Image №1

EVENT TECHNOLOGY

Einfach nur ein gutes Instrument?

Digitalisierung teleportiert Menschen in andere Räume, fährt Autos und wählt Präsidenten. Oder nicht? Zumindest beeindrucken die Möglichkeiten. Die digitale Veranstaltungswelt reicht von Open Innovation über 3D-Hologramme in Hotels, Liveübertragungen von Operationen in Messehallen bis zur Event-Organisation in der Cloud.

D
igitalisierung? „Die größte Bereicherung seit der Erfindung des Automobils“, findet Daimler-Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche. „Viele Menschen machen sich Sorgen, ob sie im digitalen Zeitalter überhaupt noch gebraucht werden“, mahnt hingegen Siemens-Chef Joe Kaeser. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt, die Digitalisierung lasse sich nicht aufhalten, sie lasse sich nur gestalten. „Sie wird falsch und übertrieben eingeschätzt“, behauptet wiederum der Zukunftsforscher Matthias Horx und sagt Digitalität sei „einfach nur ein gutes Instrument.“ Man kann dem Thema mit gemischte Gefühlen gegenüberstehen, kann einen Hype sehen oder eine Hysterie, klar ist jedenfalls, dass die Digitalisierung beeinflusst. Ein paar Beispiele gefällig?

Digitalisierung kann alles. Sogar im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Zumindest sind die US-Geheimdienste davon überzeugt, dass Russlands Präsident Wladimir Putin dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump ins Amt verholfen hat. Indem er eine Cyberkampagne angeordnet habe, um Trumps Rivalin Hillary Clinton zu schwächen. Der vermeintliche Einfluss von Hackern auf die Wahlergebnisse in den USA war auch Thema auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs zwischen dem 27. und 30. Dezember 2016, Europas wichtigster Hacker-Konferenz. Übrigens die letzte Veranstaltung im Congress Center Hamburg, bis das CCH nach umfangreicher Modernisierung und Umbau 2019 wieder öffnet. Auch wenn in Hamburg mitunter Skepsis herrscht – zum Beispiel behaupten die Sicherheitsexperten Halderman und Bernhard von der Universität Michigan, die US-Wahl sei nicht gehackt worden –, besteht zumindest Einigkeit unter den Hackern, dass eine direkte Manipulation von Wahlergebnissen zumindest möglich ist. Apropos Trump:

Digitalisierung weiß alles. Ende  2016  sorgte  ein  Artikel  der  Schweizer  Zeitung 
„Das Magazin“
 für Aufsehen, als er den Wahlsieg Trumps Big Data zuschreibt. Das Unternehmen Cambridge Analytica habe im Auftrag Trumps dank „Better audience targeting“ Daten aus sozialen Netzwerken genutzt, um potenzielle Trump-Wähler zu identifizieren. Der Artikel beschreibt, wie verschiedene Facebook-Likes dabei halfen, Persönlichkeitsprofile zu erstellen. Die Methode läge Erkenntnissen der Psychometrie zugrunde, einer Wissenschaft, die sich mit der Methode des psychologischen Messens befasst. Bereits 70 Facebook-Likes würden genügen, um eine Person besser einschätzen zu können als ein Freund. Der Anteil von Cambridge Analytica an Donald Trumps Wahl wird unter Experten in Frage gestellt. Nicht aber, dass Big Data eine tragende Rolle gespielt hat.
Image №14
Ist das eine Idee für Veranstaltungen? Facebook-CEO Mark Zuckerberg überrascht auf einer Samsung-Pressekonferenz 2016 mit analoger Präsenz. Die Pressevertreter sehen ihn im gleichen Augenblick nur in Virtual Reality.
FOTO: FACEBOOK

Digitalisierung hört alles. Und zwar aufs Wort. Auf der Technikmesse CES, die von 5. bis 8. Januar 2017 in Las Vegas stattfand, waren vor allem die Sprach-Assistenten wie Siri (Apple) oder Alexa (Amazon) in aller Munde. Die Erkenntnis: Sprache wird der Weg, vernetzte Geräte zu steuern. Insgesamt wurden auf der CES etwa 700 neue Geräte oder Dienste vorgestellt, die mit Amazon Alexa arbeiten. Vom smarten Kühlschrank von LG bis zum Automobil von BMW. Roboter gibt es auch: Kuri von Mayfield Robotics kann mit Kindern spielen, fährt selbständig und sieht über Sensoren und Kamera stets „nach dem Rechten“. Das Start-up gehört zum Bosch-Konzern und soll Ende 2017 in den USA auf den Markt kommen.

