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INTERVIEW-REIHE MIT DEM VERBÄNDEREPORT

„Bildung braucht Raum und Begegnung“

Dr.-Ing. Christian Groß, Leiter Konferenz Service beim Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (VDE), über Künstliche Intelligenz als Tagesgeschäft, den „Digitalen Zwilling“, gutes Beziehungsmanagement und ein Raumschiff.

tw: Internet der Dinge, Big Data, Künstliche Intelligenz – die Digitalisierung stellt unsere Gesellschaft und unsere Geschäftswelt auf den Kopf. Der VDE Tec Summit 2018 zeigte, was die digitale Zukunft noch bringt. Welcher Vortrag geht Ihnen seither nicht mehr aus dem Kopf?
Dr. Christian Groß: Im Vorfeld des VDE Tec Summits hatte die Computer Woche einen Bericht des Marktforschungsinstituts Gartner veröffentlicht. Es ging um Stolperfallen, die beim Einsatz von Machine Learning, Data Science und Künstlicher Intelligenz den Unternehmenserfolg gefährden können. Deshalb waren für mich die Vorträge von Jörg Bienert, Vorstand Deutscher KI-Verband, Bundesverband Künstliche Intelligenz und aiso-lab zum Thema „Learnings aus KI-Projekten“ sowie von Prof. Dr.-Ing. Martin Ruskowski, Forschungsbereichsleiter Innovative Fabriksysteme, DFKI zum Thema „Anwendung von KI in der Industrie“ besonders spannend.

Inwiefern beschäftigt sich der VDE-Konferenz- Bereich mit Megatrends wie KI?
Die Themen Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen sind in unserem Tagesgeschäft angekommen. Der aktuelle Newsletter der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE (VDE|ITG) nennt als Beispiel den Betrieb von Telekommunikationsnetzen. Diese Netze sind sehr komplex. So hat laut ITG ein typisches, landesweites Mobilfunknetz mit rund 10.000 Basisstationen eine Million relevante Parameter, die sich im Funkzugangs-, Kern- und Transportnetz einstellen oder optimieren lassen. Im Gegensatz zu den existierenden Konzepten werden sich künftige konvergente Netze weit mehr an dynamischen Netzdaten orientieren. Das bedeutet, dass statische Managementregeln und -algorithmen durch lernende, „kognitive“ Managementfunktionen ersetzt werden. Diese sind in der Lage, den Netzbetrieb schnell an die verschiedenen, gleichzeitig zu betreibenden virtuellen Netzinstanzen und -betriebspunkte anzupassen. Der VDE hat die Aufgabe, sowohl die an der Anwendungstechnik orientierte Forschung als auch die Aus- und Weiterbildung konzeptionell zu begleiten. Deshalb planen wir diverse Veranstaltungen und Seminare zu diesen Themen.

Welche neuen Technologien wurden während des VDE Tec Summits eingesetzt?
Mit Rückblick auf das gemeinsame Projekt „Future Meeting Space – Phase II“ mit dem German Convention Bureau möchte ich zwei Aspekte erwähnen. Erstens: Die interaktive Kommunikation mit den Teilnehmern, Sponsoren und Ausstellern sowie Referenten. Das Konzept umfasst die Integration von CMS-Daten in die Web-Kommunikation. Zweitens: Den Einsatz von hybriden Veranstaltungskonzepten. Ein Beispiel ist die repräsentative Bühne, die durch Live-Schaltungen und mediale Präsentationstechnik als Show-Element, als „Sendeturm“ für wichtige Botschaften und als Treffpunkt für das Networking eingesetzt wurde.


