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ME CONVENTION

Das Fenster zur Zukunft

Mercedes-Benz wagt ein Experiment und organisiert zur IAA die me Convention. Das Programm pendelt zwischen visionären Vorträgen, Diskurs über die Zukunft, Begegnungsplattform und Festival mit Streetfood, Beer-Workshop und Livekonzerten. Ein Modell für die Konferenz von morgen?

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er erste Eindruck überrascht genauso wie die Ankündigung. Mercedes-Benz macht gemeinsame Sache mit dem texanischen Festival South by Southwest (SXSW). Die erste me Convention von 15. bis 17. September 2017 während der IAA (Internationalen Automobilausstellung) in Frankfurt ist eine Mischung aus Konferenz, Zukunftswerkstatt und Festival. Nachdem die Teilnehmer das Messegelände durch den einem Dschungel nachempfundenen Eingangsbereich betreten, geht es vorbei an Pool und Streetfood-Areal in die Festhalle. Bevor sich die Delegierten dort Orientierung verschaffen, landen sie automatisch vor der Urban Stage, wo gerade Astronautenlegende Buzz Aldrin mit Sonnenbrille, Mars-TShirt und Raketensakko bekleidet und „Moonwalk“ tanzend die Bühne betritt. Der Mann, der als zweiter Mensch den Mond betreten hat, dafür aber mit einer an der Raumfähre Apollo 11 befestigten Kamera – „dem teuersten Selfie-Stick der Welt“ – das erste Selfie im All geschossen hat, bleibt auch mit 87 Jahren ein Visionär. Er berichtet von Bestrebungen, die Menschheit in den nächsten zwei Dekaden auf den Mars zu bringen. Die Bühne verlässt er mit dem klaren Statement „Explore or expire“, stellvertretend für das Motto der me Convention: #createthenew.


Mercedes-Benz hat sich ein hehres Ziel gesetzt: Die Veranstaltung sieht sich selbst als Plattform für Kreativität, Inspiration, neue Ideen und veränderte Blickwinkel, die nicht nur einen Blick in die Zukunft ermöglicht, sondern sie auch gleich mit gestaltet. Nebenbei soll die Convention dem Messeauftritt eine neue Dimension verleihen und eine neue Zielgruppe ansprechen, die Jugend. Diese Ziele mit dem herkömmlichen Format Messe zu erreichen, gestaltet sich zunehmend kompliziert. Dass die IAA aber frischen Wind benötigt, lassen Absagen von Herstellern wie Volvo, Peugeot, Fiat, Nissan, Cadillac oder Mitsubishi zumindest vermuten. Für Professor Marcus S. Kleiner, Studiengangleiter Erlebniskommunikation und Forschungskoordinator an der Hochschule der populären Künste in Berlin, kein Wunder. Seiner Meinung nach müsse auf Messen unbedingt ein Wandel stattfinden: „Eine der langweiligsten Veranstaltungsformen ist doch die Messe. Man geht durch und wird erschlagen von Themen, die einen zwar interessieren, aber trotz einer Funktion als Schaufenster und ein paar Vorträgen ist eine Messe nicht wirklich zeitgemäß.“ Die „Erlebnisorientierung“


nach dem Vorbild einer re:publica oder eben von SXSW im Ansatz der me Convention hält er für eine sehr gute Idee, bezeichnet den Schritt als logisch und konsequent.

„Unser Ziel war es, den traditionellen Messestand in eine inspirierende Gemeinschaftsplattform zu verwandeln, und dies ist perfekt gelungen“, sagt Dr. Jens Thiemer, Vice President Marketing von Mercedes-Benz Pkw. „Wir sind sehr stolz, dass diese erste me Convention gemeinsam mit unserem Partner SXSW so ein großer Erfolg gewesen ist.“ Über 2.700 Teilnehmer aus 35 Ländern sind die Bilanz. Das neue Format bringt internationale Experten und Vordenker aus der Technologie-, Design- und Kreativbranche zu einem Diskurs zusammen. Die Zukunftsthemen „New Creation“, „New Urbanism“, „New Leadership“, „New Realities“ und „New Velocity“ werden in 16 Workshops erforscht, es treten 150 internationale Speaker in 52 Talks, Interviews, Panels und Keynotes auf, dazu präsentieren sich 24 „Smart Cities“ vor Startups. Zudem stehen ein Hackathon, Yoga oder Meditation auf der Agenda.

