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EVVC-MANAGEMENT-FACHTAGUNG

Eine Gratwanderung

Zu seiner 18. Management-Fachtagung mit dem Motto „Tradition mit Zukunft“ sucht der Europäische Verband der Veranstaltungs-Centren in Bregenz und Lindau die Balance zwischen Bewahren und Ballast abwerfen.

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er das Festspielhaus Bregenz über die Seebühne betritt, das Bühnenbild Carmen der Bregenzer Festspiele 2017 bestaunt, Selfies von sich und Kollegen macht, dessen Wiedersehensfreude zur 18. Management-Fachtagung des Europäischen Verbandes der Veranstaltungs-Centren (EVVC) wächst. So sehr, dass EVVC-Vize-Präsidentin Ilona Jarabek mehrere Anläufe braucht, bis sie im Foyer zum letzten der 280 Teilnehmer durchdringt. Zu deren Erstaunen hält Jarabek ihre Begrüßungsrede vor dem Konferenzsaal und bringt die Ankömmlinge mit interaktiven Spielen in Bewegung. Schnell wird klar: Das hier ist anders! Das Motto gibt der Vize- Präsidentin freies Geleit: „Tradition mit Zukunft – neues Denken, neues Handeln, neue Wege gehen.“ Sie geht so weit zu sagen: „Veranstaltungen können mit Tradition und Moderne einen wichtigen Beitrag zur Verständigung in Europa leisten.“

Wie in Brüssel gelingt das am Bodensee nur mit den richtigen Mitstreitern. Vom 17. bis 19. September 2017 sind das Bregrenz und Lindau im Vier-Ländereck Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein. Gerhard Stübe, Geschäftsführer von Kongresskultur bekräftigt: „Wir sind am Rande von überall und wollen den richtigen Rahmen schaffen – locker, leger, lässig und voll konzentriert.“ 1946 nach dem zweiten Weltkrieg gegründet, um das zerrüttete Europa über Kultur zu vereinen, symbolisieren die Bregenzer Festspiele selbst Tradition und Zukunft.

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Open Space: In zwölf Stationen geht es in zwei Runden um die Themen der Teilnehmer, sei es der Datenschutz oder die energetische Sanierung.
FOTO: EVVC

OPEN SPACE

Es gilt das Gesetz der zwei Füße: Jeder bleibt so lange wie er es für sinnvoll erachtet. Vier Prinzipien finden Anwendung:
1. Die, die kommen, sind die richtigen.
2.Was auch immer geschieht, es ist das einzige, das geschehen konnte.
3. Es beginnt, wenn die Zeit reif ist.
4. Vorbei ist vorbei, nicht vorbei ist nicht vorbei.

Neu ist weniger das Thema Tradition mit Zukunft, als die Konsequenz und die Kreativität, die EVVC-Vize-Präsidentin Ilona Jarabek, ihre Geschäftsstellen- Leiterin Linda Residovic und ihr Team an den Tag legen: Sie wollen Verhaltensmuster aufbrechen, um neue Verbindungen zu schaffen.

Steighilfe leistet Rainer Petek mit seiner Keynote „Das Nordwandprinzip: Wie Sie das Ungewisse managen.“ Der Extrembergsteiger und Berater versichert: „Sie können alles vorbereiten, doch die Natur verhält sich anders.“ Deshalb sei es überlebenswichtig, sich der Situation angepasst zu verhalten. „Wenn erforderlich“, so Petek, „müssen Sie den Rucksack alter Erfahrungen und falscher Überzeugungen abwerfen“. Das gelte auf dem Berg wie im Betrieb. Globalisierung und Technologisierung erforderten die Bereitschaft zur Veränderung. Für die Veranstaltungsbranche hieße das „Events mit sensationellen Erfahrungen zu kreieren“. Rainer Petek: „Je digitaler alles wird, umso wichtiger werden analoge Erfahrungen.“

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Neue Themen im Programm: EVVC-Vizepräsidentin Ilona Jarabek im Workshop Diversität und Frauen in der Veranstaltungsindustrie.
FOTO: EVVC

Dazu liefert der Bergsteiger mit einem Bild das nötige Rüstzeug: Den Rucksack abwerfen! Ein Satz, den die Teilnehmer die nächsten zwei Tage in immer wieder neuen Kontexten sich selbst und ihren Kollegen sagen. Beispielsweise im Workshop zum Thema Diversität und Frauen in der Veranstaltungsindustrie oder aber Digitalisierung. In seiner Session „Future Meeting Space – Best Practice für den Tagungsraum der Zukunft“, plädiert Bastian Fiedler, Geschäftsführer von m:con Mannheim Congress, für vielfältige Formate und führt eines vor: Im Fishbowl, einer Diskussionsform bei der die Diskutanten im Kreis der Delegierten sitzen, erörtern sie die Umsetzbarkeit partizipativer Veranstaltungen. Für viele Mitglieder ist es das erste Mal – das „Experiment“ kommt gut an.

Ebenso wie die Fahrt mit dem Kursschiff nach Lindau – quasi ins Ungewisse, denn die neue Inselhalle Lindau ist noch nicht fertig. Auf seiner Baustelle versucht Geschäftsführer Carsten Holz der Verzögerung etwas Positives abzugewinnen, beim Bau lerne man positive Fehlerkultur und den kontinuierlichen Erfahrungsaustausch. In Zeiten von Co-Creating-Spaces und Startups kommt die unverputzte Halle gut an und inspiriert zur Gruppenaufgabe. Teams aus sich unbekannten Personen pinseln Papphocker zum Thema „Was macht die MICE-Branche besonders“ an. Beim „Geh-Spräch“ zur Eilguthalle am Hafen streiken die Gruppen jedoch und spazieren mit ihren alten Bekannten los.

