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INTERVIEW MIT MARKUS VON DER LÜHE

„Die Teilnehmer müssen ins tun kommen“

Markus von der Lühe, Gründer und CEO der Digitalkonferenz Year of the X, über Diskussionsbedarf und Aufklärungsbedarf zum Thema Digitalisierung, die Chancen für Veranstaltungen und über Affen, Ziegen und Hähne.

m+a/tw: Web Summit, Republica, Dmexco und seit 2015 auch Year of the X… Warum braucht es solche Digitalkonferenzen?
Markus von der Lühe:
Sicher gibt es einige Veranstaltungen, die eine ähnliche Herangehensweise und einen ähnlichen Fokus wie wir haben. Aber Sie müssen auch eine gewisse Notwendigkeit für Digitalkonferenzen bedenken. Neue Technologien entwickeln sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, viele Sachverhalte sind für das menschliche Gehirn immer schwieriger nachzuvollziehen. Der Aufklärungsbedarf für Menschen, die diese Technologien anwenden sollen, ist also immens. Zum anderen existieren viele Chancen im Zuge der Digitalisierung. Die Singularity University geht sogar davon aus, dass Technologien grundsätzlich dazu in der Lage sind, die Probleme der Menschheit zu lösen. Natürlich ließe sich darüber streiten, Fakt ist aber, dass neue Themen, Technologien und Fragestellungen in einem rasanten Tempo entstehen. Was das alles für unsere Zukunft, für die Arbeit, für die Bildung, das Zusammenleben bedeutet, behandeln wir mit einzelnen Themensträngen. Denn dazu besteht Diskussionsbedarf. Es ist aus meiner Sicht also schlicht notwendig, dass es spannende Formate geben muss, um einerseits mögliche Entwicklungen ab- und einschätzen, und andererseits neue Technologien kennenlernen und verstehen zu können.

Kann so etwas auf einer Konferenz überhaupt geschehen?
Wenn Sie die Teilnehmer mit den Technologien arbeiten lassen, schon. Bei unserem Festival entwickeln die Besucher in Workshops aktiv am Prototyp einer App mit. Oder sie hacken sich – unter Anleitung versteht sich – selbst in Systeme ein und lernen so gewisse Gefahren und Schwachstellen des Internets kennen.

Die Teilnehmer müssen ins Tun kommen. Darüber hinaus haben wir einen Touch Tech Room installiert.

Inwiefern unterscheiden Sie sich von anderen Konferenzen?

Zum Beispiel durch eben jene aktive Einbindung der Teilnehmer – ich weiß, dass das viele Konferenzen von sich behaupten… Wir wollen kein klassisches Format sein, bieten im Gegenteil viele interaktive Formate an. Unsere Vorträge finden nur am Vormittag statt und sind auf 15 Minuten begrenzt. Zudem leben wir Diversität: Bei unserer letzten Veranstaltung im November 2016 in Hamburg waren 70 Prozent unserer Speaker weiblich.

Das sind aber keine Alleinstellungsmerkmale...
Nein, was uns meiner Meinung nach tatsächlich unterscheidet, sind eine gewisse Portion Emotionalität, auch Intimität. Wir wollen in einem technologisierten Umfeld, in dem wir uns nun mal befinden, einen positiven Wandel anregen. Das lässt sich nicht ohne Weiteres erzeugen und fängt bereits bei der Auswahl der Location an. Zuletzt in Hamburg waren wir in der Markthalle, in München im April sind wir in einem Kulturzentrum. Wichtig ist die Breite der Themen und der Disziplinen, die bei uns vertreten sind. Bei uns referiert genauso eine Bestseller-Autorin aus den USA, die Mafiabosse interviewt hat, wie ein Aktivist über Big Data. Speaker von IBM oder Airbnb bekommen genauso eine Bühne wie ein buddhistischer Mönch oder ein Yogi. Derzeit entsteht ein Projekt zwischen einem Neurowissenschaftler und einem Robotics-Forscher, das auf einer unserer Veranstaltungen entstanden ist. Das ist genau das, was wir erreichen wollen: Unterschiedliche Disziplinen zusammen zu bringen und daraus eine echte Community aufzubauen. Außerdem öffnet Vielfalt den Blick für Neues und Innovationen, und es lassen sich einfacher Emotionen transportieren, die – das basiert auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen – notwendig sind, um nachhaltig Wissen zu vermitteln. Wir verfolgen hier ein ganzheitliches Konzept und versuchen, eine stark emotionalisierte Marke aufzubauen…

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FOTOS: YEAR OF THE X

…die qua natura eine gewisse Dynamik mit sich bringt.

