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NACHHALTIGKEIT

„Be a tree!“

Hitzewellen im Sommer und Schüler auf den Straßen tragen das Thema Klimawandel in die Gesellschaft. Veranstalter mit globaler Gästeliste sehen sich zunehmend in der Pflicht, ihren Beitrag zur Umwelt leisten. Die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zeigen wie.

„B
e a tree at ECR!“ Mit ihrem Aufruf zum European Congress of Radiology (ECR) 2020 demonstriert die European Society of Radiology (ESR) Umweltbewusstsein: Sie will für jeden Teilnehmer einen Baum pflanzen. Wenn vom 11. bis 15. März 2020 so viele Teilnehmer aus 133 Ländern nach Wien kommen wie dieses Jahr, sind das 30.000 Bäume. „Während andere Organisatoren nicht nachhaltige Aktivitäten wie Wohltätigkeitsläufe und dergleichen planen, wollen wir 2020 einen Schritt machen, der wirklich etwas bewirken wird und andere ermutigt, dem Beispiel zu folgen“, sagt Peter Baierl. Der ESR Executive Director hält es beim Bäume pflanzen mit einer Studie aus dem Science Magazine, die in der Wiederaufforstung eine der effizientesten Methoden zur Bekämpfung des Klimawandels beschreibt.

Die European Society of Radiology will ihren Beitrag leisten und das nicht erst seit freitags Greta Thunberg und Schüler in aller Welt streiken. Schon 2014 erwarb der European Congress of Radiology das Österreichische Umweltzeichen „Green Meeting“. Zu dessen Verleihung fragt die Richtlinie UZ62 des Österreichischen Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft neun Kriterien ab, wie Mobilität und Klimaschutz, Unterkunft und Tagungsort, Material- und Abfallmanagement. „Wir haben diesen Schritt damals bewusst gemacht, weil wir wussten, dass wir als Kongressveranstalter die negativen Umweltauswirkungen unserer Tagung aktiv ausgleichen müssen und versuchen, die Umweltbelastung so gering wie möglich zu halten“, informiert Baierl.
     

Anders als andere europäische Verbände tourt der European Congress of Radiology nicht durch Europa, sondern ist ständiger Gast im Austria Center Vienna (ACV). Österreichs größtes Kongresshaus nehmen nicht nur die Radiologen nachhaltig in die Pflicht, sondern auch seine Nachbarn im Vienna International Centre, dem Amtssitz der United Nations. ACV-Vorstandssprecherin Susanne Baumann- Söllner führt ihr Haus als Green Conference Center und unterstützt darüber hinaus – wie die European Society of Radiology – Veranstalter bei der Erreichung des Umweltzeichens „Green Meeting“. Als Gastgeberin gelingt es ihr sogar, dass 147 der 249 Konferenzen im Rahmen der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft 2018 zum „Green Meeting“ werden.

Veranstaltungen mit hohem Aufmerksamkeitswert bieten sich an, um ein Bewusstsein für die Umwelt zu schaffen. In Deutschland war das zuletzt der Tag der Deutschen Einheit 2019, an dem Gastgeber Schleswig-Holstein zum #Einheitsbuddeln auffordert. Getreu dem Motto: Stell dir vor, am 3. Oktober würde jeder Mensch in Deutschland einen Baum pflanzen, das wären 83 Millionen. „Jedes Jahr zum Tag der Deutschen Einheit soll ein neuer Wald entstehen“, sagt der Chef der Staatskanzlei Dirk Schrödter. Partner der Initiative ist Fielmann. Die Optiker spenden nicht nur zum Feiertag 10.000 Bäume, sondern pflanzen seit 1984 für jeden Mitarbeiter einen Baum – bis heute sind das mehr als 1,5 Millionen Bäume. „Ein Unternehmen kann nur in einem intakten und sozial ausgewogenen Umfeld langfristig erfolgreich sein", weiß Marc Fielmann. Mit der Pflanzaktion zum Tag der Deutschen Einheit will der Vorstandvorsitzende ein Zeichen für die Zukunft setzen.
          
