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CYBER SECURITY

„We secure the future“

Spätestens seit „Wannacry“ ist Cyber Security kein reines Nerd-Thema mehr. Das beweist die vom niederländischen Security-Cluster organisierte Cyber Security Week in Den Haag, die die interdisziplinäre Zusammenarbeit von mehr als 3.500 Vertretern fördert.

I
m Tagungsraum des World Trade Center The Hague herrscht gedämpfte Stimmung. Eine Handvoll Personen wirft sich feindselige Blicke zu, die anderen 60 sind in ihren Laptop vertieft. Man sieht dunkle Augenringe, zerzaustes Haar, der Frauenanteil geht gegen null. Es ist dunkel und stickig, vereinzelt ist ein leises Murmeln zu vernehmen, monotones Tastaturgeklapper erzeugt das Hintergrundrauschen, ansonsten herrscht Schweigen. Perfekt. Genau die richtige Atmosphäre für das Finale der Global Cyberlympics, einem internationalen Cyber-Security-Wettbewerb, bei dem sich Hacker- Nationalmannschaften in Computer-Netzwerk- Verteidigung oder Computer-Forensik messen. Dieser Wettbewerb versucht mithilfe „ethischen“ Hackings ein Verständnis dafür zu vermitteln, dass Unternehmen und Institutionen mehr als eine Firewall brauchen, um kritische Informationen, sensible Daten und Vermögenswerte zu schützen und zu sichern. Auch wenn es sich um sogenanntes Ethical Hacking handelt, hacken die Computerspezialisten (die hier überwiegend mit einem Synonym in Erscheinung treten) nicht nur miteinander – legal – Unternehmenswebsites, sie hacken sich auch gegenseitig und nicht wenige haben auch Erfahrung im illegalen Hacken.

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Cyber Security Week: Bei der Global Cyberlympics messen sich Hacker-Nationalmannschaften in Computer-Netzwerk- Verteidigung.
FOTO: CYBER SECURITY WEEK

„Das ist die ,dunkle‘ Seite“, sagt Richard Franken. „Auf der einen Seite bietet die Digitalisierung unglaublich viele Chancen. Fast Jeder hat ein Smartphone, alle sind miteinander vernetzt und durch das Internet of Everything ist Jeder auch mit allen möglichen Dingen verbunden. Daher existieren unzählige Möglichkeiten in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht“, so der Executive Director des The Hague Security Delta (HSD), dem nach eigener Aussage größten Cyber-Security-Cluster in Europa. „Doch genau darin lauern auch die Risiken.“ Der Begriff Cyber Security umfasse auf der einen Seite den Schutz von Daten und Informationssystemen im Allgemeinen – also Computer, Netzwerke, Server und Cloud-Infrastrukturen – auf der anderen Seite aber eben auch Mobilgeräte, Wearables und vernetzte Maschinen. „Ziel unseres Clusters ist es, die Lücke zwischen den Möglichkeiten und den Gefahren weitestgehend zu schließen“, erklärt Franken. „Sicherheit ist eines der wichtigsten Themen unserer Gesellschaft. Gerade jetzt in der sich schnell wandelnden Zeit müssen wir andere Wege als den traditionellen gehen, um Ergebnisse zu erzielen. Effektive Innovationen erfordern eine enge Kooperation zwischen Disziplinen.“


Wie das in der Praxis funktioniert, veranschaulicht die zweite Cyber Security Week (CSW), die das Cluster zwischen 25. und 29. September 2017 in Den Haag ausrichtet und zu der auch die Global Cyberlympics als einer der insgesamt über 80 verschiedenen Events zählen. Das Spektrum der Veranstaltungen, die über die gesamte Stadt verteilt sind, reicht von Trainings wie dem „Cyber War Game“ oder dem „Cyber Crisis Workshop“ über Veranstaltungen rund um „Blockchain und Banking“ oder dem anschaulichen „United Kingdom – Netherlands Cyber Security Workshop“ bis hin zur 5. Europol-Interpol Cybercrime Conference, einer gemeinsamen Konferenz der Polizeibehörde der Europäischen Union Europol und der internationalen kriminalpolizeilichen Organisation Interpol. „Wir haben bei der Planung sehr viel Wert auf ein breites Angebot gelegt, um interdisziplinäre Zusammenarbeit, Begegnung und Austausch zu fördern“, erläutert Franken. Als Locations dienen unter anderem das Rathaus, das Hotel NH Den Haag, das sich im Gebäudekomplex des World Trade Centers befindet, das ehemalige Industriegelände Fokker Terminal, die Firmenzentrale des niederländischen Telekommunikationskonzerns KPN, das The Hague Centre for Strategic Studies oder der HSD Campus, wo ansonsten Unternehmen, Regierungs- und Forschungseinrichtungen gemeinsam an Lösungen zur Cyber Security arbeiten.