Ja. Wir gehen nach dem Kalender der chinesischen Tierkreiszeichen. Nach der Premiere mit dem Year of the Goat kam das Year of the Monkey. Während die Ziege eher störrisch ist und sich in unserem Bild gegen Veränderungen sträubt, ist der Affe offen für Neues und auch ein bisschen verrückt. Das berücksichtigen wir bei der Auswahl der Themen und Speaker. Im nächsten Jahr ist der Hahn dran, dem wir die Attribute zuschreiben, dass er sehr zielorientiert ist, mutig, energiegeladen, aber auch Regeln bricht. Es bieten sich also beispielsweise Hacker an, aber auch ein Basejumper. Der chinesische Kalender bringt uns jedes Jahr einen neuen, anderen Charakter, so bleiben wir offen für neue Themen.

Sie setzen bewusst auf eine lockere Atmosphäre und ermutigen zu mehr Mut im Umgang mit der Digitalisierung. Sind die Deutschen zu ängstlich?
Absolut. In Deutschland herrscht eine gewisse Paranoia, vor allem im Umgang mit Daten. Das liegt wohl in unserer Historie begründet. Viele haben tatsächlich Angst vor Big Data & Co. Ich bin aber der grundsätzlichen Meinung, dass, wenn Dinge aus Angst heraus geboren werden, es nicht gut ist. Es bringt auch nichts, sich gegen Veränderungen zu sträuben, die ohnehin kommen werden. Wir sollten viel offener sein. Die moderne Gesellschaft erfordert einfach Transparenz. Digitalisierung oder Big Data zu blockieren, ist auch einfach nicht mehr zeitgemäß.

Digitalisierung beschäftigt – wie überall auch – sowohl die Welt der Messen als auch der Kongresse. Sind diese Branchen aus Ihrer Sicht offen für eine „Disruption“?
Ich glaube nicht, dass hier in irgendeiner Form ein Unterschied zu anderen Branchen existiert. Überall gibt es Dinosaurier, die sich gegen Entwicklungen wehren und es gibt Schnellbote, die im Fluss der Veränderungen mitschwimmen und offen für Neues sind. Wer Angst davor hat, dass etwas schiefgehen könnte, wer sich nicht traut, auch einmal ungewohnte Bahnen zu betreten, wird entweder nachziehen und läuft dem neuesten Stand immer mit einem gewissen Rückstand hinterher, oder wird untergehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass im Bereich des Messe- und Kongresswesens diejenigen Unternehmen in Zukunft erfolgreich sind, die Risiken eingehen und nicht in Traditionalität versumpfen.

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Werden Messen und Kongresse besser, wenn Sie digitaler werden?

Ich denke schon. Nehmen wir dieses ganz einfache Beispiel: Allein mit einer guten Event-App können Sie mit Kongressteilnehmern interagieren, mit einem gedruckten Programm… nun ja. Sie haben auch einen ganz anderen Spielraum. Bei einem unserer Festivals hat ein italienischer Abenteurer seinen Flug verpasst und konnte deswegen nicht als Speaker auftreten. Als er mit erheblicher Verspätung trotzdem kam, konnten wir kurzerhand mit ihm einen individuellen Workshop auf die Beine stellen, wozu sich die Teilnehmer über die App anmelden können. First come, first serve. Das Ding war in 50 Sekunden ausgebucht. Und wenn man die Möglichkeiten durch Virtual Reality, Big Data usw. weiter denkt, beantwortet sich die Frage von selbst. Fakt ist, dass auf den meisten Konferenzen nicht wirklich ein Austausch stattfindet. Das muss man aufbrechen, wenn diese Formate eine Zukunft haben wollen. Dazu eignen sich digitale Elemente hervorragend.

Auf Ihrem Festival wird Digitalisierung thematisiert und im „Touch Tech Room“ werden neue Technologien getestet – völlig gegensätzlich dazu finden aber auch Yoga-Sessions statt…
Diesen – vordergründigen – Widerspruch gehen wir bewusst ein. Durch die Befeuerung auf unterschiedlichsten Kommunikationskanälen fällt es Menschen immer schwerer, bei sich zu bleiben. Dieser Kontrast ist aus unserer Sicht wichtig für eine gewisse Balance.

Wo geht die Reise für Year of the X noch hin?

Zum einen wollen wir international werden. Es gab bereits lose Anfragen und Gespräche beispielsweise mit London und sogar Sydney, aber dazu müssen dann alle Rahmenbedingungen passen. Im Moment gibt es keinen konkreten Plan. Zum anderen wollen wir auch noch wachsen. Für unsere Veranstaltung kommenden April in München planen wir mit 1.000 Besuchern.

VON ROBO-BUTLERN UND MORPH-HOTELS

Das Portal Hotels.com hat gemeinsam mit Zukunftsforscher Dr James Canton (CEO, Institute for Global Futures ) zehn (gewagte) Thesen zum Hotel der Zukunft aufgestellt. So sieht die Hotelwelt 2060 aus:

1. Morph-Hotels: Hotels der Zukunft verändern – je nach Kundenwunsch – dank Nanotechnologie Design und Gebäudeform. Auch die Umgebung lässt sich anpassen. 

