„Das Maß an Ablenkungen ist bereits voll“ Image 1

INTERVIEW

„Das Maß an Ablenkungen ist bereits voll“

Dr. Katharina Turecek, Autorin und Spezialistin auf dem Gebiet der angewandten Gehirnforschung, über den Wandel unserer Kommunikation, Aufmerksamkeitsspannen von Kongressbesuchern, „Walk and Talk“ und die Herangehensweise für die Veranstaltungskonzeption.

tw: Zuletzt auf der re:publica bestimmte das Motto too long; didn’t read den Diskurs. Hat sich der Konsum von Wissen und Informationen in der Gesellschaft verändert?
Dr. Katharina Turecek: Ich würde schon sagen, dass sich der Konsum von Wissen verändert, in einem dynamischen Prozess. Das hängt primär mit der Digitalisierung zusammen.

Mit der Digitalisierung?
Ja, die Kommunikation hat sich durch die neuen Medien verändert und damit auch die Geschwindigkeit, in der kommuniziert wird. Darin liegt eine große Chance: Ich kann gezielt Nachrichten oder Informationen platzieren, genau dann, wenn der Empfänger sie benötigt. Der Nachteil ist, dass häufig unüberlegt gehandelt wird.

Inwiefern?
Nehmen wir das schon fast historische Beispiel eines Briefs. Einen Brief zu verfassen oder darauf zu antworten, nimmt Zeit in Anspruch. Zeit, in der man viel genauer überlegt, was man schreibt und kommuniziert, damit alle relevanten Informationen beim Empfänger ankommen. In unserer schnelllebigen Zeit verfasst man schon einmal recht unüberlegt eine E-Mail, in der Teile einer Information fehlen. Wir leben im Zeitalter des Multitasking, in dem wir nicht nur verschiedene Dinge gleichzeitig, sondern auch doppelt und dreifach erledigen müssen. Und zwar doppelt und dreifach nur so halb. Zum Beispiel eine Mail, die Sie nachreichen, weil Sie etwas vergessen haben oder eine Mail, die Sie erneut verfassen müssen, weil in der Fülle von Informationen Details untergegangen sind. Das steigert den Informationsaustausch exponentiell. Diese Informationsflut ist für viele Berufstätige zur Belastung geworden.

Sehen Sie eine ähnliche Tendenz auf Konferenzen, also wie dort kommuniziert wird?
Ich habe schon das Gefühl, dass sich die Veranstaltungskultur und auch die Kommunikation verändert, allerdings mehr aufgrund deswegen, weil Veranstalter durch eine verstärkte Konkurrenzsituation auffallen wollen, etwas Neues machen und Dinge ausprobieren wollen. Ich glaube nicht, dass dieser Wandel auf eine sich verändernde Kommunikationskultur zurückzuführen ist.
     
„Das Maß an Ablenkungen ist bereits voll“ Image 2
FOTO: KATHARINA TURECEK

ZUR PERSON

Dr. Katharina Turecek ist Autorin und Expertin auf dem Gebiet der angewandten Gehirnforschung. Die österreichische Jugendgedächtnismeisterin schrieb während ihres Studiums ihr erstes Buch. Heute ist sie Leiterin des Instituts für Gehirntraining. www.katharinaturecek.com

Dennoch werden Informationen auch auf Veranstaltungen schwieriger aufgenommen, oder?
Das ist leider der heutige Zeitgeist. Hinzu kommt, dass der Kongressbesucher kritischer geworden ist. Der Besucher hat heute ein Überangebot an Veranstaltungen und auch an online verfügbaren Vorträgen. Deswegen hat er auch mehr Erfahrung und kann dadurch besser selektieren, ob ein Angebot sinnvoll ist und ob ein Vortrag brauchbar ist. Falls das nicht der Fall ist, greift man schon mal schneller zum Smartphone.

Gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen Smartphones und einer sinkenden Aufmerksamkeitsspanne bei Delegierten?
Ja, das ist so. Der Besucher wird durch das größere Angebot immer anspruchsvoller. Und die Vortragenden stehen, was die Aufmerksamkeit betrifft, immer stärker in direkter Konkurrenz zum Smartphone. Dieses Gerät ist inzwischen ja allgegenwärtig. Durch Push-Benachrichtigungen von allen Kanälen, seien es E-Mails, Social-Media, Neuigkeiten oder private Nachrichten, ist der Hang dazu, sich ablenken zu lassen, immens gewachsen. Ist man gerade nicht gefesselt vom Vortrag oder Workshop oder welchem Format auch immer, erliegt man schnell dem Bedürfnis, eine Nachricht zu beantworten, etwas nachzulesen oder etwas zu erledigen. Die Unterbrechungen und Ablenkungen sind in den vergangenen zehn, zwölf Jahren sicherlich gestiegen.

