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INTERVIEW

„Physische Präsenz auf der Straße sehr wichtig“

Wie sich die explosionsartig gewachsene Bewegung „Pulse of Europe“ vernetzen kann, welche Formate zur Diskussion sie braucht, treibt Daniel Röder um. Die von ihm mitgegründete „Graswurzelbewegung“ für die EU vereint mittlerweile Bürger in 130 europäischen Städten. Diese Unterstützung kam unerwartet. Röder will den Schwung für ein dauerhaftes Projekt nutzen.

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aniel Röder und Sabine Röder, beide Rechtsanwälte aus Frankfurt am Main, fühlten sich im November 2016 wie viele im großen Bekannten- und Freundeskreis des Paares: Die Wahl des Populisten Donald Trump zum US-Präsidenten weckte nach dem Brexit-Votum der Briten große Ängste um die Zukunft der Europäischen Union. Das bevorstehende Superwahljahr 2017 mit Urnengängen in Frankreich, den Niederlanden und in Deutschland tat sein Übriges: Populisten, EU- und Eurogegner legten überall dort in Umfragen deutlich an Stimmen zu, beflügelt offenbar vom Trump- und Brexit-Effekt.

So trommelte Röder kurz entschlossen erst einmal Freunde und Bekannte zur ersten Kundgebung für ein geeintes Europa auf dem Frankfurter Goetheplatz zusammen.


Das Echo war riesig. Die mit EU-Luftballons und blau-gelber Schminke im Gesicht auf die Straßen und Plätze strömenden Menschen machen den Populisten und EU-Gegnern den öffentlichen Raum sichtbare Konkurrenz. Auch, weil sie sich nicht mehr als schweigende Mehrheit fühlen wollen. Dass aus seiner lokalen Initiative eine gesamteuropäische politische „Graswurzelbewegung“ mit regelmäßigen Kundgebungen in inzwischen 130 europäischen Städten entstehen könnte, war nicht geplant und überraschte.

tw: Wie wirken Face-to-Face und die Mobilisierung über das Internet zusammen bei Ihrer Bewegung, was ist wichtiger für Ihren Erfolg?
Daniel Röder:
Für uns war am Anfang diese physische Präsenz auf der Straße wirklich wichtig. Das hätte man mit dem Internet allein sicher nicht hingekriegt. Es gibt ja viele proeuropäische Bewegungen und Initiativen, die sich vorwiegend im Netz tummeln. Diesen Aufmerksamkeitsgrad wie wir bekommt man aber nur, wenn man auf die Straße geht und viele Leute auf die Straße bringt. Heutzutage geht es ohne Netz natürlich nicht mehr, das gehört mit dazu, man braucht seine Follower in den sozialen Medien, muss auf Facebook viele Leute versammeln und mit ihnen diskutieren. Aber aus meiner Sicht ergänzt sich das beides.

Planen sie einen „Pulse of Europe“-Kongress?
Wir sind derzeit über 130 Städte und hatten schon ein Treffen mit 50 davon, das war deutlich vor der Frankreichwahl. Wir sind als Graswurzelbewegung derzeit dabei, geeignete Formate zu finden. Eine interne Vernetzung muss aber auch über geeignete IT-Plattformen stattfinden, also nicht nur Kommunikations- sondern auch Kollaborationsplattformen. Ich glaube, dass sich das regelmäßige Demonstrationsformat auf Dauer verbraucht. Anlassbezogen werden wir die Demonstrationen aber sicher weiterführen. Würden wir jedoch zwei, drei Jahre weiter in einem regelmäßigen Rhythmus einmal im Monat demonstrieren, befürchte ich, würde sich das verlieren. So müssen wir andere Anreize setzen, und daran arbeiten wir.

Muss die Bewegung in Zukunft noch straffer organisiert sein?
Die Organisation ist tatsächlich eine wichtige Frage. Die Bewegung soll dezentral bleiben, aber die einzelnen Standorte sollen besser vernetzt werden. Wir sind jetzt sowohl hier in Frankfurt ein eingetragener Verein als auch in Paris. Jeder soll mittun können, sich einbringen können, aber es soll trotzdem noch funktional bleiben. Die Leute sollen auch eigenständig agieren. Das kann mit uns abgestimmt sein, muss es aber nicht.

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Daniel Röders Bühne war zuerst nur der Frankfurter Goetheplatz. Inzwischen steht er einer gesamteuropäischen Bewegung vor.
FOTO: PULSE OF EUROPE

Ist die EU noch zu retten angesichts von erstarkenden autoritär geprägten Parteien?

