VON WEGEN GLEICHSTAND

Ausnahmeerscheinungen

Es gibt sie in der Messeszene: Frauen in Führungspositionen. In der ersten Reihe stehen aber nur wenige, dort sind sie eher „Einzelfälle“.

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ie Kölnmesse hat als eine der sieben deutschen Großmessen mit Katharina Hamma eine Frau in der ersten Reihe. Sie wechselte zum 1. Oktober 2011 von der Messe München in die Kölner Chefetage. Dort wirkt sie als Geschäftsführerin und zeichnet als Chief Operating Officer (COO) operativ für alle Eigenveranstaltungen des internationalen Messeveranstalters verantwortlich. Bei der Messe München arbeitet Monika Dech als stellvertretende Geschäftsführerin – und dann war es das auch schon ganz oben bei den sieben Großen, zu denen die Messegesellschaften in Berlin, Hannover, Düsseldorf, Frankfurt und Nürnberg zählen. Bei den mittelgroßen, zu ihnen werden Hamburg, Essen, Bremen, Leipzig, Offenbach, Stuttgart, Friedrichshafen, Dortmund und Karlsruhe gerechnet, sind spitzenmäßig nur die beiden zuletzt Genannten wahre Ausnahmeerscheinungen: Britta Wirtz führt die Messe Karlsruhe und Kongress, bei Sabine Loos als Hauptgeschäftsführerin laufen die Fäden der einzelnen Unternehmen der Westfalenhallen Dortmund zusammen. Bevor Wirtz nach Karlsruhe wechselte, war sie Prokuristin und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung bei Reed Exhibitions Deutschland, Düsseldorf. Zu ihrem Verantwortungsbereich gehörte damals die Aluminium, die sie hochgezogen hat. Sabine Loos hatte ihre Karriere bei der Kölnmesse begonnen. Sie ist die erste weibliche Hauptgeschäftsführerin in der Geschichte der Westfalenhallen.

Auf dem WoMenPower- Kongress in Hannover: Agnes Heftberger, Vice President, Consumer Industries, IBM.
FOTO: DEUTSCHE MESSE

Anders sieht es aus bei den kleineren und privaten Veranstaltern, bei Familienunternehmen, oder bei denen, die wie solche geführt werden. Mit Leib und Seele dabei, und stellvertretend genannt, seien Bettina Schall, Stefany Goschmann, Constanze Kreuser und Carola Schwennsen. Sie machen nicht nur einen guten Job. Kreuser und Schwennsen gestalten zudem auch noch (Verbands-)Politik aktiv mit und mischen die Messebranche damit richtig auf. Unter der Ägide von Schwennsen hat sich der Fachverband Messen und Ausstellungen (Fama) geöffnet und seine Verbandstagungen weiterentwickelt. Die Fama- Messefachtagung gilt heute als die zentrale Tagung der Branche im deutschsprachigen Raum. Den Vorsitz des Verbandes hat sie inzwischen abgegeben, wenn sie sich auch weiterhin in und für die Organisation stark macht. Hauptberuflich führt Carola Schwennsen die Geschäfte von Fachausstellungen Heckmann in Hannover, einer Tochter der Deutschen Messe. Deren Publikumsmessen, allen voran die Infa im Oktober, gelten als Benchmark für die Branche.

Stefany Goschmann ist unter anderem Inhaberin der MAG Mannheimer Ausstellungsgesellschaft. Wichtigstes Produkt: der Mannheimer Maimarkt, Deutschlands größte Regionalmesse. Auf der Traditionsveranstaltung – die Wurzeln reichen 400 Jahre zurück – präsentierten sich vom 28. April bis 8. Mai mehr als 1.400 Aussteller rund 350.000 Besuchern. Und um Constanze Kreuser kommt nicht herum, wer in Thüringen B2C-Messen besuchen oder auf ihnen ausstellen möchte. Zusammen mit ihrem Mann Eberhard prägt sie das Unternehmen RAM Regio mit Sitz in Erfurt. Ihr Wissen gibt sie auch in Vorträgen weiter – oder in Fama-Arbeitskreisen.

Katharina C. Hamma ist als Chief Operating Officer (COO) operativ für alle Eigenveranstaltungen der Kölnmesse verantwortlich.
FOTO: KÖLNMESSE

Motek, Blechexpo, Schweisstec und Control, Bondexpo, Fakuma – das sind gewichtige Fachmessen aus dem Hause Schall, die in Stuttgart und Friedrichshafen (die Control zusätzlich auch in Parma) durchgeführt werden. An der Spitze des Unternehmens: Bettina Schall. Die Entwicklung und Umsetzung von Messeprojekten hat sie von der Pike auf gelernt, lange Zeit war sie federführend verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Firmengruppe. Seit zwei Jahren ist sie Alleingeschäftsführerin und managt mit einem kleinen Team und viel Engagement diese hochspezialisierten Fachmessen.