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100.000 Kinder sind weltweit für Plant-for-the-Planet aktiv. 70.000 von ihnen sind Botschafter für Klimagerechtigkeit. Das sind Neun- bis Zwölfjährige, die ihr Wissen in den Akademien an andere Kinder weitergeben.
FOTO: PLANT-FOR-THE-PLANET

„PLANT-FOR-THE-PLANET“

Am 19. Januar 2007 hält der neunjährige Felix Finkbeiner ein Klassenreferat zur Klimakrise und endet mit den Worten: „Lasst uns in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen!“ Die Lehrerin schickt ihn in andere Klassen, die Direktorin an andere Schulen. Es ist der Beginn der weltweiten Kinder- und Jugendinitiative „Plant-for-the-Planet“. Bis heute haben sie mit Hilfe vieler Erwachsener, auch Regierungen und Unternehmen, über 14 Milliarden Bäume in 193 Ländern gepflanzt. Das Ziel sind 1.000 Milliarden Bäume. Diese würden rund ein Viertel der menschengemachten CO2-Emissionen aufnehmen, und so der Menschheit Zeit verschaffen, die Emissionen auf Null zu senken. www.plant-for-the-planet.org

„Die #Einheitsbuddeln-Aktion war unglaublich erfolgreich. Mittlerweile wurden schon über 110.000 Bäume gepflanzt, das ist echte Nachhaltigkeit und soll sich als Tradition etablieren“, freut sich Dr. Bettina Bunge. Die Geschäftsführerin der Tourismus- Agentur Schleswig-Holstein (TA.SH) und ihr Team kamen wegen der Vorbereitungen zum Tag der Deutschen Einheit zwar nicht zum Baumpflanzen, doch verankern sie das Thema Nachhaltigkeit als Leitmaxime in ihrer zukünftigen Marketingstrategie. „Die TA.SH hat strategisch und operativ noch viel zu tun. Es geht um Green Behavior, Green Meetings und Green Marketing. Wir haben schon eine Nachhaltigkeitsbeauftragte, reisen primär mit der Bahn und reduzieren unseren Ressourcenverbrauch im Büro. Unsere Messestände werden nachhaltiger, d. h. sie sind mehrfach einsetzbar und papierfrei“, berichtet Bunge. Für ihr Marketing nutzt sie die Vorbilder aus der Region: das Angebot der klimaneutralen Anreise in Büsum, die Plastik-Frei-Initiative auf Föhr oder auch die Musik- und Kongresshalle Lübeck mit ihrer Nachhaltigkeitsstrategie. Für Bunge ist Nachhaltigkeit ein entscheidender Wettbewerbsvorteil der Zukunft. „Das Thema ist jetzt (wieder) ins kollektive Bewusstsein gerückt und stellt einen Megatrend der Gegenwart da. Das ist nicht erst seit den Fridays-For-Future-Demonstrationen so.“
    
   
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Machen sich gemeinsam für Nachhaltigkeit stark: Susanne Baumann-Söllner und Peter Baierl.
FOTO: IAKW AG, LUDWIG SCHEDL

Die streikenden Schüler wissen um die Wirkung von Veranstaltungen und nutzen diese für ihr Anliegen. Mal ungefragt, wie im Sommer vor der Messe Hamburg zum Weltkongress von Rotary International, mal – und immer öfter – auf Einladung, wie zur Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2019 im Congress Center Rosengarten Mannheim. „Das Thema Nachhaltigkeit ist ein Thema, das durch die aktuelle Bewegung tatsächlich mehr in den Fokus der Kunden rückt und nun mit Substanz erfragt wird“, beobachtet Bastian Fiedler, Geschäftsführer von m:con – mannheim:congress.

Wie ein Bid aussieht, das Nachhaltigkeit zur Bedingung macht, haben die Mannheimer bei ihrer Bewerbung um den Festakt des Deutschen Umweltpreises mit 1.200 Gästen erfahren. In der Ausschreibung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) sind nicht nur ein nachhaltiger Betrieb im Bereich Energie, Mobilität, Catering und Ressourcen nachzuweisen, sondern die Unterzeichnung des Nachhaltigkeits-Kodexes der Veranstaltungswirtschaft „fairpflichtet“. 24 Häuser bewerben sich für 2018 bis 2022. Die Gewinner sind: Messe Erfurt (2018), Congress Center Rosengarten Mannheim (2019), Hannover Congress Centrum (2020), Wissenschafts- und Kongresszentrum Darmstadtium (2021) und das Maritim Hotel Magdeburg (2022). „Auf Basis des Nachhaltigkeits- Kodexes der Veranstaltungswirtschaft wollen wir ein Zeichen für nachhaltiges Handeln setzen und mithelfen, dass sich die ressourcensparenden Kriterien von ‚Green Meetings‘ durchsetzen“, betont die DBU-Kuratoriumsvorsitzende Rita Schwarzelühr-Sutter zur Bekanntgabe der Gewinner. Gerade sichtet das Kuratorium die Bewerbungen für 2023 bis 2028.
   
