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KULTUR- UND KONGRESSMETROPOLE LVIV

Ukrainischer Aufbruch zwischen Craftbeer und Euromaidan

Das ukrainische Lviv strebt weiter nach Westen und in die EU; die Aufbruchstimmung der „Euromaidan“-Proteste von 2013 verbindet sich mit blühender Kreativ- und IT-Wirtschaft. Dazu kommt eine zur Fußball-EM 2012 entstandene Infrastruktur wie ein Stadion mit modernen VIP- und Eventflächen, die aktuell Hauptbühne für Kongresse sind.

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eutschland unterhält sich mobil längst nicht mehr per SMS, sondern vor allem über eine App: Auf drei von vier Smartphones in der Bundesrepublik ist „Whatsapp“ installiert. Facebook erwarb den Messengerdienst 2014 für die sagenhafte Summe von 19 Mrd. US-Dollar. Was sich wie eine typische Erfolgsgeschichte aus dem Silicon Valley anhört, hat ihren Ursprung allerdings in einem ukrainischen Dörfchen. Dort, unweit der Hauptstadt Kiew, wuchs der „Whatsapp“-Erfinder Jan Koum auf. Mit dem Facebook-Deal wurde er auf einen Schlag zum Multimilliardär. Heute ist er der Prototyp des ukrainischen Selfmademan. Das lässt sich auch über seinen Landsmann Andriy Khudo in Lviv sagen. Khudo steht an diesem Freitagabend, als die Sonne längst untergegangen ist, an einer Balkon-Brüstung und blickt nach unten auf das Gelände einer stillgelegten Flaschenfabrik, das sich rund um ihn vor den Toren seiner Heimatstadt Lviv scheinbar endlos in der Dunkelheit ausbreitet.

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Beim Craft Beer & Vinyl Festival feiert das kreative Lviv in einer halb verfallenen Flaschenfabrik.
FOTO: LVIV CONVENTION BUREAU

Ein Teil der früheren Fertigung befindet sich im Abriss, viele Gebäude und ehemalige Lagerhallen stehen einfach leer. Zwei Meter unter Andriy Khudo zeichnet sich ein Hubschrauberlandeplatz ab. Auf dessen gelben „H“, mehrere Meter hoch und breit auf den Beton gepinselt, stehen ein paar junge Männer im Dämmerlicht, sie wippen lässig mit einer Flasche Bier im Rhythmus der Musik. Es wummern Bässe vom unbefestigten Vorplatz eine Etage darunter. Von dort ragt eine Bühne auf bis zur Höhe des Landeplatzes. Rockmusik schallt durch die Fertigungshallen aus teils mit Graffiti übersätem Beton. Es ist der erste Abend des Craft Beer & Vinyl Music Festival, das Khudos Unternehmen „!FESTrepublic“ von 27. bis 29. April in Lviv organisiert. Es versammelt ukrainische und internationale Craft Beer-Brauer, hippe Gastronomen und gleichzeitig Schallplatten- Liebhaber, die auf einem Raritäten-Markt seltene Scheiben verkaufen oder tauschen. Die Mischung aus Musik-, Gastrofestival und Flohmarkt trifft einen Nerv, Gäste unterschiedlichen Alters, in der Mehrzahl geschätzte 25 bis 35 Jahre alt, drängeln sich an Essensständen und vor Bierfässern. Eine parallel dazu in Lviv stattfindende Konferenz mit Brauworkshops, genannt Master Classes, dient zu Austausch und Weiterbildung der Bierexperten. „Am ersten Tag können Besucher die erfolgreichsten Vertreter aus der Craft-Beer-Szene aus der Ukraine, Belgien, den Niederlanden, Deutschland und anderen Ländern treffen“, sagt Andriy Khudo. An den nächsten beiden Tagen öffnet das Festival für die Öffentlichkeit, Genießer und Sammler, die sich für Craftbeer- und Vinylkultur begeistern.

Das Programm besteht natürlich auch aus mehrfacher Craftbeer-Verkostung. Die Bühne vor dem Food Street Market bespielen Bands mit ukrainischer Countrymusik ebenso wie mit Swing und Rock’n’Roll, dazu gibt es einen Radpolowettbewerb und 3D-Mapping-Spiele. Selbst an einen Kinderspielbereich samt Aufsicht wurde gedacht.

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Lviv gehörte schon zu Polen und Österreich- Ungarn, dem Marktplatz sieht man es an.
FOTO: TW, FRANK WEWODA

Diese Explosion der Kreativität kommt nicht von ungefähr. 2007 öffnete Khudo hier das erste ukrainische Restaurant in einem ehemaligen Bunker. „Wir haben das Gefühl nach Lviv gebracht“, meint Khudo. „Ich liebe die Stadt, sie bietet die richtige Mischung aus Komfort, Inspiration und Geschäft.“ Khudo hat hier studiert, sein Regal ist voll mit Management-Literatur; die Universität der Stadt ist eine der größten des Landes. Die proeuropäischen Euromaidan-Proteste sieht Khudo als Chance für eine weitere Öffnung nach Westen: „Wir wollten das Land verändern. Die Freiheit ist sehr wichtig für uns.“ Die Realität sieht aktuell weniger rosig aus, da in den äußersten östlichen Landesteilen an der Grenze zu Russland nach wie vor kriegerische Auseinandersetzungen stattfinden. Auch deshalb gilt: „Die begabtesten Leute verlassen die Ukraine.“ Lviv liegt auf der äußersten anderen, westlichen Seite der Ukraine, nur 70 km von der Grenze zu Polen entfernt. Hier ist von den Kämpfen im Osten zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen, auch dem Konflikt um die Krim, nichts zu spüren.

