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RE:PUBLICA

Europa leben, eigene Filterblase verlassen

Die Station Berlin wurde vom 8. bis 10. Mai 2017 zur Bastion gegen Hate Speech und Fake News unter dem re:publica-Motto „Love out loud!“. Über die Mutterveranstaltung hinaus internationalisiert sich die Konferenz weiter. Der zweite Ableger neben Dublin sprießt 2017 im griechischen Thessaloniki. Das ist auch ein politisches Statement.

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as Gefühl kenn ich doch!“, dachte re:publica- Geschäftsführer Andreas Gebhard nach eigenen Worten jedes Mal, wenn er in den vergangenen Jahren die Kreativszene Thessalonikis besuchte. Die Atmosphäre in der Stadt im Norden Griechenlands erinnert den Wahl-Berliner Gebhard regelmäßig an die Offenheit und Aufbruchstimmung in Berlin direkt nach der politischen Wende und dem Fall der Berliner Mauer. So lag es für die re:publica- Gründer nahe, in Thessaloniki, dem „Tor zum Balkan“, einen zweiten internationalen Ableger zu pflanzen. Im Slogan „re:connecting Europe“, unter dem sich die re:publica internationalisiert, schwingt auch eine politische Dimension mit: Die Premiere vom 11. bis 13. September 2017 in Thessaloniki baut eine kreative Brücke von Berlin in das von Sparauflagen und Massenarbeitslosigkeit schwer gezeichnete Griechenland. Der Aufbau eines europaweiten Netzwerks in ganz unterschiedliche Länder der Kreativwirtschaft kommt so voran. Die erste re:publica außerhalb von Berlin fand aber bereits am 20. Oktober 2016 mit über 200 Teilnehmern und 33 Rednern in Dublin statt. Der zweite Event in Irland steigt vom 7. bis 8. September 2017. Die Initiative „re:connecting Europe“ wird vom deutschen Außenministerium gefördert. So soll der europäische Austausch weiter unterstützt und die digitale Community mit der Welt, lokalen und internationalen Akteuren und Projekten aus Kultur, Gesellschaft und Politik vernetzt werden. Ein wichtiges internes Ziel von „re:connecting Europe“ ist es auch, die Teams der „re:publica“- Schwesterfestivals in Dublin und Thessaloniki zu vernetzen. Lazaros Boudakidis ist einer der Botschafter aus der griechischen Hafenstadt. Es sei schwer, etwas so Großes wie die re:publica zu veranstalten, ohne die deutsche Version einfach zu kopieren und ohne an Qualität zu verlieren. „Wir müssen die Idee ‘re:publica' den Griechen näherbringen und sie dafür begeistern“, sagt Boudakidis. Er arbeitet beim Thessaloniki Film Festival, das eng mit der griechischen re:publica verknüpft ist.

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FOTO: RE:PUBLICA/JAN ZAPPNER(CC BY 2.0)

Die Berliner Hauptveranstaltung der re:publica brachte von 8. bis 10. Mai 2017 rund 9.000 Delegierte in die Station Berlin. 



„Weltweit steht die Presse- und Kommunikationsfreiheit unter Druck“, sagte Veranstalter Markus Beckedahl zur Eröffnung. „Mehr als 350 Journalisten und Blogger sitzen weltweit im Gefängnis.“ Die größte deutsche Netz- und Gesellschaftskonferenz stand 2017 unter dem Motto „Love out Loud“, das die Veranstalter als Aufruf verstanden, Hassparolen, Hate Speech und Fake News im Netz nicht nur aktiv zu bekämpfen, sondern positive Gegenentwürfe für das Internet als lebenswerten Raum zu präsentieren und zu leben.



Zur Bewusstseinsschärfung und aus Solidarität mit Bloggern, Journalisten und Aktivisten widmete die re:publica ihre Eröffnungssession ganz dem Thema der gefährdeten Meinungs- und Pressefreiheit. Der ins Exil nach Deutschland geflüchtete türkische Journalist Can Dündar erzählte im Plenum bewegend von der Terrorismus-Anklage gegen ihn während seiner Zeit als Chefredakteur der größten türkischen Zeitung. Nach drei Tagen ist die re:publica dann in der Station-Berlin zu Ende gegangen. 1.000 Rednerinnen und Redner hielten Vorträge oder moderierten Panels, die Frauenquote lag bei 47 Prozent. Großen Andrang gab es etwa beim netzpolitischen Dialog von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, Constanze Kurz und „netzpolitik.org“- und re:publica-Gründer Markus Beckedahl.

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Den Geist der re:publica und ihre Slogans auf die grüne Insel exportiert haben die Gründer erstmals 2016.
FOTO: RE:PUBLICA/JUSTIN FARRELLY (CC BY 2.0)

Erstmals nahm auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller an der gemeinsamen Eröffnung teil. Müller hob die besondere Bedeutung der Digitalisierung für Berlin hervor und schloss sich dem Appell für Pressefreiheit an: „Es muss darum gehen, wie wir uns unsere Werte – vor allem auch Presse- und Meinungsfreiheit – erhalten.“ Viele hätten diese Werte für selbstverständlich gehalten – man müsse jetzt aber erkennen, dass man für sie immer wieder kämpfen und sich engagieren muss.

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Urheberrechtsexperte Andres Guadamuz sprach über sein Buch „Networks, Complexity and Internet Regulation“.
FOTO: RE:PUBLICA/JUSTIN FARRELLY (CC BY 2.0)

Tanja Haeusler, die 2007 die re:publica mit ins Leben rief, sagte am Ende: „Es reicht nicht, Hass und Gewalt zu bekämpfen. Was es braucht, sind positive Gegenentwürfe, zu denen man Ja sagen kann. Das re:publica-Programm hat unter dem Motto „Love Out Loud!“ etliche Beispiele dafür präsentiert.“ Markus Beckedahl: „Eines unserer Ziele für diese re:publica war es, einen Ort zur Verfügung zu stellen, an dem wir uns über mögliche Lösungen und Strategien für negative Phänomene wie Hassrede oder Falschmeldungen im Netz auseinandersetzen. Wir freuen uns, wenn viele unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer motiviert nach Hause fahren, um den Rest des Jahres digital und analog Zivilcourage zu zeigen und überall für eine offene Gesellschaft und damit auch für unsere Demokratie einzutreten“. 
FRANK WEWODA
 

www.re-publica.com/de/17/page/reconnecting-europe
„Es reicht nicht, Hass und Gewalt zu bekämpfen. Was es braucht, sind positive Gegenentwürfe.“
Tanja Haeusler, re:publica
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