EUROPEAN SYMPOSIUM ON ORGANIC CHEMISTRY (ESOC)

Blutbahn frei für das Nanoauto?

Dass das 20th European Symposium on Organic Chemistry (ESOC) in Köln tagt, ist der hohen „chemischen“ Dichte an Industrie und Instituten der Region zu verdanken und dem exzellenten Ruf der Universität zu Köln und ihrem Department für Chemie.

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ährend die Kölner am Sonntagnachmittag beim Kaffeeklatsch sitzen, verstummen die Gespräche im sich verdunkelnden Großen Saal des Gürzenich: Nobelpreisträger Prof. Dr. Ben Feringa betritt die Bühne.



Der Chemiker mit den Schwerpunkten Organische Chemie und Molekulare Nanotechnologie der Universität Groningen spricht auf dem 20th European Symposium on Organic Chemistry (ESOC) über „Molecules in Motion, from Switches to Motors“. 2016 erhielt der Niederländer den Chemie-Nobelpreis für „das Design und die Synthese von molekularen Maschinen“. Feringa hatte mit seinen „molekularen Propellern“ quasi Räder geschaffen und damit das erste „Nanoauto“, das eines Tages Wirkstoffe in die Blutbahn transportieren könnte.

Den Nobelpreisträger angekündigt und das European Symposium on Organic Chemistry eröffnet hatten der Konferenzvorsitzende Prof. Dr. Hans-Günther Schmalz des Department für Chemie der Universität zu Köln und Prof. Dr. Bettina Rockenbach, Prorektorin für Forschung der Universität zu Köln. Die 650 Wissenschaftler aus 47 Ländern beschäftigen an den fünf Konferenztagen neue molekulare Maschinen, Katalysatoren, Wirkstoffe und Materialien. Es sind Chemiker aus Universitäten, Forschungsinstituten und der Industrie, hinzukommt der wissenschaftliche Nachwuchs. Im Programm stehen zwölf Plenarvorträge, zwölf Gastvorträge, 22 Präsentationen à 15 Minuten und zwei Sessions mit 450 Postern von jungen Chemikern zu ihren Forschungsergebnissen.

Chemie-Nobelpreisträger Prof. Dr. Ben Feringa hält auf der ESOC-Konferenz die Keynote.
FOTO: KÖLNTOURISMUS, AXEL SCHULTEN

Die ESOC findet alle zwei Jahre statt und wurde im ersten Jahr, 1979, von dem Kölner Chemiker Emanuel Vogel organisiert. Die Freude von Prof. Dr. Hans-Günther Schmalz ist groß, als die ESOC zum 20. Jubiläum nach Deutschland zurückkehrt. Erst recht als der Präsident des internationalen ESOC-Committee, Prof. Dr. Pat Guiry, ihn persönlich fragt, ob er sie ausrichten wolle. Schmalz: „Da habe ich natürlich mit Freude und Stolz zugesagt, denn alleine die Anfrage war als Kompliment zu werten.“ Er legt sofort los und holt seine Kölner Kollegen Albrecht Berkessel und Axel Griesbeck ins Boot. Da zur Vorlesungszeit keine Hörsäle frei sind, reserviert er vom 2. bis 7 Juli 2017 den Gürzenich, dessen Größe, Technik, Atmosphäre, Lage und Service genau passen, und erstellt eine Bewerbungspräsentation. Schmalz bekommt den Zuschlag. Sein Department für Chemie der Universität zu Köln und die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) richten das Symposium aus.

„Meine Rolle ist vor allem die des ‚Spiritus Rectus‘, aber die gigantische Aufgabe der Tagungsorganisation wurde von einem phantastischen Team gemeistert“, sagt Prof. Schmalz. Es besteht aus der Abteilung Tagungen der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), Dr. Sibylle Grandel, Geschäftsführerin des Department für Chemie, den Mitarbeitern des Gürzenich sowie Kollegen und wissenschaftlichen Mitarbeitern des Institutes. Schmalz selbst befasst sich mit der Programmgestaltung, der Finanzplanung, der Sponsoren-Einwerbung, des Konferenz-Marketings und der Öffentlichkeitsarbeit.