Also wir können da sicher nur einen kleinen Beitrag leisten. Aber ich glaube die EU ist noch zu retten, sonst würden wir das nicht machen. Und sie ist auch alternativlos. Sie muss ausgebaut, verändert werden. Ich glaube, dass wir nur gemeinsam eine Chance haben, so auch eine Rolle in der Welt zu spielen und die wirklichen globalen Probleme anzugehen. Deswegen lohnt sich das auf jeden Fall. Vielleicht sind Demokratiedefizite in Osteuropa eine notwendige vorübergehende Erscheinung, weil sich die Länder auch erst in ihrer Identität nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sicher werden müssen. Sie sind relativ schnell in die EU gegangen und müssen jetzt gemeinsam daran arbeiten, dass sie ihre Identität auch innerhalb dieser größeren Einheit finden.

Was muss sich ändern in der EU aus Ihrer Sicht?

Wenn ich drei Bereiche herausnehme, dann würde ich erstens Flüchtlinge nennen. Die Frage muss gelöst werden, aber solidarisch, weil ich glaube, dass die EU darüber zerbrechen kann, und weil es eine Wertefrage ist. Wir müssen uns daran messen lassen, wie wir mit den Flüchtlingen umgehen. Sicherheit ist sozusagen das Gegenstück davon. Sie muss auch organisiert werden, weil es viele Menschen gibt, die den Zustand der offenen Grenzen ausgenutzt haben und unkontrolliert in die EU gekommen sind, Stichwort Terrorismus und Anschläge. Dann glaube ich, dass der Euro stabil gemacht werden muss. Die Eurozone muss weiter reformiert werden. Denn eine instabile Währung wirkt sich zwangsläufig negativ auf Europa aus. Dazu kommt das Thema Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa plus Demokratiedefizite in Osteuropa. Das ist nun eher an der praktischen Politik orientiert. Daran werden sich auch institutionelle Reformen anschließen müssen.

Gibt es einen Kongress, den Sie nie vergessen haben, der Ihr Leben verändert hat?

Mein Leben hat es verändert, dass wir geschafft haben, diese Demos hier auf die Beine zu stellen. Wenn man das im weitesten Sinne einen Kongress nennen will, dann war das das beeindruckendste Erlebnis in dieser Hinsicht, das ich je hatte. Dass die Leute sich hier alle solidarisch verhalten, kommen und mittun und voll dabei sind, das bewegt mich und uns alle.

Wie sind Sie in diese Rolle gerutscht?
Ich habe einfach zu meiner Frau gesagt: Komm, wir machen jetzt etwas, und dann ging es los! Was sich daraus entwickelt hat, war nicht absehbar und ist schon sehr spannend zu sehen.

Welche Zeichen der Unterstützung haben Sie am meisten überrascht?
Mich hat am meisten überrascht, dass die Leute es hier schaffen, sich gegenseitig zu stärken. Anfangs kamen hier alle und hatten wirklich Sorge und Angst. Da war die Nachkriegsgeneration, die sich ängstigte, jetzt doch selbst einen Krieg erleben zu müssen. Das waren wirklich ganz fundamentale Sorgen. Die haben sich selbst über diese Veranstaltung in eine Handlungsfähigkeit gebracht. Dieses Gemeinschaftserlebnis hat sie gestärkt und hat dazu geführt, dass sie wieder sehr viel zuversichtlicher in die Zukunft blicken und auch zu Boten für den europäischen Gedanken werden.

Ihre Bewegung war auch eine Reaktion auf Trump und Brexit-Votum – ist das immer noch so?
Ich denke, dass sich bei vielen Menschen die Ängste schon relativiert haben, das ist ja auch menschlich, wenn die Kettenreaktion nach der Wahl Donald Trumps und dem Brexit-Votum erst einmal unterbrochen wurde jetzt. Ich denke schon, dass sich viele beruhigen. Das sieht man auch an der Zahl der Teilnehmer hier, es sind jetzt doch deutlich weniger als vor den Wahlen in Frankreich. Ich persönlich habe mich aber nicht beruhigt. Wir Europäer haben uns nur Zeit erkauft, aber jetzt muss etwas passieren!  INTERVIEW: FRANK WEWODA
 

www.pulseofeurope.com
„Ich habe einfach zu meiner Frau gesagt: Komm, wir machen jetzt etwas, und dann ging es los!“
Daniel Röder,
Pulse of Europe
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