Digitalisierung steuert alles.
Nicht nur selbstfahrende Automobile. Bereits 2015 gab es auf der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt eine Halle, in der keine Fahrzeuge ausgestellt waren, sondern smarte Bordcomputer, Apps und intelligente Fahrassistenten. Experten vom Center of Automotive Management (CAM) gehen davon aus, dass der Anteil der Wertschöpfung eines Autos künftig immer stärker der Elektronik zuzuschreiben ist. Das Szenario: Eines Tages sind es nicht mehr die Technologieunternehmen, die der Automobilindustrie zuliefern, sondern BMW, Volkswagen und Opel mutieren zu Karosserie-Lieferanten für die „Automotive- Giganten“ wie Google oder Microsoft. Ein Apfel anstelle eines Sterns als Statussymbol auf der Kühlerhaube? Zumindest keine Utopie mehr…

Digitalisierung macht alles lebendiger. Ein bisschen zumindest. Dank Virtual und Augmented Reality können Erfahrungen „erlebbarer“ gemacht werden. Microsoft hat eine neue Anwendung entwickelt, die Menschen ins Sichtfeld seiner Augmented-Reality-Brille Hololens „beamt“. „Holoportation“ nennt sich der Spaß, den der Microsoft-Forscher Sharam Izadi in einem Video mit seiner Tochter demonstriert.


Auch wenn Experten die Technik als noch nicht ganz ausgereift bewerten – eine Begegnungsindustrie wie die Messe- und Kongresswirtschaft sollte eine Technologie, die Menschen aus verschiedenen Orten zusammenbringt, ganz genau im Auge behalten.

Die Veranstaltungswirtschaft beschäftigt sich intensiv mit dem Thema. Keine Messe ohne Digitalforum, kein Kongress, der nicht die Chancen der Digitalisierung für verschiedene Branchen beleuchtet, keine Keynote, die nicht digital daherkommt. Das scheint sich auszuzahlen. Blickt man hinter die Kulissen vieler Veranstaltungen und deren Organisation, lässt sich nüchtern konstatieren: Die Digitalisierung wird in der Branche tatsächlich wie von Horx beschrieben als „gutes Instrument“ genutzt – mitunter seit Jahren.

So setzt die Messe München bereits seit 2013 auf Open Innovation. Das Prinzip: Lassen wir unsere Probleme von Experten lösen. Ausstellende Unternehmen schreiben wissenschaftliche Fragestellungen auf einer zur jeweiligen Messe gehörigen Online-Plattform aus und Experten aus einem Netzwerk geben Antworten. Anschließend wählt das Unternehmen die für sich optimale Lösung aus und prämiert sie mit einem Preisgeld. So weit, so simpel. Die US-Weltraumbehörde Nasa hat über Open Innovation eine Testmethode für Kevlar-Bauteile initiiert. Zur Bauma 2016 hat die Messe München eine Partnerschaft mit den Amerikanern von Innocentive verkündet. 375.000 Personen verschiedener Fachrichtungen gehören dem Expertennetzwerk an.

Image №12
Innovativ: Spektakuläre Projektionen wie hier auf der Technikmesse CES (Consumer Electronics Show) in Las Vegas.
FOTO: CES (CONSUMER ELECTRONICS SHOW)
In der Leipziger Messe treffen sich jährlich rund 5.000 Gefäßmediziner zum Leipzig Interventional Course (LINC), der schon 2013 in einer Studie des German Convention Bureau (GCB) als Best- Practice-Beispiel für den „Kongress der Zukunft“ vorgestellt wurde. Auf diesem Kongress wurden zuletzt vom 24. bis 27. Januar 2017
innovative Operationsmethoden aus 14 Krankenhäusern
 weltweit live auf große Leinwände in die Halle übertragen. Parallel dazu wurden Miniaturkamera–Aufnahmen der Gefäße gezeigt, um die Operations-Technik exakt darzustellen. Die Kongressbesucher in Leipzig können währenddessen den operierenden Arzt in New York, Galway oder Lille mit Fragen löchern.