Wie kann man dieser Entwicklung begegnen?
Das ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Fragen für Veranstalter. Viele testen derzeit unheimlich viel und binden digitale Elemente wie beispielsweise Online-Abstimmungen mit dem Handy ein. Dabei darf man aber leider nicht außer acht lassen, dass auch das wiederum eine Ablenkung ist: Das Maß an Ablenkungen ist doch bereits voll.

Was wäre ein konkreter Lösungsansatz?
Ich denke, eine gute Lösung, ist der Trend hin zu kürzeren Vortrags-Slots und kürzeren Formaten. Eineinhalbstündige Vorträge sind in der heute existierenden Konkurrenzsituation – ich wiederhole: mehr Veranstaltungen, mehr für mich persönlich interessante Inhalte online und eben das Smartphone – vielleicht zu lange. 45 Minuten oder auch 20 Minuten sind in meinen Augen eine geeignete Zeitspanne. Es gibt sicher auch ein Minimum, das man nicht unterschreiten sollte.
    

Warum können wir uns nicht so lange konzentrieren?
Aus Sicht der Gehirnforschung haben wir zwei Einschränkungen. Das eine ist Multitasking. Dabei gibt es eine Faustregel: Wir Menschen können nicht an zwei Dinge gleichzeitig denken. Wir können zwei Dinge gleichzeitig tun, beispielsweise Auto fahren und das Radio bedienen oder kochen und telefonieren, weil wir gewisse Handlungen automatisiert haben. Wir erliegen dabei subjektiv der Illusion, beiden Dingen unsere Aufmerksamkeit zu widmen, tun das in Wirklichkeit aber gar nicht. Sobald zwei Dinge unsere Aufmerksamkeit erfordern, funktioniert Multitasking schon nicht mehr. Das Gehirn vollzieht hier einen sogenannten Attention Switch und verlagert seine Konzentration immer auf eine Sache. Automatismen kann der Mensch auch ohne Aufmerksamkeit ausführen. Alles andere nicht. Die andere Einschränkung ist, dass wir zu viele Informationen gar nicht aufnehmen können. Wir haben nur eine gewisse Kapazität im Gehirn, die neue Informationen verarbeiten kann. Eine kritische Masse an Informationen und das besagte Aufmerksamkeitsproblem bringen uns an unsere kognitiven Grenzen.

Wie könnten Veranstaltungen konzipiert sein, damit diese Grenzen nicht gesprengt werden?
Das optimale Veranstaltungs-Setting gibt es aus meiner Sicht gar nicht. Allerdings sind kürzere Settings zielführend. Ich glaube, dass Abwechslung gut aufgenommen werden kann und es ist definitiv auch förderlich, wenn der Besucher viele Wahlmöglichkeiten hat. Was man aus der Pädagogik weiß – da berufe ich mich auf die Hattie-Studie, die verschiedene Settings wie Frontalunterricht oder offenes Lernen untersucht und miteinander verglichen hat – ist, dass es in jedweder Form der Wissensvermittlung ganz stark auf den Vortragenden ankommt. Das ist sicher nicht überraschend, aber wichtiger, als man zu glauben bereit ist. Zudem muss man sich genau überlegen, ob man Wissen oder Fähigkeiten vermitteln will.

Das müssten Sie mir näher erläutern?
Es gibt unterschiedliche Lernprozesse. Da gibt es den Prozess, der zu explizitem Wissen in Form von Daten und Fakten führt. Und davon unterscheiden wir das Lernen von Fähigkeiten, das Können. Ein Beispiel: Sie können theoretisch die Führerscheinprüfung bestanden haben, ohne jemals eine Minute Auto gefahren zu sein. Ohne diese Fähigkeit, können Sie nicht am Verkehr teilnehmen. Sie können auch vielleicht bereits Auto fahren, ohne jemals eine Minute Theorieunterreicht gehabt zu haben. Aber ohne dieses Wissen können Sie nicht am Verkehr teilnehmen. Ihnen hilft also theoretisches Wissen nicht, wenn Sie es praktisch nicht anwenden können. Umgekehrt hilft Ihnen mitunter eine Fähigkeit nicht, wenn Sie nicht wissen, was Sie tun. Im Gehirn sind für diese beiden Lernprozesse unterschiedliche Strukturen zuständig. Also sind auch verschiedene Lernstrategien zielführend.
   


