1. KONGRESS DER MZEBS

Versorgungslücke schließen

Der „1. Kongress der medizinischen Zentren für Erwachsene mit Behinderung“ setzt sich mit der dringend notwendigen Versorgung für Behinderte auseinander. Sogenannte MZEBs sind im Kommen.

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m 1. und 2. März 2018 findet in Rummelsberg bei Nürnberg der „1. Kongress der medizinischen Zentren für Erwachsene mit Behinderung“ statt. Eine sperrige Bezeichnung, die die enorme Tragweite, die sich dahinter verbirgt, etwas verschleiert. Dass dieser Kongress 2018 seine Premiere feiert, liegt daran, dass es die sogenannten „MZEB“s (Medizinische Behandlungszentren für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen) erst gibt, seitdem das Versorgungsstärkungsgesetz 2015 verabschiedet wurde. Zuvor herrschte eine klaffende medizinische Versorgungslücke für schwerbehinderte Erwachsene.


„Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen benötigen eine komplexe medizinische Versorgung, die speziell auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist“, erklärt Kongresspräsident Dr. Martin Winterholler. „Doch während betroffene Kinder bis zum 18. Lebensjahr diese Versorgung in den Sozialpädiatrischen Zentren erhalten, wurden Erwachsene in Deutschland allgemeinmedizinisch in der Regel von Hausärzten betreut.“ Ein komplizierter Sachverhalt, denn die Behandlung erfordert in vielen Fällen Spezialisierung – beispielsweise können geistig behinderte Menschen ihre Krankheits- Symptome oft nicht beschreiben – und vor allem Zeit.

Mit der Erlassung des § 119c SGB V wurden schließlich die gesetzlichen Grundlagen für die MZEBs geschaffen. Der Gesetzerlass ist zudem Anlass der Gründung einer Bundesarbeitsgemeinschaft MZEB (BAG-MZEB), die den Prozess der Etablierung, Förderung, konzeptionellen Weiterentwicklung und Integration der MZEBs in die regionalen Versorgungsstrukturen vorantreiben soll. Die BAG-MZEB veranstaltet den Kongress gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Medizin für Menschen mit geistiger Behinderung (DGMGB).

Hinter dem 1. Kongress der MZEBs verbirgt sich eine Veranstaltung mit enormer Tragweite.
FOTO: INES MÄNNL

„Fast jeden Monat nimmt derzeit ein neues ,Medizinisches Zentrum für Menschen mit mehrfacher und geistiger Behinderung‘ seine Arbeit auf“, begrüßt Winterholler die rund 300 Teilnehmer des Kongresses. „Noch steht die Entwicklung der MZEBs aber am Anfang.“ Diese Entwicklung sei der jahrzehntelangen Arbeit vieler engagierter Kollegen und Experten der DGMGB, den Fachverbänden der Behindertenhilfe und anderen Organisationen zu verdanken, die unermüdlich auf die Notwendigkeit einer spezialisierten Versorgung für Menschen mit schwerer Behinderung hingewiesen hätten.

„Die neuen Zentren stellen für alle Beteiligten eine große Herausforderung und Chance dar: erstmals kann in Deutschland mit einem multidisziplinären Ansatz eine verbesserte Diagnostik und Behandlung für Menschen mit Behinderung unabhängig von der Wohnform in größerem Umfang sichergestellt werden“, so Winterholler. „Wir wollen mit dieser Tagung den Bogen von fachlich-wissenschaftlichen Themen hin zu Fragen der Organisation, der Gestaltung und des Betriebs der neuen Zentren spannen.“

Die Organisation dieser neuen Behandlungszentren ist dann auch eines der zentralen Themen des Kongresses. So setzt sich eine eigene Vortragsstrecke mit dem Aufbau der MZEBs auseinander und behandelt Themen wie Transdisziplinarität, Teambuilding und Konfliktmanagement. Zudem gibt es Workshops über die „Expedition in unbekannte Gebiete“. Andere Vorträge und Workshops haben Titel wie „Kommunikation mit Menschen mit schwerer geistiger Behinderung“ oder „Down- Syndrom im Erwachsenenalter: Leitliniengerechte Therapie“.