Khudos Traum und Vision sieht seine Stadt Lviv in zehn Jahren als pulsierendes Zentrum der Kreativwirtschaft. Für den Anfang betreibt Khudo eine Event- und Gastronomiefirma, deren Mitarbeiterzahl er mit rund 2.000 angibt. Die Ukraine hat Khudos Firma etwa mit einem Netz aus im Franchising- System betriebenen Konfiserien überzogen, in denen Schokolade vor den Augen der Kunden geschöpft und verkauft wird.

CONFERENCES IN LVIV

In 2016 around 2,6 million tourists visited Lviv, located 70 kilometers from the Ukrainian border to Poland. Is has a population of 728,000 inhabitants with roughly a fifth being students. Lviv boasts 46 hotels and 15 purpose built conference facilities plus 11 academic and 12 special venues such as the Italian Courtyard. Numerous IT companies have set up business here in the past years. Their conference „IT Lviv“ every year gathers around 2,500 IT specialists from the Ukraine and Eastern Europe in the Arena Lviv Stadium, currently being the biggest conference venue. www.lvivconvention.com.ua

„Die Atmosphäre hier in Lviv in unseren Konfiserien vermittelt einen Eindruck, als wären Sie bereits mitten in der EU, aber ganz ohne Visum“, erklärt Khudo dazu. An die 100 Themen-Restaurants haben der Gründer und seine Firma darüber hinaus zusammen mit Partnern eröffnet, darunter eine Strudelhaus-Kette mit Bedienungen im Dirndl. Die tischen auch in einer Filiale direkt am Marktplatz von Lviv den Gästen österreichische Schmankerl auf, meistens sitzen Touristen an den Tischen, oft aus dem benachbarten Polen.

Die Strudelnostalgie gibt ein historisch durchaus stimmiges Bild ab: Lviv gehörte unter seinem deutschen Namen Lemberg einst zu Österreich-Ungarn. Daran erinnert auch die ausgeprägte Rolle des Kaffees und der Kaffeehäuser, für die Lviv bekannt ist. Seit zehn Jahren gibt es ein Kaffeefestival, zu dem auch ein Fachkongress gehört. Nach diesem Vorbild findet zudem ein Mozart- Festival statt, das vom 18. bis 25. August 2017 in seine zweite Runde geht.

Die Donaumonarchie hat ihre Spuren auch in der Architektur an vielen Stellen hinterlassen, genauso wie die polnischen und sowjetischen Herrschenden, die in der wechselvollen Geschichte Lvivs hier unter anderem schon Stadtplanung betrieben.

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Khudos Event- und Gastrofirma richten Lviv weiter nach Westen aus.
FOTO: LVIV CONVENTION BUREAU

Heute hat Lviv alles, was sich eine multikulturelle Metropole an der Schnittstelle zwischen den Kulturen für touristische Zwecke, aber auch als Kongressmetropole nur wünschen kann: eine zentraleuropäische Lage, ein zur Fußball-Europameisterschaft 2012 modern ausgebauter Flughafen, der gerade um ein zweites Terminal erweitert wird. Was fehlt, ist ein zweckgebundenes Kongresszentrum. Die Stadtspitze um den jungen Bürgermeister arbeitet gerade an den Plänen, eröffnet werden könnte das neue Gebäude 2020. Es dürfte stark gefragt sein, wenn die Wirtschaft in der Ukraine weiteren Schwung nimmt. Visa- Schranken zwischen der EU und der Ukraine bestehen kaum mehr, EU-Bürger können nur mit ihrem Reisepass ein- und ausreisen.

So gibt es gute Gründe und Voraussetzungen für das Lviv Convention Bureau, das momentan sieben Mitarbeiter zählt, die Stadt auf dem internationalen Markt für Meetings und Incentives zu etablieren. Viele IT-Firmen haben sich in den vergangenen Jahren in Lviv angesiedelt. Unter anderem eröffnen Firmen aus dem kalifornischen Silicon Valley hier Niederlassungen, in denen ukrainische Arbeitnehmer zum Beispiel programmieren. 150 Unternehmen sind es aktuell, die ein IT-Cluster bilden, das von einer öffentlichen Entwicklungsgesellschaft speziell gefördert wird. Deren Geschäftsführer ist gerade 28 Jahre alt und wurde vom Lviv Convention Bureau zum Kongressbotschafter ernannt. Zuletzt tagte ein Branchenkongress mit 1.200 Delegierten in den modernen Räumen des zur Fußball-EM erbauten Stadions, unter anderem mit Rednern von Google.

Ließe sich nur der kriegerische Konflikt im Osten der Ukraine dauerhaft lösen, hätte das sicher Signalwirkung für die gesamte Wirtschaft des Landes. Dann könnte die Aufbruchstimmung aus dem Westen aufs ganze Land übergreifen. Doch Lviv bietet heute schon Exkursionen in eine andere Welt, die ihren mitteleuropäischen Vorbildern in Gastronomie und Eventkultur in nichts nachsteht.  FRANK WEWODA
 

www.lvivconvention.com.uawww.mozart.lviv.uawww.itcluster.lviv.ua

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