Ohne geballte Frauenpower könnte keine Messegesellschaft bestehen. Sie verantworten (Welt-) Leitmessen von Bauma bis Light + Building, von K bis Biofach, von Ambiente bis Euroshop, von Agritechnica bis Internorga, dennoch bleibt – von Hamburg bis Stuttgart – die Spitze „ganz oben“ sehr männlich: Messewirtschaft ist dort Männerwirtschaft. An der Spitze der Messeunternehmen, deren Gesellschafter in der Regel Städte und Bundesländer sind, sind nur wenig Frauen involviert – dabei sollten die öffentliche Hand und öffentliche Unternehmen in der intensiven Diskussion um Frauen in Führungspositionen eine wirkliche Vorbildfunktion übernehmen. So bleibt die Repräsentation und Teilhabe von Frauen in den Spitzenorganen öffentlicher Organisationen weiter ein wichtiges Thema für die Gesellschaft, Politik und Praxis – mit viel Luft nach oben.



Aber die Messegesellschaften arbeiten daran. Die Messe Berlin hat einen Frauenförderplan aufgestellt, der Mitte letzten Jahres intern verabschiedet wurde. Darin ist explizit das Ziel genannt, Frauen in unterrepräsentierten Führungsebenen zu fördern. Der Plan enthalte auch konkrete Maßnahmen, sagt das Unternehmen, äußert sich aber nicht weiter konkret. Eine Folge: Zum Stichtag 30. Juni 2017 hatte die Messe Berlin laut eigener Aussage über die drei oberen Führungsebenen hinweg tatsächlich Gleichstand (28 Männer, 28 Frauen) – also eine Frauenquote in Führungspositionen von 50 Prozent. Darin sind Geschäftsführung, Bereichsleitung, Abteilungsleitung und Projektleitung erfasst.

Die Messe München spricht davon, 42 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt zu haben. Die Kölnmesse hat den Anteil der Frauen im Unternehmen genauer aufgedröselt: Zum Ende des Jahres 2015 lag der Anteil weiblicher Führungskräfte im Aufsichtsrat bei 19 Prozent, auf der Führungsebene I bei 33 Prozent (neben Katharina Hamma sind in der Geschäftsführung Gerald Böse als deren Sprecher und Herbert Marner). Dünn wird es in Köln auf der Führungsebene II (Bereichsleiter) mit einem Frauenanteil von sechs Prozent, bei Führungsebene III (Gruppenleiter) liegt er bei 28 Prozent. Neue Zahlen will das Unternehmen im Rahmen seiner Jahrespressekonferenz am 17. Mai 2018 vorstellen. Bei den Kollegen auf der anderen Rheinseite sieht das Bild ähnlich aus: Der Anteil der Frauen an den Beschäftigten der Messe Düsseldorf beträgt – wie im richtigen Leben – etwa 50 Prozent. Wer jetzt denkt, die Führungspositionen seien ebenso paritätisch besetzt, der irrt. Dass der Weg dahin noch etwas weiter ist, zeigen die Zahlen: Im mittleren Management haben Frauen 34 Prozent der Führungspositionen inne. Damit hat sich der Wert in den letzten Jahren etwas erhöht und ist von 30 um vier Prozentpunkte geklettert. Immerhin. In der Messe Stuttgart sind gerade einmal 21 Prozent der Führungspositionen in weiblicher Hand – ein Fünftel.

Auf der Art Karlsruhe: Messechefin Britta Wirtz und Loth-Skulpturenpreisträger Christian K. Scheffel.
FOTO: KMK/JÜRGEN RÖSNER

Ganz anders im Osten. Rund 45 Prozent der Führungskräfte der Leipziger Messe sind weiblich. Einen hohen Prozentsatz weisen auch die Kollegen an der Elbe aus. Zum 31. März 2018 waren bei der Hamburg Messe und Congress 41 Prozent der Führungskräfte weiblich. Berücksichtigt wurden die Geschäftsführung, die Unternehmensbereichsleitungen (die gemeinsam mit der Geschäftsführung die Geschäftsleitung bilden), Stabs- und Geschäftsbereichsleitungen sowie Abteilungsleitungen.

Die Zahlen sind lediglich nicht repräsentative Momentaufnahmen, zeigen aber, dass noch viel zu tun ist. Dabei wollen alle im Business nicht in erster Linie als Frau wahrgenommen werden, sondern als Mensch. Sheryl Sandberg, prominente Facebook- Managerin, sieht Frauen erst dann am Ziel, wenn es in Zukunft keine weiblichen Führungskräfte mehr geben wird, sondern einfach nur noch Führungskräfte.  CHRISTIANE APPEL
 
Öffentliche Unternehmen sollten eine Vorbildfunktion übernehmen.
Momentaufnahmen zeigen, dass noch viel zu tun ist.
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