“WISSENSCHAFT IST EIN SOZIALER PROZESS“

FOTO: KÖLNTOURISMUS, AXEL SCHULTEN
FOTO: KÖLNTOURISMUS, AXEL SCHULTEN
Prof. Dr. Hans-Günther Schmalz des Department für Chemie der Universität zu Köln ist Konferenzvorsitzender des 20th European Symposium on Organic Chemistry (ESOC).

tw: Welche Rolle hat die „chemische“ Wissenschafts- und Wirtschaftsdichte bei der Standortwahl für die ESOC 2017 gespielt?
Prof. Dr. Hans-Günther Schmalz:
Ich kann nicht ausschließen, dass die hohe „chemische“ Wissenschafts- und Wirtschaftsdichte im Rheinland bei der Entscheidung mitgeschwungen hat, aber ich meine, dass es primär die exzellente Reputation der Kölner Universität, gerade auch im Fach Chemie, sowie vertrauensvolle kollegiale Bezüge waren, die den Ausschlag gegeben haben. Die starke Tradition der hiesigen Universität im Fachgebiet „Organische Chemie“ u.a. mit dem Nobelpreisträger Kurt Alder, die Sichtbarkeit des Chemie-Kollegiums und der Status der Universität zu Köln als „Exzellenzuniversität“ mögen ebenfalls zu unserem guten Standing beitragen – auch über die Grenzen von Deutschland hinaus.

Wie wichtig ist die ESOC für Ihre Universität?
Wir sind sehr froh und stolz, die ESOC nach Köln geholt zu haben. Es ist ein sehr sichtbarer und eindeutiger Beleg für das hohe Renommee unserer Universität und der hier tätigen Wissenschaftler.

Die ESOC gilt als „Flaggschiff-Event“ für die Organische Chemie und darüber hinaus. Was macht sie aus?
Es gibt viele spezialisierte Konferenzen, auf denen sich Wissenschaftler treffen, um sich in ihrem Fachgebiet auszutauschen. Die ESOC hingegen bringt eine viel größere Community zusammen, die sich für das große Gebiet der Organischen Chemie in voller Breite interessieren. Es spricht für die gute Tradition und ungebrochene Attraktivität der ESOC-Reihe, dass alle eingeladenen Vortragenden umgehend zugesagt haben, darunter auch der Nobelpreisträger Ben Feringa. Und dass die Teilnehmer der ESOC 2017 nicht nur aus Europa gekommen sind, sondern aus 47 Ländern wie den USA, aus Kanada, Japan, China, Korea, Südafrika und Australien.

Warum ist die ESOC in Zeiten fortschreitender Digitalisierung und digitaler Informationsvermittlung wichtig?
Wissenschaft ist vor allem auch ein sozialer Prozess, in dem ein sich Kennen, Verstehen und Vertrauen zwischen den Beteiligten von essentieller Bedeutung ist. So wie digitale Musikwiedergabe für einen Kunstkenner kein Live-Konzert ersetzen kann, so können Internet-Konferenzen mit Vorträgen per Livestream auch keine realen wissenschaftlichen Konferenzen ersetzen. Der unmittelbare soziale und fachliche Austausch und das Erlebnis anwesend zu sein, wenn berühmte Wissenschaftler vortragen und diskutieren, das lässt sich nicht durch digitale Medien ersetzen.

Die ESOC bringt Wissenschaftler aus der Welt zusammen. Hat die großpolitische Wetterlage mit Brexit und US-Präsident Donald Trump die Delegierten in Köln beschäftigt?
Eher am Rande. Es hat Bemerkungen, Witze und Appelle gegeben. Wir Naturwissenschaftler sind aber gut trainiert, Fakten zu bewerten und von Fake-News zu unterscheiden. Unser Kriterium ist dabei das reproduzierbare Experiment, das im Einklang mit der „erklärenden“ Theorie stehen sollte.
KERSTIN WÜNSCH


