Alle in einem Boot Image 1

MICE BOAT

Alle in einem Boot

30 internationale Anbieter trafen im MICE Boat auf 51 Corporates. Die suchen Destinationen und Inspirationen für ihre Veranstaltungen – ausnahmslos im Ausland: Ein Kongress auf hoher See. Mit sonnigem Kopenhagen-Ausflug.

A
m Ende waren sie alle im Boot, im MICE Boat. Einkäufer und Anbieter. Auch wenn wegen früher Herbststürme die See auf der Strecke von Rostock über Kopenhagen nach Amsterdam überbordete. Die Stimmungswogen tosten ebenfalls, freilich so friedlich, wie der Bodensee im Juli. Sabine Albrecht und Wencke Samailow sind dabei, als Einkäuferinnen bei der Deutschen Telekom. Während des verlängerten Wochenendes suchen sie nach Incentives mit besonderem Preis- Leistungsverhältnis. Zwar hätten sich nach den Entgleisungen einiger Manager der Ergo-Versicherung im Mai 2007 in der Gellert-Therme in Budapest viele große Unternehmen zurückgehalten, überhaupt noch Incentives anzubieten. „Aber es gibt nicht viele effektive Möglichkeiten, gute Außendienstler zu belohnen“, sagt Albrecht. „Deswegen kommt das Thema Incentives bei allen großen, deutschen Unternehmen gerade stark zurück.“ Die Fernziele sind bei den Einkäufern auf dem 
MICE Boat
 besonders gefragt. Jennifer Champsaur, stellvertretende Tourismusministerin von Panama, ist als Seller aus Südamerika angereist. Matthias Lemcke aus Namibia hat nach der ersten Vorstellungsrunde keine freien Termine mehr.

Alle in einem Boot Image 2
Boarding auf Peter Cramers MICE Boat in Rostock: 187 Tagungsplaner aus Firmen wollten mit, 51 durften mit.
FOTO: MICE BOAT

Nicole Plötz von der Agentur Akzio sucht für ihre internationale Kundschaft Locations. Ihr gefällt es, dass die Schweiz auf dem MICE Boat stark vertreten ist. Denn einer ihrer Kunden ist Lidl Schweiz, für den sie schon mehrere Roadshows organisiert hat. Die 32-Jährige ist auch für Pepsi, Commerzbank, Deutsche Bank, Deutsche Vermögensberatung und BMW auf dem Boot. Plötz gefällt die internationale Ausrichtung der Aussteller. Deutsche Anbieter gibt es nicht. MICE-Boat-Veranstalter Peter Cramer will sie nicht während seiner MICE-Messe auf hoher See.

Phoung Linh Le ist Projektmanagerin Fairs & Events beim Maschinenbauer Lenze in Extertal. Ihr Arbeitgeber ist einer dieser hidden Champions, die dem Endverbraucher weitgehend unbekannten großen Familienunternehmen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Phoung Linh Le baut gerade eine MICE-Abteilung für ihr Unternehmen auf. Es gibt viele Kunden im Ausland, denen das Unternehmen im Norden von Nordrhein-Westfalen neue Produkte vorstellen will. Die meisten kleinen Maschinenbauer-Messen laufen nur alle zwei oder drei Jahre. Das ist Lenze zu wenig; künftig will das Unternehmen seine Auslandskunden öfter sehen und plant dazu eigene Events. Die junge Planerin hat schon viel Erfahrung auf Messen gesammelt und genießt den Austausch mit den Kollegen an Bord.

2018 AUF DER QUEEN MARY II

„Das MICE Boat hat sich in der Veranstaltungsbranche etabliert“, sagt Veranstalter Peter Cramer. Zum fünfjährigen Bestehen des Formats gibt es noble Kreuzfahrt pur. Denn 2018 treffen sich die MICE-Planer in Southampton. Dort wird auf die Queen Mary II eingeschifft. „The MICE Boat is coming home“, nennt Cramer die Schiffstour. Denn das Flaggschiff der britischen Reederei Cunard steuert Hamburg an, wo die MICE-Boat-Agentur ihren Sitz hat. MICE Boat 2018 steht vom 14. bis 16. Oktober 2018 auf dem Programm. Ebenfalls im Jahr 2018 läuft vom 7. bis 10. Juni der MICE Peak in Den Haag, der genauso zu Cramers Portfolio gehört wie die Roadshow MICE by Melody. www.miceboard.com

Ein Kreuzfahrtschiff wie die MS Monarch ist eine grenzenlose Tagungslocation. Zwischen den Ländern Geschäfte zu machen, ist ein ganz besonderes Gefühl. Wenngleich Peter Cramer betont, dass das MICE-Boat kein Famtrip ist für die Reederei Pullmantur. Das ist die spanische Günstig-Marke der US-Reederei Royal Caribbean. Wer schon öfter Kreuzfahrten erlebt hat, der sieht, dass die MS Monarch schon etwas in die Jahre gekommen ist. Das aber ficht weder Cramer noch die Teilnehmer an; sie freuen sich über den freundlichen Service und das gute Essen. Während auf den deutschen Schiffen von Aida und TUI Cruises die Seefahrer mit deutscher Coolness begegnen, herrschen auf der Monarch spanische Herzlichkeit und Freundlichkeit. Bei der Schiffstaufe 1991 war die unter maltesischer Flagge fahrende „Monarch of the Seas“ einmal das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Wegen des Kreuzfahrt- Booms sind die Neubauten auf den sieben Weltmeeren aber heute zumeist um ein Mehrfaches größer als die MS Monarch mit rund 2.800 Plätzen für Passagiere. Die Neubauten heute können 7.000 Passagiere beherbergen – schwimmende Städte mit eigener Bierbrauerei und Vergnügungspark.

