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Q BERLIN QUESTIONS

Fragestunden

Arbeit, Governance, kulturelle Identität, soziale Gerechtigkeit und Urbanisierung – die erste Konferenz Q Berlin Questions stellt die großen Fragen unserer Zeit. Das Ensemble im Schiller Theater sind Wissenschaftler, Künstler und Politakteure aus aller Welt und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Und im Schlussakt die Berliner.

D
ie Bühne im Schiller Theater Berlin gleicht einem Garten. Rasen, rechts und links ein paar Büsche. Hinten stehen Stuhlreihen, vorne auf dem Gras ein paar Liegestühle. Über den roten Samtsesseln im Saal baumelt ein Videowürfel, auf dem Präsentationen laufen. Und Filme: Da fliegen in einer Stadt der Zukunft Pandabären durch die Luft, eine schwangere Frau schreit, ein Mann spielt im Zimmer Golf, drei Schüsse fallen, ein Fensterputzer seilt sich ab… Theatergänger kennen das Gefühl, das Gefühl der gespannten Ratlosigkeit. Schnell dämmert den Zuschauern der Premiere der Q Berlin Questions:


Das hier ist keine leichte Kost! Wie auch? Die globalen Fragen unserer Zeit, welche die Stadt Berlin und VisitBerlin am 19. und 20. Oktober 2017 aufführen, erfordern den persönlichen Perspektivwechsel. Die Verstörung zur Zerstörung vorgefasster Gedanken ist da ein probates dramaturgisches Mittel. Im Talk erklärt die chinesische Multimedia- Artistin Cao Fei ihre Botschaft hinter ihrem Video-Werk: „The film is about the view outside the window in Beijing: From a small world to the haze, the pollution – after the economic crash.” Die Konferenzsprache ist Englisch. Geschätzt gut die Hälfte der 400 geladenen Gäste sitzt an diesem Morgen im Saal und tastet sich vor in der zweiten von fünf Sessions „Imagine yourself as the other self. How do we embrace tolerance and difference?“ Die Vorträge gleichen Vorstellungen mit dem Unterschied, dass hier und da eine Frage aus dem Publikum erlaubt ist.

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Session 5: „What will be the next social contract?” Alaa Murabits Antwort ist unmissverständlich: “The answer is girls and women!”
FOTO: VISITBERLIN, SEBASTIAN GABSCH

FÜNF SESSIONS

1. Urban Angst and Stamina. What are the promising concepts to handle the rise and fall of the city?
2. Imagine yourself as the other self. How do we embrace tolerance and difference?
3. What do we do when there is nothing left to do?
4. How should we govern at the pace of economic, social and technological change?
5. What will be the next social contract? Alle Inhalte der Konferenz sind verfügbar unter 
www.q.berlin

„Mit Q Berlin Questions hat Berlin eine eigene internationale Konferenz entwickelt, auf der die großen Fragen unserer Zeit diskutiert werden“, erläutert Gastgeber Burkhard Kieker. Der Geschäftsführer von VisitBerlin hat hierzu selbst einen Rollenwechsel vollzogen und tritt als Veranstalter auf. Er ergänzt: „Q Berlin Questions hat Berlin als das genutzt, was es ist. Als ideale Plattform für einen toleranten Diskurs der relevanten Themen.“ Die Stadt Berlin hatte VisitBerlin mit der Umsetzung der Q Berlin Questions betraut und VisitBerlin wiederum ein Kuratoren-Team mit Theaterintendant, Autor und Kulturberater und Michael Schindhelm für die Inhalte beauftragt und die Curages Conference Management GmbH für die Organisation. Gemeinsam bringen sie ein sehr ambitioniertes Vortragsprogramm auf die Bühne mit 25 internationalen, strategischen Denkern aus Wissenschaft und Politik, Kunst und Kultur. Weitgehend unbesetzt bleibt die Rolle der Wirtschaft.

Wie unendlich groß die Bandbreite ist, zeigt der geheim gehaltene Überraschungsgast: ein israelischer Ex-Geheimdienstchef. Fotos und Filme sind ab jetzt verboten. Es geht um Israel, um den 4. November 1995, das Attentat auf Israels Ministerpräsident Yitzhak Rabin. „How to tell about the failure of Shabak, the Israeli security force?“ fragt sich der 22 Jahre später noch immer tief bewegte Mann. Präsident Shimon Peres lehrt ihn die Lektion seines Lebens. „It wasn’t only failure of hardware, but of intelligence.“ Der Mann ohne Namen fragt sich: „How could it happen, that a Jewish person shot a Jewish person?“ Und antwortet: „We need to understand the dangers. Security and democracy are linked. Does collecting intelligence justify surveillance?“ Sicherheit habe Priorität.