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Geben Orientierung bei nachhaltigen Events: die 17 Sustainable Development Goals (SDG) der United Nations.
GRAFIK: UNITED NATIONS
                   
„Auf Basis des Nachhaltigkeits-Kodexes der Veranstaltungswirtschaft wollen wir ein Zeichen für nachhaltiges Handeln setzen und mithelfen, dass sich die ressourcensparenden Kriterien von ‚Green Meetings‘ durchsetzen.“
Rita Schwarzelühr-Sutter, Vorsitzende des Kuratoriums der Deutschen Bundesstiftung Umwelt


„Die Nachhaltigkeit der Meetings und Events- Industrie, ja der gesamten Reiseindustrie, steht 2020 im Vordergrund der Überlegungen der Unternehmen und der Event-Planer”, prognostiziert Derek Sharp, Senior Vice President und Managing Director bei CWT Meetings & Events anhand des Sonderberichts „The Future of Sustainable Events“ zum Meeting & Events 2020 Future Trends Report. Grund sind die Proteste gegen den Klimawandel in begehrten Destinationen wie Amsterdam, London, Madrid, New York, Washington und Sydney, weshalb Unternehmen die Problematik immer stärker zur Kenntnis nehmen. „Dies wird durch die Medienberichterstattung über den Klimawandel forciert, aber, was viel wichtiger ist, es wird unterstützt durch die nächste Generation der Reisenden – die Millennials“, so Sharp. „Sie werden von 2024 an weltweit die größte Gruppe der Geschäftsreisenden stellen, dicht gefolgt von den Centennials.“ Und die blicken im „Global Millennial Survey 2019“ von Deloitte eher pessimistisch in die Zukunft. Die größte Sorge der weltweit über 16.400 befragten jungen Menschen gilt dem Klimaschutz.

Dem müsse sich die Event-, Messe- und MICE-Branche als eine der größeren CO2- und Abfallverursacher stellen, meint Jürgen May. Der Inhaber der CSR-Beratungsagentur „2bdifferent“ mahnt: „Bei allein rund 412 Millionen Teilnehmern an knapp drei Millionen Tagungen, Kongressen und Events in Deutschland ist der Ressourcenverbrauch immens.“ Er verweist auf die Untersuchung des Österreichischen Umweltzeichens „Green Meetings und Events“ und dem Austrian Convention Bureau: Ein Teilnehmer produziert pro Veranstaltung im Schnitt drei Kilo Restmüll, fünf Kilo Altpapier, 150 Liter Abwasser und 204 Kilo CO2. May sieht folglich alle in der Veranstaltungswirtschaft Tätigen in der Pflicht, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Dazu zählen für ihn nicht nur die Dienstleister, also die Auftragnehmerseite. „Ich sehe vor allem die Auftraggeberseite in der Verantwortung, bereits in den Ausschreibungen, bei der Auswahl ihrer Veranstaltungspartner nachhaltige Kriterien verbindlich zu verankern und diese auch entsprechend zu honorieren. Denn oftmals fällt ein nachhaltiges Konzept dem Budget zum Opfer.“
      
                   


May meint es ernst und hat die Branche zum Klimastreik am 20. September 2019 aufgefordert, zu dem Greta Thunberg und die Bewegung Fridays For Future aufgerufen hatten. „Millionen Menschen sind rund um den Globus marschiert und haben wirkliche Klimamaßnahmen verlangt, vor allem junge Leute“, berichtet Greta Thunberg am Tag danach beim UN-Jugendklimagipfel in New York und bekräftigt: „Wir haben gezeigt, dass wir geeint sind und dass uns junge Leute niemand stoppen kann.“ Einen Tag darauf appelliert die 16-Jährige beim UN-Klimagipfel in New York eindringlich an die Staats- und Regierungschefs aus aller Welt zu mehr Engagement beim Klimaschutz, zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad.