Der Gesellschaftsabend findet im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg statt.
FOTO: INES MÄNNL

PCO INTERCONGRESS

Die Intercongress GmbH ist eine der führenden Kongressagenturen in Deutschland. Der Professional Congress Organizer (PCO) ist spezialisiert auf medizinische und wissenschaftliche Veranstaltungen in der DACH-Region und seit 1992 am Markt mit Standorten in Berlin, Düsseldorf, Freiburg und Wiesbaden. Intercongress unterstützt rund 50 internationale und nationale Kongresse mit insgesamt 24.000 Delegierten und mehr als 900 ausstellenden Unternehmen pro Jahr. 
www.intercongress.de

„Natürlich werden auf dem Kongress neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder Ergebnisse aus Forschungsreihen vorgestellt“, sagt Winterholler, „wir erhoffen uns aber in erster Linie eine grundsätzliche Stärkung der Medizin für Menschen mit geistiger Behinderung, wollen größere Aufmerksamkeit erzielen und so den Aufbau weiterer Zentren fördern.“

Kongresspräsident Winterholler ist Chefarzt der Klinik für Neurologie am Krankenhaus Rummelsberg, wo am 5. März 2018 selbst ein MZEB eröffnet wurde. „Mit dem §119c SGB V wurde eine gesetzliche Grundlage für die Errichtung von MZEBs geschaffen, die nun überall in Deutschland entstehen. Wir sind hoch erfreut, dass hier in Rummelsberg ein solches Versorgungszentrum entsteht. An einem Ort, an dem bereits Menschen mit Behinderung leben, die spezielle medizinische Versorgung benötigen.“ Der bisherige leitende Oberarzt der Klinik für Neurologie, Dr. Frank Kerling, wird Leiter des ambulanten Zentrums. Dieses entsteht im Wichernhaus des Krankenhauses in Rummelsberg, wo auch Teile des Kongresses stattfinden. Der Hauptvortragssaal befindet sich im benachbarten Berufsbildungswerk. Beide Locations sind barrierefrei. „Das war uns im Vorfeld selbstverständlich ein Anliegen“, so Winterholler. Der interdisziplinäre Ansatz schließt für die Veranstaltung alle ein, die in den neuen Zentren arbeiten, beziehungsweise arbeiten werden, unabhängig von der Profession: Therapeuten, Ärzte, aber auch in der Organisation und Verwaltung der MZEB Tätige. Da beispielsweise im Rummelsberger Berufsbildungswerk selbst Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen arbeiten, ist die Barrierefreiheit ein positiver Nebeneffekt für den Kongress.

Kongresspräsident Winterholler: „Wichtige Veranstaltung für unsere Arbeit und die Betroffenen selbst.“
FOTO: INES MÄNNL

Aus Winterhollers Sicht ist sein Krankenhaus der ideale Austragungsort für diesen ersten Kongress zum aktuellen Thema: „Rummelsberg kann auf eine jahrzehntelange Erfahrung in der medizinischen Behandlung und Förderung von Menschen mit Behinderung zurückblicken.“ Zudem bietet der Standort hervorragende Voraussetzungen für eine interdisziplinäre Herangehensweise: Ansässig sind eine Diakonie, ein Berufsbildungswerk, ein Förderzentrum, Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), Behinderteneinrichtungen sowie eine orthopädische und eine neurologische Klinik. Der Gesellschaftsabend findet im Germanischen Nationalmuseum im benachbarten Nürnberg statt. Für den Kongresspräsidenten ein weiteres passendes Puzzleteil: „Nürnberg ist als Stadt nazistischer Verbrechen, Ort der Ärzteprozesse, aber auch als ,Stadt der Menschenrechte‘ für uns ein geeigneter Ort des Gedenkens und des Neubeginns.“

Unterstützt wird der Kongress von Intercongress. „Dadurch, dass das Krankenhaus und das Berufsbildungswerk keine gewöhnlichen Tagungslocations sind, war die Organisation tatsächlich eine etwas ungewöhnliche Herausforderung.“, beschreibt Alisa Ganter vom Freiburger PCO (Professional Congress Organizer) die Veranstaltung. Während des Kongresses wurden Auszubildende des Berufsbildungswerkes bei der Technik und Einlasskontrolle eingebunden. Das sind junge Menschen mit Behinderung, Benachteiligung, mit Lernschwierigkeiten oder einer psychischen Erkrankung. Das brachte ganz eigene, für Ganter besondere Erfahrungen mit sich. „Die Auszubildenden waren unglaublich hilfsbereit und mit viel Engagement bei der Sache. Was besonders auffallend war, ist, wie sympathisch und dankbar die Menschen im Umgang mit uns waren. Diese Eindrücke werden mir persönlich in Erinnerung bleiben.“

Das dürfte Dr. Winterholler gefallen, denn ein wichtiges Anliegen des „1. Kongresses der medizinischen Zentren für Erwachsene mit Behinderung“ ist es, Aufmerksamkeit zu schaffen. „Ich persönlich habe mich sehr über den Zuspruch und die Qualität der Besucher gefreut“, bestätigt er. „Im Grunde war das ,Who is Who‘ derjenigen vor Ort, die sich auf dem Gebiet der Versorgung für Menschen mit Behinderung in Deutschland engagieren. Deswegen ist eine solche Veranstaltung auch so wichtig für uns als Klinik, für die Arbeit der Verbände und nicht zuletzt für die Betroffenen selbst.“  CHRISTIAN FUNK
 

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