„Vernetzt – digital – elektrisch“ titelte der VDE Tec Summit. Der Digitalisierung zum Trotz haben sich 190 Referenten und 1.800 Teilnehmer auf den Weg nach Berlin gemacht. Ist das nötig? Hätte man den Summit nicht digital abbilden können?
Digital leitet sich vom lateinischen Wort digitus ab, was übersetzt Finger heißt. Im übertragenen Sinn nutzt der VDE seine Finger, um den technischen Fortschritt in den Tätigkeitsfeldern Science, Standards, Testing zu begleiten und zu ermöglichen. Hierfür ist der persönliche Austausch weiterhin unerlässlich. Besonders deutlich wird dies bei der Normung, denn sie basiert auf konsensualen Prozessen. Zusammenfassend könnte man sagen, Bildung braucht Raum und Begegnung. Der digitale Raum wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Deshalb denken wir ergänzend über den Aufbau einer virtuellen Welt – analog zum Digitalen Zwilling – nach.

Sie haben interaktive Formate wie das „englische Parlament" gewählt. Wie kam das an?
Experimentelle Formate wie das englische Parlament unterstützen exzellent das Wechselspiel zwischen Wissensvermittlung, Dialog und Networking. Ich denke, dass es beim VDE Tec Summit gelungen ist, die emotionale Nähe zwischen Speakern und Teilnehmern zu verdeutlichen. Gerade bei Themen wie Ethik in der Technik war es notwendig, kontroversen Positionen im Veranstaltungs-Set-up Raum zu geben.

Ein Teilnehmer twittert: „Im englischen Parlament des VDE haben sie beim #tecsummit18: #Ethische und gesellschaftliche Dimension der #Digitalisierung. Nur schade, dass – bis auf die Moderatorin – ausschließlich 6 Männer (ich tippe Ü50) auf dem Podium stehen und dazu diskutieren. #Diversity“ Inwiefern ist Vielfalt für den VDE und seine Veranstaltungen wichtig?
Da haben Sie einen wunden Punkt getroffen. Wir hatten bei vergangenen Veranstaltungen im Bereich Ethik und Technik eine Reihe kompetenter Frauen in unsere Programmgestaltung eingebunden. Beim Thema KI und Ethik hatten wir allerdings Schwierigkeiten Expertinnen zu gewinnen. Wenn Sie sich aber die Programmübersicht anschauen, werden Sie feststellen, dass wir – für unsere Branche – einen recht hohen Frauenanteil vorweisen können. Gerade aus dem Blickwinkel der VDE Compliance ist der Vielfaltsgedanke grundlegend für unser Handeln. Wir stellen sicher, dass gesellschaftliche Maßstäbe und Wertvorstellungen durch ethisch einwandfreies Verhalten und die Einhaltung geltender Gesetze und Vorschriften im Rahmen unserer Arbeit gewährleistet werden.

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Christian Groß besichtigt im Rahmen des Future Meeting Space-Projektes in Tallinn die „Lembit“. Das 1937 gebaute U-Boot dient heute als Museumsschiff.
FOTO: VDE

ZUR PERSON

Dr.-Ing. Christian Groß ist Leiter Konferenz Service beim Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (VDE) in Frankfurt am Main. Hauptsitz des VDE ist Berlin mit 500 der weltweit 1.600 Mitarbeiter. Sie bewerten neue Techniktrends, entwickeln Technik-Normen und unterstützen Bundesregierung und Parlament in der Technologie- und Bildungspolitik. Über 30.000 Mitglieder, 1.300 Unternehmen und Hochschulen bilden eine globale Experten-Community mit mehr als 100.000 Ingenieuren, Informatikern und Naturwissenschaftlern. https://www.vde.com/dehttps://tecsummit.vde.com

Was tun Sie, damit der Tech-Nachwuchs, die jungen Ingenieur*innen kommen?
Wir haben drei Ziele: Nachwuchsförderung, Integration des Nachwuchses in Wissenschaft, Normung und Anwendungstechnik sowie Motivation für das Studium der Elektrotechnik und Informationstechnik. Im Fokus steht der persönliche Kontakt zu VDE-Mitgliedern und Akteuren, die unsere Werte leben. Diese Menschen trifft der potenzielle Nachwuchs überwiegend in seinem persönlichen Umfeld, also auf lokalen Veranstaltungen, bei denen unsere 29 Bezirksvereine eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus bietet der VDE diverse Möglichkeiten für Studierende und Absolventen, um sich hinsichtlich Berufswahl und fachlicher Qualifizierung an den Anforderungen des Marktes zu orientieren.