Auf dem Weg zu einem der Höhepunkte, dem Kamingespräch zwischen Sheryl Sandberg und Dieter Zetsche,


vorbei an neuen Modellen des Automobilherstellers (die findet man hier auch) erwartet die Delegierten ein Hindernis. Die Rolltreppen der Festhalle sind hoffnungslos überfüllt. Wer smart ist, besucht nicht das Forum, sondern verfolgt den Livestream der offenen Unterhaltung zwischen dem COO von Facebook und dem Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG. Sie verkörpern zwei Industrien, die in der Vergangenheit kaum Berührungspunkte aufwiesen, aber im Moment zusammenwachsen. Das Gespräch hält zwar keine Überraschungen parat, dafür erörtern die beiden aber einen gemeinsamen Nenner. Nämlich dass Facebook und Mercedes-Benz das gleiche Ziel verfolgen: „Menschen zu verbinden“.

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Ein Cyborg als Speaker auf der me Convention eröffnet neue Perspektiven: Die fest implantierte Antenne auf dem Kopf des farbenblinden Neil Harbisson verwandelt dominante Farben in Töne.
FOTO: DAIMLER AG

Eine überraschende Verbindung von Mensch und Technik erleben Besucher am zweiten Tag: „Ich lebe mit einem Körperteil, das auch Insekten, ja alle Tiere mit Infrarotsensoren haben“, sagt Neil Harbisson über die Antenne, die fest mit seinem Schädel verbunden ist. „Als Cyborg fühle ich mich mit der Natur mehr verbunden als mit Maschinen.“ Dass er selbst schon mal gehackt wurde, beschreibt er als faszinierende Erfahrung. Harbisson, der farbenblind geboren wurde,


ließ sich vor über zehn Jahren als erster Mensch eine Antenne implantieren, überwand viele bürokratische Hürden und forderte das allgemeine Verständnis der Interaktion von Menschen und Technik heraus. Das Implantat, das von seinem Hinterkopf bis vor zur Stirn reicht und schon mal zu Komplikationen bei der Sicherheitskontrolle an Flughäfen führt, wandelt dominante Farben vor ihm in Töne um und ermöglicht es ihm, Mode, Essen und sogar menschliche Gesichter auf völlig neue Weise zu erkennen. Heute arbeitet er daran, die Technik in seinem Körper ständig weiterzuentwickeln und mit der „Cyborg Foundation“ gesetzliche Grundlagen durchzusetzen. Sein Eindruck von der me Convention: „Ein hohes Cis, das einen aufhorchen lässt.“ Weitere Höhepunkte sind der Auftritt des Schweizer Kuratoren Hans Ulrich Obrist oder von Auma Obama, Politaktivistin, Afrikabotschafterin und Halbschwester des vorigen US-Präsidenten Barack Obama.



Das Angebot der Konferenz ist genauso umfang- wie abwechslungsreich. Die Teilnehmer müssen sich entscheiden: Möchten sie mehr über selbstfahrende Autos erfahren, einer Debatte über mehr Frauen in Führungspositionen zuhören, gemeinsam mit Hirnforschern über den Tellerrand blicken, sich über die Fortschritte künstlicher Intelligenz wundern oder lernen, wie sie den digitalen Wandel in ihrem Unternehmen bewältigen? Wem das zu trocken ist, der nimmt an einem Beer-Workshop teil, diskutiert am Pool zwischen Einhörnern und Flamingos, spielt Tischtennis, fliegt in einem Simulator oder stattet der virtuellen Realität einen Besuch ab. Die Teilnehmer lassen es sich auf dem Festivalgelände zwischen Schaukeln und Gaming-Konsolen gut gehen. Eine kleine Bilanz: Insgesamt werden 7.500 Glückskekse, 7.000 Tüten Popcorn, 12.000 Flaschen Lemon Aid und 15.000 Flaschen Bier konsumiert.

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Das neue Format bringt Experten der Technologie-, Design- und vor allem auch Kreativbranche zu einem Diskurs zusammen.
FOTO: DAIMLER AG

„DEN UMBRUCH VERSTEHEN UND MITGESTALTEN“

Natanael Sijanta, Leiter Marketing Kommunikation Mercedes-Benz Pkw bei der Daimler AG.FOTO: DAIMLER AG
Natanael Sijanta, Leiter Marketing Kommunikation Mercedes-Benz Pkw bei der Daimler AG.
FOTO: DAIMLER AG
Während der me Convention nimmt sich Natanael Sijanta, Leiter Marketing Kommunikation Mercedes-Benz Pkw bei der Daimler AG, Zeit für ein Gespräch mit der tw tagungswirtschaft und erklärt das Konzept.

tw:Was passiert hier gerade?
Natanael Sijanta:
Wir denken das Format Messe weiter. In einer völlig neuen Dimension. Natürlich stellen wir weiterhin unsere Fahrzeuge aus, aber der traditionelle Messestand wird um eine Dimension erweitert. Die me Convention ist eine Plattform für kreative Menschen aus verschiedenen Bereichen und hat einen klaren Fokus auf Dialog, Interaktion, Vernetzung und Unterhaltung. Es geht um Innovation, um neue Ansätze und um den Blick über den Tellerrand. Dazu dienen einerseits die inspirierenden Vorträge – das Line-up mit Persönlichkeiten wie Buzz Aldrin, Sheryl Sandberg oder Hans Ulrich Obrist, allesamt Pioniere in ihren Gebieten, haben wir sehr bewusst gewählt – andererseits die Foren und Workshops, die eine Teilhabe der Besucher ermöglichen. Das Ganze gepaart mit Festival-Atmosphäre: Lounge-Ecken, Bars, Co-Working- Spaces, unsere Schaukeln, Streetfood und natürlich dem Abendprogramm im Bahnhofsviertel mit Konzerten, Ausstellungen und Club-Parties.