Dass die Wahl für die ESOC auf Köln fällt, ist kein Zufall. „Köln ist eine der wichtigsten und innovativsten Chemie-Regionen Europas, und die Forschung an der Universität zu Köln trägt dem Rechnung“, weiß Schmalz. Schließlich weist die Region Köln mit Standorten wie Leverkusen, Knapsack, Wesseling, Monheim, Dormagen und Wuppertal eine ungewöhnlich hohe Dichte an Chemie-Unternehmen auf. „Diese haben die Umbrüche der letzten Jahrzehnte exzellent gemeistert und zeichnen sich durch eine hohe Innovationskraft aus“, befindet Schmalz und fügt hinzu: „Zusätzlich tragen die akademischen Institutionen, allen voran die Universität zu Köln, zu dem Erfolg der ‚Chemie-Region Köln‘ bei“. Gemeinsam haben Wirtschaft und Wissenschaft das Netzwerk der chemischen Industrie im Rheinland „Chem-Cologne“ gegründet. „Im Rheinland führt die die Chemie- und Pharmabranche mit 250 Unternehmen und 70.000 Mitarbeitern das Ranking der Industriezweige an“, bekräftigt Christian Woronka. Der Leiter des Cologne Convention Bureau kennt die Golbal Player wie Bayer, Lanxess und ExxonMobilChemical, die hier produzieren, und verdeutlicht: „22 Prozent des in Deutschland erzielten Chemieumsatzes werden hier erwirtschaftet“. Im Zuschlag für die ESOC sieht er seine Kompetenzfelder-Strategie bestätigt, die auf der Verzahnung basiert. Er unterstützt Schmalz nach Kräften, was dieser bestätigt: „Das Cologne Convention Bureau mit Herrn Woronka und die Mitarbeiter des Gürzenich als Tagungslokalität haben uns in allen Phasen der Vorbereitung und Durchführung äußerst hilfsbereit und extrem kompetent unterstützt.“



Das ist umso wichtiger als der Konferenzvorsitzende einen freien Kopf braucht für seine Aufgaben wie die Öffentlichkeitsarbeit. Nur wenige wissen: Die Organische Chemie trägt zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen wie wachsende Weltbevölkerung bei, indem ihre Grundlagenforschung neues Wissen zur umweltverträglichen Produktion von Syntheseprodukten wie Arzneimitteln und Hygieneprodukten schafft. „Im Zentrum der ESOC 2017 stehen deshalb neue Ansätze aus der Synthesechemie (der möglichst effizienten Herstellung organischer Moleküle) und der Katalyse (der kontrollierten Beeinflussung und Beschleunigung chemischer Prozesse)“, erläutert Schmalz.

LEGACY OF EVENTS

„The Iceberg“ heißt die Initiative des Dachverbands Joint Meetings Industry Council (JMIC), die auf die Wichtigkeit von Konferenzen und ihre „Hinterlassenschaft“(Legacy) anhand von Fallbeispielen hinweist. Als „deutsche Stimme“ der internationalen Kampagne veröffentlicht die tw tagungswirtschaft in Kooperation mit dem German Convention Bureau (GCB) passende Beispiele wissenschaftlicher Konferenzen.www.the-iceberg.org

Auf der ESOC geht es um den Austausch, um wissenschaftliche Kommunikation, um Lernen und die gegenseitige Inspiration, aber auch um Kontakte, zählt er auf. „Die ESOC ist ein Forum zur Anbahnung neuer Kooperationsprojekte und eine Kontaktbörse zwischen Doktoranden und Industrievertretern bzw. Hochschullehrern als Arbeitgeber nach der Promotion.“ Durch das Zusammenbringen vieler (überwiegend junger) Menschen aus verschiedenen Ländern leiste sie einen Beitrag zur „Europäischen Idee“ und zum internationalen Austausch. Das „Erbe“ der ESOC liegt für ihn in wissenschaftlichen Ideen und neuen Kontakte, die – nur schwer dokumentierbar – zu neuen Projekten, Publikationen und Erfindungen führen. Schmalz ist überzeugt: „Die hochrangigen Vorträge, mit denen auch weitreichende neue Entwicklungen vorgestellt werden, liefern die Basis für intensive Diskussionen aus denen wiederum Impulse für neue Forschungsarbeiten erwachsen.“ Er denkt an Nobelpreisträger Feringa, der als Chairman die ESOC 2001 ausrichtete: „Seine Beiträge zur Katalyse und zur Entwicklung ‚molekularer Maschinen‘ sind sensationell“.  KERSTIN WÜNSCH
 

www.esoc.uni-koeln.de
„Im Zentrum der ESOC 2017 stehen neue Ansätze aus der Synthesechemie und der Katalyse“.
Prof. Dr. Hans-Günther Schmalz,
Department für Chemie der Universität zu Köln
„Die ESOC ist ein eindeutiger Beleg für das hohe Renommee unserer Universität.“
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