Die Atmosphäre an Bord des MICE Boats ist wertschätzend- professionell und fast freundschaftlich. Das ist kein Zufall. MICE-Boat-Kapitän Cramer und sein Team haben das geschickt orchestriert: von Tag zu Tag lassen sie schrittweise mehr Nähe zwischen Planern und Anbietern zu. „Ich glaube fest daran, dass Menschen mit Menschen Geschäfte machen. Und nicht eitle Titel auf Visitenkarten“, sagt Peter Cramer. Weil die Wirtschaftswelt aber genau diese Hürden aufgebaut hat, reißt Cramer diese Hemmnisse ein – behutsam und geschickt. Das MICE-Boat- Konzept folgt dem Prinzip, Hemmungen zwischen potenziellen Partnern langsam abzubauen. Jeden Tag ein bisschen mehr.



Tag eins, der 9. September 2017, ein Samstag, ist Anreise. Bis die Teilnehmer in Rostock sind und das Schiff ablegt, ist es dunkel draußen. Peter Cramer stellt die Teilnehmer vor. Dann ist von 22 Uhr an nur für die Teilnehmer die schicke Premium-Lounge hoch oben am Bug geöffnet.

Tag zwei. Von 9 bis 12 Uhr ist Tagung im Konferenzzentrum des Schiffes. Das besteht aus drei Räumen.
In jeden Tagungsraum passen maximal 50 Personen. Zwei sind schön, haben Seeblick. Die dänische Küste zieht vorbei. Der dritte Raum hat kein Tageslicht. Weil der schwere Dieselmotor vibriert, zittern die Präsentationen auf der Leinwand auf und nieder. Doch das tut der Qualität der kurzweiligen Vorträge keinen Abbruch. Cornelia Krenz, die die 82 Mövenpick-Hotels weltweit repräsentiert, spendiert für die Gewinner eines kleinen Gewinnspiels sogar noch Frühstücke für zwei Personen. Hans Kremer von Visit Brussel empfiehlt die kulinarische Tour an Bord der Straßenbahn durch die belgische Metropole; die Küche der Tram hat sogar einen Michelin- Stern. Orla Kraft von Meet Ireland verweist auf die 23.000 Flugzeugsitze pro Woche, die Delegierte auf die grüne Insel befördern könnten. Den Haag ist eine preiswerte Alternative zu anderen europäischen Zielen, weiß Nina Grieb und Corinna Schweizer aus Voralberg erklärt, wie nahe ihr österreichisches Bundesland an Deutschland grenzt.

„PERSÖNLICHER ABSTIMMUNGSBEDARF“

Gerd Merke ist zum zweiten Mal an Bord des MICE Boats und hier im Bild mit Nina Grieb, The Hague Convention Bureau.FOTO: MICE BOAT
Gerd Merke ist zum zweiten Mal an Bord des MICE Boats und hier im Bild mit Nina Grieb, The Hague Convention Bureau.
FOTO: MICE BOAT

Gerd Merke ist Generalsekretär des Verbands der Europäischen Natursteinwirtschaft. Merke ist erneut mit dem MICE Boat in See gestochen, weil er Ideen für internationale Treffen sucht.
tw: Ihre Mitglieder untereinander treffen sich. Nur in Europa?
Gerd Merke
: Nein, wir sind eine ‚Stone Family‘ weltweit. Vor zwei Jahren hatten wir eine große Veranstaltung in Bangalore, Indien. Im März waren wir in China mit vielen Kollegen zum Erfahrungsaustausch. Wir arbeiten sehr eng mit Verbänden in den USA sowie Südamerika zusammen, die mit Naturstein zu tun haben. Dies betrifft alle Bearbeitungsstufen vom Steinbruch bis hin zur Installation.

Hier, auf dem 4. MICE Boat, war eine Vertreterin Panamas. Tatsächlich eine Destination für Sie?

Durchaus, Panama ist der ideale und sichere Treffpunkt für Nord- und Südamerika und auch von Europa aus in neun Stunden erreichbar.

Ganz schön weit, wenn sich vor allem europäische Natursteinverarbeiter treffen wollen!
Unsere Mitglieder suchen sich nach Produktgruppen, nicht nach Ländern. Deswegen steigen sie gerne in einen Langstrecken-Jet. Südamerika ist ein großes Natursteinland, vor allem Brasilien, Chile und Argentinien. Meine Mitglieder haben immer persönlichen Abstimmungsbedarf. Beispielsweise bei technischen Normierungen, aber auch bei Lieferproblemen.