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Über 3.500 Teilnehmer der Cyber Security Week verteilen sich auf über 80 Events in der ganzen Stadt.
FOTO: CYBER SECURITY WEEK

Wie wichtig Cyber Security inzwischen geworden ist, ist spätestens seit den Präsidentschaftswahlen in den USA im November 2016 oder dem Wannacry-Cyberangriff, bei dem am 12. Mai 2017 weltweit über 230.000 Computer infiziert und Lösegeldzahlungen verlangt wurden – betroffen waren unter anderem Unternehmen wie die spanische Telefónica, die Deutsche Bahn, Fedex, Renault oder Nissan – bekannt. Dieser Angriff war eines der zentralen Themen der Europol-Interpol Cybercrime Conference in der Europpol-Zentrale. „Die verheerenden Auswirkungen von globalen Cyberangriffen wie der WannaCry-Schadsoftware haben die Bedrohung durch Cyberkriminalität auf ein neues Level gehoben. Banken und viele weitere große Unternehmen werden bedroht wie nie zuvor.“, sagt Europols Executive Director Rob Wainwright. „Privatpersonen und Firmen müssen wesentlich mehr unternehmen, um sich effektiv zu schützen.“

Auf der Konferenz stellt Europol seinen 2017 Internet Organised Crime Threat Assessment (IOCTA) vor. Dieser Report identifiziert die wichtigsten Cybercrime-Bedrohungen basierend auf Beiträgen von EU-Mitgliedstaaten, Europol-Mitarbeitern und Partnern aus der Privatwirtschaft, dem Finanzsektor und der Wissenschaft und gibt wichtige Empfehlungen zur Bewältigung der Herausforderungen. „Egal ob Cyberattacken einen finanziellen oder politischen Hintergrund haben – wir müssen unsere Widerstandsfähigkeit verbessern und sicherstellen, dass sich Cyberkriminalität nicht auszahlt. Letzte Woche hat die Europäische Union ein Paket mit konkreten Cyber-Security-Maßnahmen verabschiedet“, sagt der EU-Kommissar für die Sicherheitsunion, Julian King. Und sein Kollege Dimitris Avramopoulos, EU-Kommissar für Migration, Inneres und Bürgerschaft fügt hinzu: „Grenzübergreifende Cyberattacken bedrohen heute nicht mehr nur unsere Bürger und Organisationen, sondern die Demokratie selbst. Cyberkriminalität wird zunehmend in der Geopolitik und bei Konflikten eingesetzt. Mit einer neuen EU-Cyber-Strategie und wachsenden Kompetenzen verschiedener europäischer Institutionen wie ENISA und Europol werden wir besser gewappnet sein, die Cyber Security in Europa und darüber hinaus zu verstärken.“



Neben EU-Kommissaren, Nato-, Europol und Interpol-Mitarbeitern, Vertretern europäischer Sicherheitscluster aus Großbritannien, Belgien, Deutschland und Frankreich und ethischen Hackern sind es vor allem auf Cyber Security spezialisierte Mitarbeiter unterschiedlichster Unternehmen, Wissenschaftler aber auch private Besucher, die an den verschiedenen Formaten der Cyber Security Week (CSW) teilnehmen. Über 3.500 Besucher registriert das The Hague Security Delta (HSD).