Zur Mittagspause finden die Teilnehmer ihre Sprache wieder und endlich die Gelegenheit das Gehörte gemeinsam zu verdauen. „Ich habe mich immer wieder gefragt, worauf die Konferenz hinaus will. Irgendwann habe ich damit aufgehört...“, gesteht ein geladener Gast. „Vielleicht geht es genau darum“, meint seine Nachbarin, „sich einfach einzulassen – frei von Zielsetzungen.“ Eine Gelegenheit, die nach der Pause nicht mehr alle nutzen.

Dabei geht auch die Frage des dritten Aktes alle an: „What do we do when there is nothing left to do?“ Ayesha Khanna, CEO und Mitgründerin von Addo AI (Artificial Intelligence), ist aus Singapur eingeflogen, um zu widerlegen, dass künstliche Intelligenz ohne Menschen auskomme – zumindest nicht in den nächsten Jahrzehnten. „You need people who make things to talk together“, sagt sie und rät Studenten: „Don’t learn only about coding, but Shakespeare.“ Luciano Floridi, Professor für Philosophie und Informationsethik in Oxford bekräftigt zum Umgang mit künstlicher Intelligenz: „Be as human as possible.“


FOTOS: Q BERLIN QUESTIQNS, SEBASTIAN GABSCH - FOTOGRAFIE

Jegliche Ermüdungserscheinungen vom stundenlangen Zuhören sind verflogen, als Nobelpreisträger Prof. Muhammad Yunus die Bühne betritt. Der Social Entrepreneur und Civil Society Leader spricht über ein System nach dem Kapitalismus basierend auf Altruismus, denn die Ökonomie habe keine Antwort auf Armut. Als der Professor erkennt, dass seine Vorlesungen zu Wirtschaft in Bangladesch nicht helfen, verlässt er die Universität und geht auf die Dörfer. Er beginnt, Geld an Arme zu verleihen. Meist an Frauen, die mit 25 US-Dollar ihr Business aufbauen und ihre Community. 1983 gründet Yunus die Grameen Bank („Dörfliche Bank“). Er vergibt Mikrokredite an Menschen ohne Sicherheiten – abgesichert über den Druck der Gemeinschaft. Heute ist Grameen Bank in über 80.000 Dörfern vertreten mit neun Million Mikro-Kreditnehmern in mittlerweile 58 Ländern. 97% sind Frauen und über 97% der Kredite werden zurückgezahlt.

Entsprechend fällt Dr. Alaa Murabits Antwort in der letzten Fragerunde „What will be the next social contract?“ aus: „The answer is girls and women!“ Die 27-jährige Ärztin sagt: „We have to rethink our social contract. We have to integrate women.“ Sie ist eine der 17 Global Sustainable Development Goal Advocates und UN High-Level Commissioner on Health Employment & Economic Growth – und äußerst überzeugend. Studien zeigten, dass Frauen 90% des in sie investierten Geldes der Gemeinschaft zu Gute kommen ließen – Männer hingegen nur 30 bis 40%. Burkhard Kieker ist begeistert. Für ihn ist Alaa Murabit „a natural born leader“.

„WIR WERDEN MEHR AUSTAUSCH ANBIETEN“

Burkhard Kieker (links) und Stephan Balzer setzen im Auftrag der Stadt Berlin die Fragen unserer Zeit in Szene.FOTO: VISITBERLIN, SEBASTIAN GABSCH
Burkhard Kieker (links) und Stephan Balzer setzen im Auftrag der Stadt Berlin die Fragen unserer Zeit in Szene.
FOTO: VISITBERLIN, SEBASTIAN GABSCH
Stephan Balzer (rechts im Bild) ist CEO der Curages Conference Management GmbH und Organisator der Q Berlin Questions.

tw: Die erste Q Berlin Questions hat die großen Fragen der Gesellschaft aufgegriffen. Welche Frage oder welcher Vortrag wird Sie persönlich nachhaltig beschäftigen?
Stephan Balzer:
Ich fand den Vortrag von Alaa Murabit extrem stark, da sie deutlich machte, dass bevor man über den nächsten Generationenvertrag redet, es erst einmal um die Gleichstellung von Frau und Mann in unseren Gesellschaften geht. Damit setzt sie einen starken Punkt, der sich später in den Diskussionen wieder zeigte, u.a. in der Vorstellung der Daten, die die Bank UBS präsentierte: Dort hat man errechnet, dass Frauen über den gesamten Lebenszeitraum signifikant benachteiligt sind und wesentlich schlechter dastehen als Männer.

