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COMMUNITY BUILDING

„Alles andere sind nur Tagungen“

Manche Konferenzen können sich glücklich schätzen, auf eine Community als Besucherschicht bauen zu können. Doch was machen das OMR Festival, das Cloudfest oder der Chaos Computer Club anders?

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an braucht nur einen Blick in die sozialen Medien zu werfen, um zu begreifen, dass es beim Cloudfest etwas anders zugeht als bei vielen Konferenzen: „Is it at every conference that the founder opens the event dressed in a @WilliamsRacing drivers suit?“, fragt sich Graeme Hackland, Chief Information Officer vom Williams Formel 1 Team. „What I’m learning is that #CloudFest is not a normal IT conference!“ Das ist das Cloudfest wirklich nicht. Das Treffen der Hosting- und Cloud-Branche findet von 23. bis 29. März 2019 im Europa-Park in Rust statt und ist vielmehr ein internationales Tech-Festival für die Branche, samt Rockmusik, Achterbahn und Karaoke. „Wir unterscheiden uns durch den Aspekt, dass wir eine Vendor-neutrale Konferenz sind, die aus der Community kommt und nicht von einer fach- 12 2|2019 fremden Event-Produktionsfirma ausgerichtet wird oder an eine Messe angegliedert ist“, sagt Timo Kargus, Business Development Manager bei Cloudfest.
         

Mehr als 200 Talks und Vorträge sowie eine Ausstellung auf der einen Seite und unzählige Side Events und Parties mit prominenten Musikern und DJs sowie einer Branchen-Rockband auf der anderen Seite sollen Teilnehmern, Ausstellern und Speakern das Community-Building erleichtern. Night- Talks, Karaoke, eine kubanische Nacht und einige der exklusiv für Konferenzbesucher geöffneten Attraktionen des Europa-Park unterstützen dabei natürlich. „Unsere Community ist seit dem Beginn des Events die treibende Kraft, da die World Hosting Days – die Vorgänger-Konferenz des Cloudfests – ursprünglich von Thomas Strohe als Teil der wachsenden Hosting-Community heraus gegründet wurde, um eine Plattform zu haben. Das haben wir nie aufgegeben sondern entwickeln uns mit der Community über die Jahre mit“, erklärt Kargus. „Die Community sieht in unserem Bereich der Industrie den Job ein wenig wie ein Hobby. Da die Industrie noch relativ jung ist, sind in vielen Unternehmen noch die Gründer und ursprünglichen Mitarbeiter dabei, die mit viel Involvement das Thema gestartet haben und sich seitdem beim Cloudfest treffen.“
     
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Das OMR Festival in Hamburg ist stetig am Wachsen. 2019 rechnen die Veranstalter mit 50.000 Besuchern.
FOTO: OMR, JULIAN HUKE
           


Wie sehr er den Community-Gedanken selbst lebt, zeigt Cloudfest-CEO Soeren von Varchmin auf seine Weise: Vor dem Event 2018 lässt er sich das Logo der Event-Marke „Cloudfest“ auf den Unterarm tätowieren. Kurze Zeit später gibt es erste Nachahmer, sodass von Varchmin die „#nofake Tattoo Challenge“ ins Leben ruft: Wer sich ein Tattoo mit dem Cloudfest-Logo stechen lässt, erhält ein gratis VIP-Ticket im Wert von 1.000 Euro für das Event. „Das war eine spontane Idee von Soeren und wir fanden es einfach witzig. Wir haben nie erwartet, dass Leute hierbei mitziehen und haben ein eher albernes Werbevideo dazu gedreht. Aber es haben sich dann wirklich fünf Leute tätowieren lassen“, sagt Kargus, der die enge Bindung an die Hosting-Gemeinde durchaus als Erfolgsrezept sieht, aber auch als Bürde: „Da wir selbst Teil der Community sind, ist es mit Sicherheit ein Erfolgsrezept, da viel aus der Branche heraus mitgetragen wird. Auf der anderen Seite werden wir dadurch wahrscheinlich aber auch stärker als andere Fachmessen daran gemessen, der Community gerecht zu werden.“ Der Ansatz funktioniert jedenfalls. Kamen 2011 noch 2.800 Besucher zum Vorgänger World Hosting Days, sind es 2019 über 7.000 Gäste.