Nachhaltigkeit im Sinne der Wissensvermittlung ist ein Ansatz, den der Dienstleister Meta-Fusion verfolgt, bekannt vor allem durch die Übertragungen der Webcasts für die European Society of Radiology (ESR) oder die Weltklimakonferenzen der Vereinten Nationen. Das Unternehmen streamt während des Europäischen Radiologenkongresses (ECR) vom 1. bis 3. März 2017 in Wien aus vielen Räumen parallel hunderte Vorträge, Symposien oder Round Table Discussions live. Mit dem digitalen Service „Congress Resources“ wird die Menge an Wissen und Information nachhaltig aufbereitet. Nicht nur, dass die Webcasts auch im Nachgang anzusehen sind, die Aufzeichnungen der Vorträge ermöglichen auch eine komplette Foliennavigation – durch die Folien des Referenten – und eine Volltextsuche. Ein spannender Service aus Sicht des Veranstalters.

Den Servicegedanken in technologischer Hinsicht verfolgt auch die NH Hotel Group. Zu ihrem Programm „High Tech Made Easy“ gehört eine 3D-Hologramm-Technologie, die das Abbild eines Speakers live auf die Bühne projiziert, beispielsweise aus dem NH Hotel Barcelona in das NH in Berlin.

Zudem bietet das Unternehmen mit dem Smart Room System Videokonferenzen an. Aus Sicht von Rufino Pérez, Chief Commercial Officer der spanischen Hotelkette, bildet dies einen Wettbewerbsvorteil: „Die NH Hotel Group ist die einzige Hotelkette, die diese Technologien in ihren eigenen Geschäftsräumen anbietet, so dass wir sie sechs bis zehn mal wirtschaftlicher anbieten können als jeder Anbieter auf dem Markt.“

Technologien dienen nicht nur zur Verbesserung auf Veranstaltungen selbst. Gerade bei der Organisation, beim Abwickeln von Prozessen, wird die Digitalisierung immer wichtiger. Instrumente, die viele Bausteine der Event-Organisation abdecken, sind Eventmanagement-Systeme wie beispielsweise Cvent. Cvent gab Ende 2016 eine Fusion mit Lanyon Solutions bekannt. Die beiden Unternehmen verfügen zusammen über mehr als 800 Technologiefachleute und 700 Mitarbeiter. Mit ca. 28.000 Kunden in 100 Ländern und über zwei Millionen durchgeführten Events sowie mehr als 50 Milliarden US-Dollar Umsatz bei den RFPs (Request for Proposal) ist Cvent – die zusammengeführte Firma wird unter diesem Namen weitergeführt – damit unangefochtener Marktführer.

DIE 4 WICHTIGSTEN TRENDS AUF DER CES

Mit mehr als 3.800 Austellern und rund 175.000 Besuchern zählt die CES weltweit zu den wichtigsten Messen für Consumer Electronics. Im Vorfeld der 50. Ausgabe (5. bis 8. Januar 2017 in Las Vegas) hatte der Digitalverband Bitkom die vier wichtigsten Tech-Trends ausgemacht.

1. Mobilität 4.0 - Autonomes Fahren. Einer Bitkom-Befragung zufolge können sich 68 Prozent der deutschen Autofahrer vorstellen, in bestimmten Situationen die Kontrolle ihres Fahrzeugs an einen Autopiloten abzugeben.

2. Digitale Sprachassistenten - von Amazon Echo bis Google Home. „Die Assistenten stellen eine neue Schnittstelle zwischen Mensch und Internet dar”, sagt Timm Lutter, Bitkom-Experte für Consumer Electronics und Digital Media. Nach einer aktuellen Befragung aus dem November 2016 im Auftrag des Bitkom können sich vier von zehn (39 Prozent) Bundesbürgern vorstellen, solche stationären Sprachassistenten zu nutzen.