Der VDE organisiert eine Vielzahl von Veranstaltungen. Was sind die größten Herausforderungen für Sie und Ihr Team?
Trotz vielfältiger Aufgaben legen wir Wert auf ein freundliches und persönliches Miteinander. Der Erfolg von Veranstaltungen basiert auf einem guten Beziehungsmanagement. Die technischen Herausforderungen der Digitalisierung bedeuten für uns wiederum, unsere Prozesse neu zu überdenken und – wenn nötig – alte Zöpfe abzuschneiden. Zudem werden Projekte zunehmend komplexer und auch globaler. Hier ist agiles Projektmanagement eine gute Methode.

Wieviele Veranstaltungen führt der VDE im Jahr durch? Ist diese Zahl in den letzten drei Jahren gestiegen, gleich geblieben oder gesunken?
In der Gruppe führt der VDE weltweit etwa 1.000 Veranstaltungen in Kooperation mit EW Medien, den VDE-Bezirksvereinen und dem VDE Verlag durch, wobei das Spektrum von Seminaren über Kaminabende bis zu internationalen Kongressen reicht. Die Veranstaltungszahl steigt dabei kontinuierlich, gleichzeitig sinkt jedoch die Dauer der Veranstaltungen. Zunehmend führt der VDE Webinare durch, die auf große Resonanz stoßen.



Zu seinem 125. „Geburtstag“ ging der VDE mit dem Tec Summit 2018 an seinen Gründungsort, nach Berlin, in die Station Berlin. Warum nicht in ein Konferenzzentrum oder -hotel?
Der Postbahnhof Luckenwalder Straße, also die heutige Station Berlin, galt vor dem Zweiten Weltkrieg als das größte deutsche Paketpostamt. Der Umbau in ein Messe- und Veranstaltungszentrum ist Symbol für einen gelungenen Transformationsprozess. Das passt doch perfekt zu den aktuellen Herausforderungen des VDE. Heute erhalten Sie dort Wissenspakete und pflegen Ihre Netzwerke.

Welche Mindestanforderungen stellen Sie an Tagungsorte, wenn Sie für Ihre Veranstaltungen auf die Suche gehen?
Neben den technischen und räumlichen Anforderungen legen wir Wert auf professionelle und dynamische Zusammenarbeit mit unseren Teams. Hier spielen Kreativität und die Bereitschaft zum Denken über den Tellerrand eine wichtige Rolle. Bei komplexen technischen Planungen stehen für uns Verlässlichkeit und die Fähigkeit in kritischen Situationen den Überblick zu behalten im Vordergrund.

Nehmen wir einmal an, Geld und Zeit spielten keine Rolle: Wo würden Sie gerne einmal tagen?
Auf einem Raumschiff mit Blick auf die Erde, damit wir uns darüber klar werden, wie wichtig es ist, unseren Planeten zu erhalten. Alexander Gerst, Kommandant auf der Internationalen Raumstation (ISS), hat seinen Enkelkindern aus dem Weltall eine Botschaft übermittelt, die ich sehr beeindruckend fand: „…Ich befinde mich gerade auf der Internationalen Raumstation im ‚Cupola‘-Aussichtsmodul und schaue auf euren wunderschönen Planeten runter. Obwohl ich bis jetzt fast ein Jahr im All verbracht habe und an jedem einzelnen Tag da runter geschaut hab’, kann ich mich einfach nicht daran sattsehen."  KERSTIN WÜNSCH
 
„Durch Live-Schaltungen wurde die Bühne zum ‚Sendeturm‘ für wichtige Botschaften.“
Dr.-Ing. Christian Groß, VDE
„Wir legen Wert auf eine professionelle und dynamische Zusammenarbeit mit unseren Teams.“
Dr.-Ing. Christian Groß, VDE
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