Richard Franken freut sich besonders über die verschiedenen beruflichen Hintergründe der Teilnehmer: „Das ist exakt unser Ansatz. Wie ich eben sagte. Ich bin überzeugt davon, dass wir nur durch interdisziplinäre Verknüpfungen und Kooperationen effektiv gegen die sich ständig wandelnden Bedrohungen vorgehen und innovative Ergebnisse erzielen können.“ Dass das Teilnehmerfeld so divers aufgestellt ist, liege auch an den Partnern. Das Cluster organisiert die CSW gemeinsam mit der Stadt Den Haag, dem Convention Bureau „The Conference – The Hague“, dem Beratungsunternehmen Deloitte und dem Verbund „Innovation Quarter West Holland“, der Startups und Entrepreneurship im Technologiebereich unterstützt. „Wir müssen bei der Konzeption so breit aufgestellt sein, denn es wird immer komplizierter, Lösungen für ,Threats‘ durch Cyberkriminalität zu entwickeln“, so Franken.

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Früh übt sich. Auf dem Event werden auch Schulklassen mit der Materie konfrontiert.
FOTO: CYBER SECURITY WEEK

„Cyber Security ist eine der größten Herausforderungen unserer heutigen Gesellschaft, bietet andererseits aber auch enorme Geschäftsmöglichkeiten“, wirbt Den Haags stellvertretende Bürgermeisterin Saskia Bruines im Vorfeld für die Veranstaltung. „Disziplinübergreifende Zusammenarbeit und Wissensaustausch sind der Schlüssel dafür, dass sich Den Haag als globaler Hub für Cyber Security etabliert hat.“ Doch auch wenn Den Haag nicht zuletzt dank des Clusters als Sicherheits-Hub – 400 Sicherheitsunternehmen in der Region beschäftigen über 15.000 Mitarbeiter – gut aufgestellt sei, sieht Franken vor allem beim Nachwuchs weiter Nachholbedarf: „Cyber-Security-Spezialisten werden benötigt wie nie zuvor, leider fällt die Zahl verfügbarer Spezialisten stetig zurück“, erklärt er. „Wir befürchten, dass sich der Expertenmangel in den kommenden Jahren sogar noch verstärken wird.“ Dieser Problematik begegnet die Cyber Security Week neben einem „Access to Talent“-Tag auch mit einer Heranführung von Kindern. Am Eröffnungstag versuchten sich mehrere Schulklassen gemeinsam am Computer als Nachwuchs-Hacker. „Dafür steht das Motto der Cyber Security Week“, sagt Franken: „Together we secure the future.“


Eine Hauptrolle bei der Organisation spielt „The Conference – The Hague“. Bastiaan Schoot, Manager Association Sales & Development des Convention Bureaus ist vom Wachstum der Veranstaltung begeistert. Bei der Premiere 2015 waren es noch 1.500 Teilnehmer, diese Zahl konnte mehr als verdoppelt werden. „Wir haben uns bewusst für Satelliten- Veranstaltungen geöffnet“, sagt er. „Dass wir letztlich über 80 Events in der ganzen Stadt haben, hätten wir nicht erwartet. Die vergangenen Wochen waren dementsprechend ziemlich turbulent.“ Nahezu 100 Stakeholder waren an der CSW beteiligt. „Ich glaube aber, dass es notwendig ist, selbst – oder vielleicht gerade – bei so einem Event wie der Cyber Security Week kein festes Konzept vorzugeben. Wir, und in erster Linie natürlich das HSD, haben bewusst keinen Einfluss auf viele der Veranstaltungen genommen. Gerade deswegen sind es so viele unterschiedliche Events geworden, die der CSW, ohne die fachliche Tiefe zu vernachlässigen, einen gewissen Festivalcharakter verleihen.“ Verschiedene Locations über die Stadt verteilt statt einem festen Konferenzstandort, Lunchpakete mit Burgern, Bananen und Schokoriegeln statt einer Mittagspause und ein ungezwungener Umgang drücken der Cyber Security Week ihren Stempel auf. Locker geht es schließlich auf der Preisverleihung der Cyberlympics im Rathaus zu. Gewonnen hat das Team „Hack.ERS“ aus den Niederlanden, das seinen „Heimvorteil“ genutzt hat. Und siehe da: Als die Medallien verliehen werden, zeigt zumindest die Hälfte des Teams ein Lächeln.  CHRISTIAN FUNK
 

www.cybersecurityweek.nl
„Cyberattacken bedrohen heute nicht mehr nur Bürger und Organisationen, sondern die Demokratie selbst.“
Dimitris Avramopoulos,
EU-Kommissar
„Cyber Security ist eine der größten Herausforderungen unserer heutigen Gesellschaft.“
Sakia Bruines,
stv. Bürgermeisterin, Den Haag
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