Als Community versteht sich auch der Chaos Computer Club (CCC), dessen Kongress stetig wächst. 17.000 Besucher zählen die Veranstalter beim letzten Kongress 35C3 im Dezember in der Messe Leipzig. 2011 in Berlin waren es noch 3.000. Das jährliche Treffen der internationalen Hackerszene, von Technikfreunden, Bloggern, IT-Spezialisten und Aktivisten dreht sich um Cyber Security, Datenschutz, oder Technik-Gadgets, aber auch um gesellschaftspolitische Themen, wie beispielsweise Privatsphäre oder die im Frühjahr kontrovers diskutierte und inzwischen verabschiedete EU-Urheberrechtsreform. Der 35C3 besteht aus über 100 Vorträgen und unzähligen Workshops. Das Programm wird permanent angepasst und aktualisiert, ähnlich wie im Barcamp entstehen Workshops spontan, von den Besuchern initiiert. Und an in Eigenregie erstellten „Ständen“ – von zusammengerückten Bierzelt-Garnituren über eine Zeltinstallation bis hin zum Campingwagen – wird programmiert, gelötet, gebastelt und getüftelt oder wie es in der Fachsprache heißt „gehackt“.
   
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Chaos Computer Congress: Zwischen zusammengerückten Bierzelt-Garnituren oder Zeltinstallationen wird programmiert, gebastelt und getüftelt oder wie es im Fachjargon heißt „gehackt“. 
FOTO: FLICKR ELEKTROLLART

„Das, worauf wir am meisten stolz sind, ist die Tatsache, dass alles, was man hier sieht, in Eigenregie und ohne einen vorgefertigten Plan entsteht“, sagt „Presseengel“ Sebastian. „Wir treffen uns, jeder hat etwas dabei, und dann wird gebaut und gebastelt.“ Die Helfer, genannt Engel, sind zum größten Teil ehrenamtlich hier. „Wir haben knapp 2.000 freiwillige Helfer, wenn man alles hinzuzählt. Wer etwas beitragen kann, tut es. Ich bin heute Presseengel, andere kümmern sich um den Einlass bei Vorträgen, andere bereiten die Vorträge für den Webcast vor, wieder andere geben ein Tutorial. Wir begreifen uns als Teil einer Community.“

Für die Veranstalter eine ganz wesentliche Voraussetzung, damit der Kongress läuft und stetig wächst. „Das geht natürlich nur, weil wir sehr viele Menschen haben, die als Engel helfen, diese Veranstaltung zu wuppen“, sagt Frank Rieger, einer der Sprecher des CCC beim jährlichen Rückblick zur Veranstaltung. „Das ist im Grunde der Kern dessen wie der CCC funktioniert. Dass wir alles, was irgendwie geht, mit freiwilliger Arbeit abdecken.“ Dass dank der freiwilligen Helfer mitunter die Professionalität leidet, nimmt der Verein – denn das ist der Chaos Computer Club – gerne in Kauf, schließlich haben „die Menschen, die sich für den Club engagieren auch ein ,normales‘ Leben, gehen normaler Arbeit nach. Alles, was sie für den Club tun, leisten sie freiwillig und in ihrer Freizeit. Allerdings tun sie es, weil sie daran glauben und weil sie es gerne möchten“, zeigt sich Rieger stolz.
   

Für die Zukunft sehen die Veranstalter eine der größten Herausforderungen darin, „die Community, die immer größer wird, trotzdem beieinander zu halten, und dieses Kongressgefühl, dieses Familiäre zu bewahren“, so Rieger. Wie es bislang gelingt, die Community zu pflegen, erklärt Linus Neumann, ebenfalls Sprecher für den CCC. Er nennt unter anderem das Projekt Chaospatinnen, das insbesondere Erstbesucherinnen und Personen, die nicht der stark repräsentierten Gruppe cis, männlich, weiß angehören, ein Willkommen bereiten und den Einstieg in den Kongress erleichtern soll. „Zudem gibt es ein Awareness-Team, das sich darum kümmert, dass alle einen vernünftigen Umgang miteinander pflegen. Ich finde, das ist die eine Sache, über die wir uns alle einig sein sollten“, sagt Neumann und erntet Applaus. Darüber hinaus gibt es Gebärdensprachendolmetscher, Live-Übersetzer oder ein Team, das Menschen aus dem autistischen Spektrum näher betreut. „Und das kommt alles aus unserer Community heraus“, sagt Constanze Kurz, die weibliche Sprecherin des CCC. „Wir sind extrem stolz, dass parallel zur steigenden Besucherzahl des Kongresses auch die Helferzahl steigt. Außerdem ist es so, dass wir hier tatsächlich Teilnehmer haben und keine Konsumenten.“

Der Community-Ansatz zieht sich wie ein roter Faden durch den Kongress. Nahezu die komplette Abwicklung und Organisation funktioniert in Eigenregie und aus der Community heraus. Niemand wird ausgeschlossen: Es gibt Unisex-Toiletten, Kinderbetreuung sowie ein großes Angebot für Familien. Es gibt einen großen „Kidsspace“ zum Entdecken, Toben, Hacken und Bällebaden und am 28. Dezember 2018 übernahmen Junghacker die Veranstaltung. Natürlich in Begleitung. Außerdem verfolgt der CCC ein solidarisches Ticketkonzept: Drei Viertel der Besucher 2018 haben freiwillig mehr bezahlt, um den Kongress zu unterstützen und auch denjenigen einen Besuch zu ermöglichen, die sich diesen nicht leisten können. Damit wird auch das inklusive ÖPNV-Ticket für Leipzig finanziert. Kurz: „Das ist ein Charaktermerkmal dieses Kongresses, das wir auch unbedingt erhalten wollen.“
    