Was wollen Sie damit bezwecken?
Wir wollten eine Plattform schaffen, die zu neuem Denken anregt, die über die IAA hinaus wirkt, Netzwerke und echten Austausch ermöglicht. Außerdem wollen wir ins Gespräch mit unseren Besuchern kommen. Wir wollen mehr Austausch und das lässt sich über eine me Convention einfacher besser bewerkstelligen als im herkömmlichen Messetrubel. Nebenbei wollen wir über das breit angelegte, vielfältige Programm komplett neue Zielgruppen erreichen – was uns sehr gut gelungen ist!

An wen haben Sie da gedacht?
Wir wollten genauso ein junges, bzw. „jüngeres“ wie ein internationales, kreatives aber auch technikaffines Publikum ansprechen…

… das müssen Sie erläutern.
Fakt ist, dass wir uns in einer Phase massiven Umbruchs befinden – wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich. Die Digitalisierung verändert einfach alles. Ein anschauliches Beispiel aus der Automobilbranche ist Carsharing. Es hat in den vergangenen Jahren grundlegende Veränderungen gegeben – ein eigenes Automobil zu besitzen ist für junge Menschen nicht mehr zwangsläufig erstrebenswert. Und viele zukünftige Veränderungen können wir heute noch nur erahnen. Um dieses Denken zu begreifen, müssen wir einen intensiven Austausch erzeugen. Und um unsere Marke jung und modern zu gestalten, müssen wir jetzt handeln. Die me Convention steht für diesen Wandel. Wir wollen den Umbruch mitgestalten. Die derzeitigen Veränderungen sehen wir nicht als Bedrohung, sondern als große Gelegenheit.

Geht die Strategie über die Convention hinaus?
Genau. Die Konferenz ist Teil unserer CASE-Strategie, die für die Zukunft unserer Marke und die strategischen Felder Vernetzung (Connected), autonomes Fahren (Autonomous), flexible Nutzung (Shared) und elektrische Antriebe (Electric) steht. Alles Bereiche, die wir hier thematisch in Vorträgen, Workshops und Diskussionsforen besetzen.

Wurden Sie bei der Organisation unterstützt?
Unser Partner bei der me Convention ist das Festival South by Southwest (SXSW). Sie erkennen den Ansatz (lacht). Wir selbst sind ja bisher nicht als Veranstalter aufgetreten und vertrauen daher auf deren Expertise. Das Team von SXSW hat ja in Texas nachweislich gezeigt, dass man spannende Inhalte besonders durch eine spannende Atmosphäre vermitteln kann. Der erste Eindruck ist hervorragend. Ich bekomme sehr positives Feedback seitens der Teilnehmer. Für die Events in Frankfurt arbeiten wir mit den Szenegastronomen David und James Ardinast sowie Amin Fallaha zusammen. Wir waren im Vorfeld natürlich angespannt, wie das Ganze angenommen wird, aber so wie es jetzt läuft, übertrifft es alle unsere Erwartungen – wir haben gut 2.700 Anmeldungen. 
CHRISTIAN FUNK




Das bringt die Teilnehmer in die passende Stimmung für die Events am Abend. Die me Convention verlagert das Programm nämlich ins Frankfurter Bahnhofsviertel, wo in Kooperation mit den Szenegastronomen David und James Ardinast und Amin Fallaha eine Vielzahl an Konzerten, Partys und Events steigt. Highlights sind die exklusiven Konzerte des Rappers Yung Hurn, der amerikanischen Sängerin Beth Ditto für die „She’s Mercedes“-Kampagne, der Rapperin Iggy Azalea und der deutschen Hip-Hop Band Beginner. Auf dem nächtlichen Heimweg werden die me Convention Besucher auf der Baustelle des neuen 25hours Hotel by Levi’s ein letztes Mal überrascht: Hier werden auf der Smart #construction Party gerade Autos der Zukunft ausgestellt. Stimmt ja, es ist doch IAA! CHRISTIAN FUNK
 

www.me-convention.comwww.sxsw.com
„Wir wollten eine Plattform schaffen, die über die IAA hinaus wirkt und echten Austausch ermöglicht.“
Natanael Sijanta, Daimler AG
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