INTEGRATION VON GEFLÜCHTETEN

Linda Residovic (am Tisch in der Mitte) in Tel AvivFOTO: EVVC
Linda Residovic (am Tisch in der Mitte) in Tel Aviv
FOTO: EVVC
Der Einladung des israelischen Ministry of Labor and Social Affairs und des Deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum Seminar „Vocational Education and Training and social integration of refugees and migrants in Germany and Israel“ folgte Linda Residovic, Büroleiterin des Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC). Vom 23. bis 25. Oktober 2017 vertrat sie in Tel Aviv das Erasmus Projekt „Employment and integration of foreign workers, migrants and refugees in the events sector“ der europäischen Partner, das unter der Federführung von VPLT (Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik) und EVVC derzeit vorbereitet wird. Ziel ist die Integration von Geflüchteten und Migranten in die Veranstaltungsbranche, um dem akuter werdenden Fachkräftemangel in den Bereichen Technik, Logistik und Catering vorzubeugen, aber auch, um den Zuwanderern eine Chance auf Arbeit zu geben. Kandidaten sollen sechs bis neun Monate auf ihrem Weg in die Berufswelt begleitet werden, beginnend mit einer Schulung zu Sprache, Interkulturellem, Arbeits- und Gesundheitsschutz, fachliche Grundlagen sowie Rechte und Pflichten. Im Anschluss wechseln sie in Praxisbetriebe. Alle Trainingsphasen werden technologisch unterstützt. Am Ende der Maßnahme sollen die Teilnehmer das Kompetenzniveau EQF2 erreicht haben, d.h. unter Anleitung mit einem gewissen Maß an Selbständigkeit arbeiten können. Durch ihre Teilnahme beim Seminar in Tel Aviv verschaffte sich Residovic einen Eindruck, wie insbesondere in Israel die Integration von Geflüchteten und Migranten durch Begleitung durch den Staat und seine Institutionen gelingen kann. „In Israel geht man aktiv auf die Einwanderer zu und erarbeitet ein individuelles Programm für den Einzelnen, wie dieser sich optimal im Land und auf dem Arbeitsmarkt integrieren kann. Dabei gibt es spezielle Maßnahmen z.B. für Frauen und Startups“, berichtet sie. „Insbesondere auf die Kooperation mit Universitäten wird viel Wert gelegt. Ich denke, das sollten wir auch für unser Erasmus+ Projekt bedenken. An Universitäten werden sich sicherlich junge Menschen finden, die Interesse an einer Tandem- Partnerschaft mit engagierten Migranten haben – ein Projekt von dem beide Seiten enorm profitieren können.“
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Gut gemeint, aber schlecht gemacht ist der „Partner Slam“, mit dem sich Partner vorstellen sollen. Wie auch? Sind Slams doch fast eine Kunstform. Nur wenige Teilnehmer zieht es vom Kollegenaustausch am Tisch weg. EVVC-Präsident Joachim König erklärt: „Wenn Sie neue Dinge ausprobieren, ist es wichtig, dass Sie Optionen geben. Dafür ist die Location ideal: Die Mitglieder können sich Slam anhören oder Netzwerken.“ Während König netzwerkt, sieht Ilona Jarabek sich die erste Slam-Runde an und bläst die zweite ab.

Der 2016 eingeführte Open Space hingegen findet seine Fortsetzung, für den die Werkstattbühne des 
Festspielhaus Bregenz
 die ideale Kulisse ist. „Open Space ist das perfekte Format für eine so heterogene Gruppe wie den EVVC“, befindet König. „Hier kann jeder seine Interessen einbringen und sie mit Gleichgesinnten auf Augenhöhe diskutieren, so dass jeder Einzelne auf seine Kosten kommt.“ Wie in Barcamps bringen die Teilnehmer die Themen ein, die sie an zwölf Stationen in zwei Runden behandeln wollen. Wer ein Thema vorschlägt, ist „Owner“ desgleichen, ob zu WLAN in Veranstaltungshäusern, Datenschutzverordnung oder neuen Veranstaltungsformaten.



„Es gilt das Gesetz der zwei Füße: Jeder bleibt so lange, wie er es für sinnvoll erachtet“, betont Ilona Jarabek.
„Bei Open Space geht es um die Dinge, die Ihnen auf der Seele brennen.“ An der Station EU-Förderung von Hausherr Gerhard Stübe reichen die Vorschläge von energetischer Sanierung über Mobilität und Bildung, zu Innovationsfähigkeit, Diversität und Frauen. Diese Themen gelte es zu eruieren, befindet die Gruppe und formuliert einen entsprechenden Auftrag an die neue Generalsekretärin Cordula Riedel. Beim Thema Mitarbeiter-Zeiterfassung stehen die Mitglieder in zwei Reihen um Antje Münsterberg herum. Die Personalleiterin von mainzplus Citymarketing weiß: „Die beliebtesten Themen sind oft die ganz banalen aus dem Tagesgeschäft“. Dass so viele kommen, überrascht sie dennoch.

Ilona Jarabek beobachtet das Treiben zufrieden. „Gerade die Vielfalt der Formate sowie die Möglichkeit, diese selber live zu erleben, zählen zu den Erfolgsfaktoren dieser Veranstaltung.“ Für die nächste EVVC-Management-Fachtagung vom 16. bis 18. September 2018 im Marinaforum Regensburg verspricht sie: „Wir werden auch im kommenden Jahr ‚Raum für Experimente‘ bieten und vielfältige Möglichkeiten der Begegnung und des Austauschs unserer Mitglieder und Partner schaffen.“ 
KERSTIN WÜNSCH
 

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„Wenn erforderlich, müssen Sie den Rucksack alter Erfahrungen abwerfen.“
Rainer Petek, Extrembergsteiger
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