Sie haben mit viel Herzblut ein unglaubliches Programm auf die Beine gestellt – nicht nur auf der Bühne, sondern auch bei den Dinners und „Immersions“. Leider sind viele von den 400 eingeladenen Teilnehmern nicht gekommen. Hat Ihnen da das „Herz geblutet“?
Ja, das ist immer so, wenn man das Gefühl hat, dass es ein so tolles Programm ist, das noch mehr Menschen hätten sehen müssen. Aber ich bin lang genug im Business um zu wissen, dass man für den Aufbau so eines neuen Formates Zeit braucht, und man beim nächsten Mal das Gelernte umsetzt und anpasst, um besser zu werden.

Nicht wenigen Teilnehmern hat der „Kopf geraucht“. Sie hätten sich gerne zu den Vorträgen ausgetauscht und das eine oder andere Thema vertieft. Wird die nächste Q Berlin interaktiver?

Wir haben viel gelernt, natürlich auch über die Dichte des Programms. Es war uns bewusst, dass es viel sein wird. Das nächste Jahr wird definitiv anders: Den Anspruch werden wir nicht reduzieren, aber wir werden mehr Austausch vor Ort anbieten – jenseits von den Dinners. 
KERSTIN WÜNSCH


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Die Konferenz Q Berlin Questions stellt im Schiller Theater die großen Fragen, nur fehlen Pausen zum persönlichen Austausch.
FOTO: VISITBERLIN, SEBASTIAN GABSCH

Die vielen Fragen des Tages bestimmen die Gespräche bei den „Berlin Dinners“, zu denen 22 Berliner Persönlichkeiten einladen. Die Liste der Gastgeber ist beeindruckend und zeigt ihr Commitment: The Aspen Institute, die Berliner Stadtreinigungsbetriebe / Agorollberg, Deutschland – Land der Ideen, Factory, FluxFM & Kompetenzzentrum Kulturund Kreativwirtschaft des Bundes, Goethe-Institut, Music Board Berlin und der World Health Summit.

Ebenso durchdacht und gut gemacht sind die Berliner „Immersions“ am zweiten Konferenztag. Auf elf Exkursionen entdecken die Teilnehmer die Kieze der Stadt und knüpfen an die fünf Themen an; sei es in Berlins neuer Mitte um das Humboldtforum oder im Rollberg Kiez im Stadtteil Neukölln. Jeder zweite Bewohner hier ist zugewandert, Kinderarmut Alltag. Ein Grund hierfür ist die Schließung der Brauerei Kindl. Auf deren Gelände hat sich 2016 Europas erstes Zentrum für zirkuläre Wirtschaft angesiedelt. Im Circular Economy House (CRCLR) geht es um die Kreislaufwirtschaft: Rohstoffe sollen über den Lebenszyklus einer Ware hinaus in den Produktionsprozess zurückgelangen. Das CRCLR bietet auf 1.000 qm Co-Working- und Event-Spaces an, für Meetings, Dinners wie zur Q Berlin, Panels, Performances, Pop-ups und Workshops. „Wir haben eine große Nachfrage von Unternehmen, die bei uns ihre Veranstaltungen durchführen möchten“, erzählt Leona Lynen und ergänzt, „doch sie müssen unsere Werte teilen“.

Zurück im Schiller Theater füllt sich endlich der Saal. Zum Schlussakt öffnet sich die Q Berlin Questions und lädt zum Q Marathon alle ein, sich an der Konferenz zu beteiligen – sei es als Vortragender oder Zuschauer. Das Ticket kostet 15 Euro. „Wir haben 600 Tickets verkauft“, verkündet Gastgeber Kieker erfreut und begrüßt dieses Mal vor vollen Rängen. „Das ist eine Premiere: Die Q Berlin Questions diskutiert die großen Fragen. Zwei Tage lang hatten wir sehr unterschiedliche Redner, Strategen und Denker, aber die Q Berlin ist keine geschlossene Gesellschaft. Wir haben 25 Berliner als Redner eingeladen.“ Im Acht-Minuten-Takt treten sie vor und tragen ihre Gedanken zu den fünf großen Fragen vor: Ihre Vorstellung endet spät. 
KERSTIN WÜNSCH
 

www.q.berlinhttps://crclr.orgwww.visitberlin.dewww.curages.com

Berlin Dinners

22 Berliner Gastgeber bitten zur Q Berlin Questions zu Tisch: Arte, The Aspen Institute, die Berliner Stadtreinigungsbetriebe /Agora Rollberg, Conflict Food, Deutschland – Land der Ideen, European School of Management and Technology, Factory, FluxFM & Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes, The German Marshall Fund of the United States, Goethe-Institut, Global Perspectives Initiative, Dr. Martin Heller, Impact Hub Berlin, Kulturprojekte Berlin, Lead Academy, Music Board Berlin, Nicolai Publishing & Intelligence, Redi School of Digital Integration, André Schmitz, Schwuz, Vorderasiatisches Museum Berlin und World Health Summit.
„Don’t learn only about coding, but Shakespeare.“
Ayesha Khanna,
CEO & Co-Founder Addo AI
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