ Ralf Neugebauer über den Einsatz von Technologien auf Veranstaltungen

tw: „Heilsbringer“ Künstliche Intelligenz, „Erlebnis-Wunder“ Virtual Reality, „Marketing-Geschenk“ Big Data … Wie viel Technik vertragen Veranstaltungen?
Ralf Neugebauer: Wir reden hier über Themen, die die Arbeits- und Lebenswelt von nahezu jedem Menschen mittelfristig massiv verändern werden. Bringt man Teilnehmern das Potenzial dieser Technologien auf eine unterhaltsame Art nahe, und schafft Möglichkeiten, in die „neue Welt“ selbst einzutauchen und eigene Erfahrungen machen zu können, schafft man es dadurch, „Herz und Hirn“ der Besucher zu öffnen. Wenn wir dies erreichen, haben wir die Menschen bereits auf eine Brücke hin zu einer neuen Weltsicht, neuen Ideen und einem etwas besseren Gefühl für das, was möglich ist und kommen wird, geführt. Veranstaltungen können also eine Menge Technologie vertragen.

Wie lässt sich Technologie in Veranstaltungen einbinden?
Was ich nicht mag, ist, ein paar Gadgets mit möglichst großem Showeffekt als „Spaßfaktoren“ willkürlich einzusetzen, so wie es bisher auch mit Kickertischen oder Foto-Kabinen gemacht wird. Das Geheimnis liegt aus meiner Sicht bei drei Faktoren: Erstens sollten die Technologie- Showcases in ein ganzheitliches, thematisch abgestimmtes Gesamtkonzept eingebunden sein, bei dem alle Elemente – vom Catering über die Einrichtung bis zu den Vorträgen, der Musik und eben den technischen Gadgets – das Thema gemeinsam und ergänzend transportieren. Zweitens sollte auch der dramaturgische Rahmen darauf abgestimmt sein, dass wir zum Beispiel eine inspirierende oder verblüffende Keynote zum „Einschwingen“ auf ein bestimmtes Thema voranstellen, dann einen Mix aus Technologie-Stationen, Expertentalks und diversen aktiven Formaten anbieten, die alle auf das selbe Thema einzahlen und dafür sorgen, dass man zum Schluss offen und mit einem neuen Verständnis nach Hause geht. Und drittens finde ich es besser, wenn man das dadurch entstandene Momentum auch nachhaltig nutzt, so dass Events nicht mehr nur „Eintagsfliegen“ sind, sondern sich zeitlich und örtlich ausdehnen lassen – durch weiterführende Projekte, Seminare, Webinare... dafür eignen sich wiederum sehr gut die neuen Technologien.

Welche Technologie-Trends müssen Veranstaltungsplaner unbedingt auf dem Schirm haben?
Vor allem sollten Veranstaltungsplaner ein Gespür dafür bekommen, was ihren Kunden wichtig ist, was sie umtreibt, mit welchen Themen sie sich akut auseinandersetzen müssen, bspw. die Zukunft der Arbeit. Dann kann man sehr gut und einfach sehen, welche Technologien dabei eine wesentliche Rolle spielen und deren Einsatz gezielt planen. Alles andere wäre eher, das Pferd von hinten aufzuzäumen.
CHRISTIAN FUNK

www.unusual-thinkers.com

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Die 16-jährige Ananya Chadha forscht und arbeitet daran, Gegenstände durch Gedanken zu bewegen und hat bereits ein durch das Gehirn gesteuertes Spielzeugauto oder einen MP3-Player entwickelt.
FOTO: SCREENSHOT (YOUTUBE)

RE:PUBLICA 2019

tl;dr — Internet-Slang für too long; didn’t read – ist das Motto der re:publica 2019, vom 6. bis 8. Mai in der Station Berlin. „Einmal mehr und IRL (in real life) bringen wir eine diverse Gruppe von Menschen zusammen: die digitale Gesellschaft“, kündigen die Veranstalter an. „Wir werden reden, wir werden debattieren, wir dürfen streiten und mehr denn je werden wir in die Tiefe gehen. Denn die Dinge sind kompliziert. Die Dinge sind komplex. Die Dinge wollen durchdacht, diskutiert und von verschiedenen Seiten betrachtet werden.“ Daher widme sich die #rp19 der Langform, tl;dr. https://19.re-publica.com/de

Jemand, der sich intensiv damit beschäftigt, Themen wie KI oder Virtual Reality (VR) den Teilnehmern diverser Veranstaltungen, vom Mitarbeiterevent bis zur Branchenkonferenz, nahezubringen, ist Ralf Neugebauer von „Unusual Thinkers“ (siehe Interview). So berichtet er den Teilnehmern des Meet Germany Forums in Frankfurt von einer Versicherungsgesellschaft, die ein Sprachanalyse-Programm bei der Personalauswahl einsetzt. Die Software Precire des gleichnamigen Start-ups aus Aachen erstellt basierend auf Sprachmustern binnen weniger Minuten Persönlichkeitsanalysen potenzieller Führungskräfte. Unternehmen, die Precire nutzen, sind beispielsweise Fraport, Randstad oder die AOK. Weitere Beispiele, die Neugebauer nennt, sind der Einsatz von Gesichtserkennungs-Software zur Verkaufsförderung oder von EEG-Sensoren im medizinischen Bereich. Er lässt die Veranstaltungsteilnehmer neue Technologien auch gerne ausprobieren. Beim Meet Germany Forum Frankfurt fängt er die Interessenten an einer Virtual-Reality-Lösung gleich reihenweise auf, nachdem sie beim Testen einer virtuellen Schaukel zwischen Hochhäusern das Gleichgewicht verlieren.

Neugebauer sieht in KI und VR mehr als nur einen Hype: „Gerade wenn wir von Künstlicher Intelligenz und Virtueller Realität reden, ist jetzt schon ganz klar, dass diese beiden Trends mit Sicherheit nicht wieder verschwinden werden, sondern ihren Weg in unser Leben finden.“ Ein Bekenntnis der Veranstaltungsindustrie zu Technologie könne aus seiner Sicht nur gut sein. Denn derartige Technologien könnten dabei helfen, „Herz und Hirn“ von Veranstaltungsteilnehmern zu öffnen. „Wenn wir dies erreichen, haben wir die Menschen bereits auf eine Brücke hin zu einer neuen Weltsicht, neuen Ideen und einem etwas besseren Gefühl für das, was möglich ist und kommen wird, geführt. Veranstaltungen können also eine Menge Technologie vertragen.“ Und wenn man das Engagement der Bundesregierung richtig deutet, verträgt der Digitalstandort Deutschland eine Menge Unterstützung.  CHRISTIAN FUNK
 

www.wissenschaftsjahr.dewww.websummit.comwww.ces.techwww.datakalab.comwww.bmwi.de
„Veranstaltungen können eine Menge Technologie vertragen.“
Ralf Neugebauer, Unusual Thinkers
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