3. Virtual Reality. Jeder elfte Deutsche (9 Prozent) hat bereits eine Virtual-Reality-Brille ausprobiert und fast jeder dritte (31 Prozent) kann sich vorstellen, dies künftig zu tun. Das zeigte eine Bitkom-Studie im vergangenen Jahr. Laut einer Marktprognose von Bitkom und dem Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte erreicht der Umsatz mit Virtual Reality in Deutschland bis 2020 eine Höhe von einer Milliarde Euro.

4. Internet der Dinge. Der Begriff bezeichnet die intelligente Vernetzung von Gegenständen, die per Internet kommunizieren und so verschiedene Aufgaben für ihren Besitzer erledigen. Neben der Unterhaltungselektronik (Smart-TVs) steht beispielsweise das Smart Home im Zeichen der Vernetzung. So senden etwa Haushaltsgeräte Wartungsinformationen an das Smartphone und mit dem Tablet lässt sich die Heizung steuern.

Markus Laibacher, Cvents Regional Manager Event Solutions, erklärt, was mit der Software möglich ist. „Im Prinzip kann ich den gesamten Event-Lifecycle abdecken.“ Eventplaner, die sich für diese Softwarelösung entscheiden, haben ein Tool, das gleichzeitig Online-Eventregistrierungen, Veranstaltungsortswahl, Eventmanagement, mobile Apps für Events (Apps der Cvent-Tochter Crowdcompass wurden bereits 5,5 Millionen mal genutzt), E-Mail-Marketing und Online-Umfragen abdeckt.


Seit 2013 mit einem Büro in Frankfurt vertreten, konnte das US-amerikanische Unternehmen namhafte Kunden wie die Pharmakonzerne Merck, Roche und Novartis oder Größen wie Siemens und Adidas als Kunden gewinnen, die allesamt ihre Events mit Cvent organisieren. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Vereinten Nationen nutzt die cloud-basierte Software. Das ist ein von Laibacher gerne genanntes Beispiel, haben Kunden doch oftmals datenschutzrechtliche Bedenken bei einer Cloud-Lösung.

Auch wenn sich das Europageschäft des Unternehmens gerade sehr positiv entwickelt, sieht David Chalmers, Marketing Director Cvent Europe, noch einiges an Überzeugungsarbeit vor sich. „Unser Hauptziel ist es, den Markt noch mehr über die Vorzüge von Event-Technologien aufzuklären.“ Amerikanische Unternehmen sind aus seiner Sicht als Anwender in diesem Feld der europäischen Konkurrenz einen Schritt voraus.

Matthias Schultze, Geschäftsführer des German Convention Bureau, sieht die deutsche Messe- und Kongresswirtschaft allerdings gut aufgestellt: „Unsere Veranstaltungsbranche ist eine der digitalsten Branchen überhaupt“, lässt er im Rahmen des Digital and Innovation Day in Darmstadt im Dezember 2016 verlauten.

Welche Trends man in Zukunft im Blick haben sollte, beschäftigt den amerikanischen Event-Technologie-Experten Corbin Ball. Er hat die sieben wichtigsten Entwicklungen
für 2017
 prognostiziert. Das Feld reicht von Livestreaming in den sozialen Medien während Veranstaltungen via Meerkat, Periscope oder Facebook Live über Big Data, Marketing Automation und Software-Integration bis hin zu Virtual Reality und Gesichtserkennungen. Einen „Bonus-Trend“ führt Ball aber jedes Jahr wieder auf: Trotz der verstärkten Nutzung von Event-Technologien bleiben Face-to-Face-Meetings und Messen weiterhin ohne Alternative. „There is no such thing as a virtual beer!“, scherzt er gerne und regelmäßig bei seinen Vorträgen. Corbin Ball beschreibt die technologischen Möglichkeiten für Veranstaltungen gerne so: wie ein gutes Instrument.  CHRISTIAN FUNK 

www.open-innovation.messe-muenchen.dewww.leipzig-interventional-course.comwww.myesr.org/ecr-2017www.meta-fusion.comwww.nh-hotels.dewww.bauma.dewww.gcb.dewww.cvent.de

Datenschutz