Die da wären?
Wenn es um Fähigkeiten geht, muss man für das, was man können möchte, eine Tat üben und wiederholen. Für das Können braucht es also das Tun. Für das Wissen reicht es, Dinge zu lesen, zu hören, es gegebenenfalls mit vorhandenem Wissen zu verknüpfen und es schließlich theoretisch wiederholen zu können. Spannend wird es, wenn wir Wissen und Können verknüpfen. Wenn man beides kombiniert, sprechen wir von der Kompetenz. Kompetenz ist viel mehr als Können oder Wissen. Bei der Kompetenzvermittlung müssen Sie theoretisch erlerntes Wissen praktisch anwenden.
       
„Kommunikation hat sich durch die neuen Medien verändert und damit auch die Geschwindigkeit, in der kommuniziert wird.“
Dr. Katharina Turecek

Was könnte das für die Konzeption einer Veranstaltung bedeuten?
Methodisch gibt es da spannende Ansätze für die Konzeption. Die Unterschiede zwischen Wissen, Können und Kompetenz zu kennen, kann für Veranstaltungsplaner schon mal ganz hilfreich sein. Wenn ich das Lernziel einer Veranstaltung kenne, beziehungsweise definiere, kann ich doch viel besser das Gerüst aufbauen. Um auf unser Eingangsthema zurückzukommen: Das Ziel muss definiert sein, um zu entscheiden, wie viel Tiefe oder Raum ich einem Vortrag gebe, um Wissen theoretisch zu vermitteln. Und wenn ich auch Können oder sogar Kompetenzen vermitteln möchte, brauche ich ja ein anderes Format als einen Frontalvortrag, eines in dem die Teilnehmer Dinge tun. Das ist abwechslungsreich. Und diese Abwechslung wiederum ist gut für die Aufmerksamkeitsspanne meiner Delegierten.


Worauf könnten Veranstaltungsplaner darüber hinaus achten?
Ein Hinweis, den ich geben kann, ist dass sich Bewegung positiv auf die Gehirnaktivität auswirkt, die Aufmerksamkeit steigert und auch höhere kognitive Funktionen positiv beeinflusst. Bewegung ist gut für das Gedächtnis und auch für die Ideenfindung. Es kann sich positiv auswirken, Meetings im Freien stattfinden zu lassen, aktive Bewegung wie gemeinsame Spaziergänge und eventuell Formate wie „Walk and Talk“ einzubauen. Ein anderer Punkt: In unserem Gedächtnis ist alles miteinander vernetzt. Assoziation ist das Stichwort. Durch einzelne Begebenheiten oder Trigger erinnert man sich an bestimmtes Wissen. Ich finde es einen schönen Gedanken, wenn man beim Planen einer Veranstaltung genau bedenkt, wann an ein Teilnehmer sein soeben erworbenes Wissen anwenden soll, oder welche Trigger gesetzt werden, damit der Teilnehmer erkennt, dass er Neu gelerntes anwenden soll. Ein Wenn-Dann-Denken kann dabei unterstützen, Assoziationen bei Zuhörern zu wecken.

Kommen wir noch einmal auf das Thema Kommunikation zurück. Was sollten wir alle beachten, um unsere eigene Kommunikation zu verbessern?
Ganz klar. Wir müssen besser reflektieren: Ist das Senden einer Botschaft wirklich notwendig? Nehmen wir das Beispiel der Kommunikation via E-Mail, Sie gaben ja eingangs das „too long; didn’t read“- Beispiel. Wir alle kennen sicherlich neben „too long“ auch „too much“ und können uns selbst an die Nase fassen. Wie oft sende ich eine E-Mail, um einen Punkt meiner To-Do-Liste abzuhaken? Das ist menschlich, gibt ein gutes Gefühl, weil man denkt, man hätte etwas erledigt, ein Thema mehr vom Tisch. Dabei werden Probleme dadurch ja oft nur verlagert. Ich weiß nicht, wie viele E-Mails letztlich wirklich hilfreich für das Gelingen eines Projekts sind. Würden wir aber durch Reflexion alle daran arbeiten, uns auf Wesentliches zu beschränken, Dinge zu verknüpfen, andere wieder selbst zu prüfen, könnten wir die Flut von E-Mails, die uns alle täglich erreichen, wahrscheinlich maßgeblich reduzieren. Das ließe sich bestimmt auch bei der Konzeption von Veranstaltungen bedenken.
CHRISTIAN FUNK
„Automatismen kann der Mensch auch ohne Aufmerksamkeit ausführen. Alles andere nicht.“
Dr. Katharina Turecek
„Wir müssen besser reflektieren: Ist das Senden einer Botschaft wirklich notwendig?“
Dr. Katharina Turecek
Datenschutz