Setzen wir uns die Brille des Anbieters auf. Bringen Sie denen garantiert Geschäft?
Garantiert – nein! Aber schon wahrscheinlich. Wenn ein wichtiges Verbandsmitglied sagt ein Land X ist schlecht, da gehe ich nicht mehr hin. Dann ist die Destination für alle tot. Auch wenn objektive Fakten das Gegenteil belegen. Wenn ein wichtiger Quertreiber gegen einen Ort ist, werde ich im Verband keinen Krieg anfangen. Meistens wird aber rational entschieden.

Es gibt viele gute Destinationen und manchmal entscheidet doch auch einfach der persönliche Geschmack, oder?
Absolut! Ich selbst bin unkompliziert. Von der Bundeswehr her bin ich alles gewohnt. Für mich ist die Qualität der Begegnungen das Wichtigste. Vergangenes Jahr hatten wir einen kleinen Kongress; ich hätte ihn gerne in Nizza gehabt – das Event war vor dem Anschlag. Tatsächlich tagte man in Monaco, weil die Entscheidungsträger aus dem Verband dorthin wollten. Alle waren ganz begeistert, obwohl der Laie mit Monaco oft viel Geld, Show und halbseidenen Adel verbindet.

Wie viele internationale Veranstaltungen planen Sie im Jahr?

Wir als Dachverband planen etwas mehr als zehn Veranstaltungen. Aber wir sind Teil der so genannten Raw Material Supply Group. Das ist eine Arbeitsgruppe in Brüssel, ein Industry Panel. Damit ist die nicht-energetische Rohstoffindustrie gemeint. Beispielsweise der Verband der Baumaterialen, Gipsindustrie, Zementindustrie… Wir stimmen uns auch über geplante Branchenevents ab. Wenn man dort Panama empfiehlt, ist dies eine klare Steilvorlage.

Dann trifft man sich also in Brüssel mit den Schlüsselfiguren der jeweiligen Industrien?
Genau. Auf diese Weise kann man das Interesse der jeweiligen Branche an der Destination wecken. Auch sind Famtrips hilfreich. Wenn man sich selbst ein Bild machen kann, ist dies besser als die schönste Powerpoint-Präsentation.

Sie sind zum zweiten Mal auf dem MICE Boat, weil…
… der Veranstalter Peter Cramer auch später für mich die Kontakte warm hält. Das sage ich ganz offen. Wir Verbände haben keine großen Teams; Organisatorisches müssen uns deshalb andere abnehmen.  
THOMAS GRETHER
 

www.euroroc.net



Drei Stunden Präsentation sind für diesen Tag genug. Das Wetter hat es ausgezeichnet gemeint mit den Buyers und Suppliers. Das Schiff wird vor Kopenhagen vertäut und gemeinsam geht es durch die Stadt. Natürlich nicht profan mit einem Guide. Nein, aufgeteilt in sieben Gruppen, müssen die Teilnehmer auf den von der Agenturgruppe MCI bereit gestellten iPads Fragen beantworten und Fotos schießen. So lernt man sich kennen, auch wieder zurück beim Sun Downer auf dem Außendeck vor dem Dinner. Sehr praktisch finden alle den All-inclusive- Service auf der MS Monarch. Kein Drink belastet das private Portemonnaie. Jetzt sind alle Hemmungen abgebaut. So hat Cramer auch erst am dritten Tag die One-to-One-Sessions gesetzt. Von morgens um neun bis zum späten Nachmittag sitzen sich Seller und Buyer an diesem dritten Tag in den One-to-One-Sessions gegenüber, ganz entspannt.

Wer schon als Hosted Buyer auf Fachmessen angelsächsischer Anbieter war, der hat mitbekommen, wie diese Veranstalter mit Veranstaltungsplanern umgehen. Da zählt oft nur die Anzahl der Kontakte, die der Anbieter an einem Tag macht. Ob die Kontakte dann aber auch dazu führten, tatsächlich ein Geschäft anzubahnen – darüber gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. „Natürlich sind wir meist eingeladen und werden gut bewirtet. Aber wir sind nicht nur Ausgeber von Visitenkarten“, sagt die Veranstaltungsplanerin eines Automobilkonzerns. Die junge Frau ist unter den Anbietern dieses MICE Boats beliebt. Deswegen haben sie die Meeting Managerin auch als „Favorite“ gewählt: Auch das ist ein Baustein von Peter Cramers Rezept. Die Buyer bewerben sich, die Anbieter wählen aus. „187 Corporates wollten mit“, sagt Cramer. 51 durften an Bord. THOMAS GRETHER
 

„Für mich ist die Qualität der Begegnungen das Wichtigste.“
Gerd Merke
„Ich glaube fest daran, dass Menschen mit Menschen Geschäfte machen. Und nicht eitle Titel auf Visitenkarten.“
Peter Cramer, Veranstalter des MICE Boat
Datenschutz