„Climate Action“ heißt das entsprechende Ziel mit der Nummer 13 der 17 Sustainable Development Goals (SDG) der United Nations. Die 17 SDG wie „No Poverty“ (Nummer 1), „Affordable and Clean Energy“ (Nummer 7), „Sustainable Cities and Communities“ (Nummer 11) greifen in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ineinander. Für Claudia van’t Hullenaar sind die nachhaltigen Entwicklungsziele ein Orientierungsrahmen. Die Gründerin von Sustained Impact sitzt als Sustainability Committee Member im Events Industry Council und ist immer öfter als Speakerin gefragt, wie beim letzten Famab Sustainable Summit über „Globale Nachhaltige Entwicklung als Anliegen der Live-Kommunikation”. Um die Entwicklungsziele für die Eventbranche zu übersetzen, fragt van’t Hullenaar: „Wie kann mein Geschäftsmodell und oder mein Event zu einem oder mehreren SDGs beitragen?“
      
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Um den Festakt zum Deutschen Umweltpreis hat sich das Congress Center Rosengarten nachhaltig beworben.
FOTO: DBU

„Was trägt die Meetingindustrie zu den Nachhaltigkeitszielen bei?“ will nun der Dachverband Joint Meetings Industry Council (JMIC) wissen. Business Events erfassen schließlich alle Sektoren der Wirtschaft, alle Disziplinen der Wissenschaft, die Politik und Gesellschaft. „Bei einer so breiten Zielgruppe und Reichweite kann unsere Branche mehr als die meisten anderen einen maßgeblichen Einfluss nehmen“, wendet sich der JMIC an seine 22 Mitgliedsverbände, darunter die AIPC, International Association of Convention Centres, ASAE, American Society of Association Executives, ECM, European Cities Marketing, MPI, Meeting Professionals International, sowie die PCMA, Professional Convention Management Association.

Mit dem „UN SDGs Online Reporting Tool“ können Verbände wie Mitglieder fortan demonstrieren, wie ihre Veranstaltungen und Initiativen zu den Entwicklungszielen beitragen, indem sie die besten Programme und Praktiken entsprechend dokumentieren: Type I for Event Theme and Content: How the theme of the event contributes to the SDGs, Type II Event Execution and Operation: How the approach taken to the operation of the event contributes to the SDGs, Type III Company’s Operations: How an organizer/supplier’s own operations contribute to the SDGs.

„Wie kann die Veranstaltungsbranche auf die Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung hinarbeiten?“ fragen zeitgleich die IMEX Group, Cvent, Maritz und die Non-Profit-Organisation „Positive Impact“ in ihrer Online-Befragung (https://events.myworld2030.org). Eine Frage, die die ICCA, International Congress and Convention Association, an ihre Teilnehmer weiterreicht. In der ersten „ICCA Congress 2019 – Self Sustainability Checklist“ befragt sie ihre 983 Delegierten zu ihrem Verhalten. In der Auswertung zahlen 59 Prozent der Befragten auf das Ziel 6 „Clean Water and Sanitation“ ein („I made a conscious choice to take a shorter shower or no shower today“ und „I collected my reusable water bottle from MiCo Milano Convention Centre and used it today“). Unter den Teilnehmern findet das ebenso viel positive Beachtung wie eine Initiative der IMEX Group. Als Sponsor des Mittagessens streicht sie in Houston das Fleisch aus dem Speiseplan. „Damit sparen wir 1.024.200 Liter Wasser ein, was dem täglichen Wasserbedarf von 512.000 Menschen entspricht“, rechnet COO Nalan Emre vor und ihren Beitrag zu SDG Nummer 12 zu: „Responsible Consumption and Production“. Eine Idee für den European Congress of Radiology 2020?
KERSTIN WÜNSCH
           
www.myesr.orghttps://einheitsbuddeln.dewww.dbu.dehttps://events.myworld2030.orgwww.themeetingsindustry.org/unsdg.php
„Jedes Jahr zum Tag der Deutschen Einheit soll ein neuer Wald entstehen.“
Dirk Schrödter,
Chef der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein
„Die Event-, Messe- und MICE-Branche gehört mit zu den größeren CO2- und Abfallverursachern.“
Jürgen May,
Inhaber 2bdifferent
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