         
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Auf den Hund gekommen: Die Hosting-Community tagt entspannt auf dem Cloudfest im Europa-Park. 
FOTO: CLOUDFEST

Dass man sich nicht ohne weiteres eine Community aufbauen kann, weiß der Gründer der Online Marketing Rockstars (OMR), Philipp Westermeyer: „Das Organische ist ganz wichtig. Wachstum lässt sich nämlich nicht einfach einkaufen. Man braucht Geduld und einen langen Atem. Wir selbst haben fast zehn Jahre gebraucht, um uns unsere Position zu erarbeiten. Sich eine Community aufzubauen, lässt sich nicht künstlich beschleunigen.“ Das große Flaggschiff seiner Firma ist das OMR Festival am 7. und 8. Mai 2019 in Hamburg. Angefangen als kleine Konferenz mit rund 200 Gästen, erwartet Westermeyer 2019 stolze 50.000 Besucher. Um sich eine Community zu erarbeiten, haben sich die Online Marketing Rockstars mit einer ganzjährigen Präsenz – angefangen mit einem Newsletter, kleinen Events das ganze Jahr über, einer Whatsapp-Gruppe, Podcasts, einer Website als Nachrichtenkanal und eben dem großen Festival – kontinuierlich zu einer Medienmarke hin entwickelt. „Veranstalter sollten ihr Produkt auf jeden Fall selbst formen und nicht auf Standards zurückgreifen, die eine Event-Agentur empfehlen würde“, empfiehlt Westermeyer. „Authentizität erreicht man, indem man Dinge selbst tut, nicht outsourced und sich nicht reinreden lässt. Ich glaube, man sollte sich selbst – denn man ist ja im Optimalfall Teil seiner eigenen Community – in die Lage versetzen, wie man die Veranstaltung gerne hätte. Worauf hätte ich denn selbst Lust, wenn ich auf das Event gehe?“
    

Eine nicht ganz alltägliche Herangehensweise verfolgt auch die Konferenz „Lean Around The Clock“ (LATC), die sich – wie es der Name bereits verrät – nahezu rund um die Uhr mit Lean Management, also effizientem, kundenzentriertem Unternehmens-management befasst. „Wir verfolgen den Ansatz des Schaffens eines hierarchiefreien Raumes, in dem sich Lean-Interessierte unabhängig ihrer Herkunft – also Branche und Stellung im Unternehmen – auf Augenhöhe austauschen können. Wir verstehen uns als Raumgestalter und nicht Kongressanbieter, wir sind auch keine Fachtagung“, sagt Ralf Volkmer, Organisator und Initiator von LATC. Die Konferenz bezeichnet sich selbst als „Klassentreffen der #GermanLeanCommunity“. „Die Community besteht bereits“, sagt Volkmer über LATC. „Jedoch ist diese quasi zersplittert. Wir verstehen unsere Aufgabe darin, die einzelnen kleinen Communities zu bündeln.“


Seinen 650 Teilnehmern rollt Volkmer am 21. und 22. März 2019 in Mannheim nicht nur sprichwörtlich den roten Teppich aus, er tut es tatsächlich und begrüßt jeden Besucher per Handschlag. „Wir wollen, dass all diese unterschiedlichen Menschen ohne Standesdünkel und Selbstbeweihräucherung miteinander ins Gespräch kommen können, der Heizer tief unten aus dem Maschinenraum ebenso wahrgenommen wird, wie der Kapitän auf der Brücke. Das ist uns einfach wichtig“, so Volkmer. Die zwei Tage mit 40 „Impulsgebern“, acht „Themenboxen“, einer Schlagerparty und der spontanen Gründung des „#LATCleanChores“ empfindet Besucher Prof. Dr. Andreas Syska als Besonderheit: „LATC – alles andere sind nur Tagungen. Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen, die ich in den letzten zwölf Monaten erleben musste, spürte man hier das Herzblut der Beteiligten.“ Und das ist eine Gemeinsamkeit, die „Lean Around The Clock“ mit Veranstaltungen wie dem OMR Festival in Hamburg, dem Chaos Computer Congress in Leipzig oder dem Cloudfest in Rust durchaus teilt.
CHRISTIAN FUNK
   
www.cloudfest.comwww.ccc.dehttps://leanbase.de/latc/2019www.omr.com
„Unser Awareness-Team kümmert sich darum, dass alle vernünftig miteinander umgehen. Das ist die eine Sache, über die wir uns alle einig sein sollten.“
Linus Neumann, Sprecher Chaos Computer Club
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