2. 3D-Drucker auf dem Zimmer:
Damit lässt sich mühelos das Gepäck reduzieren. Diese Drucker stellen auf Knopfdruck Zahnbürsten oder sogar Kleidungsstücke her.

3. Robo-Butler: Autonome Roboter können individuell auf die Bedürfnisse des jeweiligen Gastes programmiert werden. Welcher Service darf es sein? Abholung vom Flughafen? Zimmerservice? Stadtführung? Unterhaltung?

4. Wunschträume:
Dank zukünftiger Neurotechnologie ist es möglich, Träume vor dem Zubettgehen festzulegen. Im Schlaf lässt es sich nun relaxen, lernen oder Abenteuer erleben. Spaziergang auf dem Mond oder lieber eine Romanze?

5. Pop-up-Hotels:
Crowdsourcing sei dank: Standort, Design und Thema temporärer Hotels entstehen nach „demokratischem“ Prinzip. Diese Pop-up-Hotels bauen sich größtenteils alleine, unter Zuhilfenahme von 3D-Druckern, Solarenergie und Nanotechnologie. Gäste zahlen übrigens mit der digitalen Währung HotelCoin.

6. Spa 2.0:
Vorbei die Zeiten schnöder Massagen und Saunagänge. 2060 basieren Spa-Anwendungen auf den Genen des Gastes. DNA Analysen legen die personalisierte Behandlung, Ernährung und das Fitnessprogramm fest.

7. Hyper-Antrieb:
Der Flughafentransfer wird durch selbstfliegende Roboter total entspannt. Aber nicht nur das: „HyperLoops“, also Überschall-Luftfahrzeuge, legen hunderte Kilometer in wenigen Sekunden zurück!

8. Reise-Avatar:
Persönliche Avatare übernehmen die Reisebuchung von A-Z. Die Assistenten funktionieren wie „Siri“ oder „Alexa“, können aber viel mehr.

9. DNA-Payment:
Die ultimative Sicherheitslösung für Mobile Payment ist die persönliche DNA. Über die DNA-Identifizierung werden aber nicht nur Buchungen und Zahlungen abgewickelt, auch beim Check-in im Hotel genügt ein Fingerabdruck.

10. CO2-neutral:
Umwelt-Hotels der Zukunft sind tatsächlich „grün“, versorgen sich selbst, erzeugen erneuerbare Energien und sind absolut Co2-neutral.

Leidet bei einer solchen Größe nicht die angesprochene Intimität?

Sie haben recht. Das kann fast nur gelingen, wenn wir ein noch interaktiveres Programm auf die Beine stellen, noch mehr Workshops, Barcamps und Fireside Chats. Wir werden auch weiter auf die Diversität achten. Allerdings haben wir parallel auch eine kleine Veranstaltung ins Leben gerufen, die 33 Monkeys. Hier lassen wir nur 33 Gäste zu, wieder aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Die Gäste müssen sich auch bewerben.

Wie sehen Veranstaltungen in Zukunft aus?

Ich bin davon überzeugt, dass Virtual, beziehungsweise Augmented Reality im Umfeld von Kongressen eine große Rolle spielen wird. Wir hatten auf unserem Festival ja ein Virtual-Reality-Popup-Cinema, um die Möglichkeiten einmal kennenzulernen. Wenn die Brillen einmal besser werden, wird ganz viel in der Richtung passieren. Speaker, die auf die Bühne als Hologramm projiziert werden zum Beispiel. Events werden definitiv hybrider. Auch Robotik wird eine große Rolle spielen. Da bin ich mir sicher. Die Frage ist nicht ob, sondern wann.

INTERVIEW: CHRISTIAN FUNK 

Über Year of the X

Year of the X versteht sich als Community, die Festivals und Workshops rund um die Themen Innovation und digitale Evolution organisiert. Die Events von Year of the X zeichnen sich durch unkonventionelle Locations wie Boote und Alpenhütten sowie eine enorme Bandbreite unterschiedlichster Sprecher und Workshop-Gastgeber aus, die von buddhistischen Mönchen und kreativen Querdenkern über Technologie- und Wirtschaftsführer bis hin zu Bestseller-Autoren und Künstlern reicht. Zum Festival Year of the Monkey im November in Hamburg kamen 600 Gäste. Das nächste Festival Year of the Rooster findet am 27. April 2017 im Münchener Kulturzentrum Backstage statt.
 
www.yearofthex.com

ZUR PERSON

Markus von der Lühe ist Gründer und CEO von Year of the X, das unter anderem das Innovationsund Digitalfestival Year of the X veranstaltet. Markus von der Lühe lebte elf Jahre in Australien, baute ein Mobile Business im Silicon Valley auf und ist ein Experte im Bereich digitale Medien und Transformation. Er war für Unternehmen wie Ogilvy, PWC Consulting, Nielsen sowie MSN tätig.
„In Deutschland herrscht eine gewisse Paranoia vor allem im Umgang mit Daten.“
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„Events werden definitiv hybrider ...“
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